Tag & Nacht


Es beginnt meist unscheinbar.
Ein Kind trödelt morgens.
Der Schulweg fühlt sich plötzlich schwer an.
Und irgendwo zwischen Brotdose und Klassenzimmer kippt etwas.

Mobbing in der Schule ist kein Randthema und kein vorübergehender Kinderkram. Es ist eine soziale Realität, die viele Familien betrifft – oft, ohne dass sie es sofort merken. Internationale Erhebungen der UNESCO zeigen: Weltweit erlebt etwa ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler Gewalt, Ausgrenzung oder systematische Einschüchterung im schulischen Umfeld. In Europa trifft wiederholtes Mobbing rund jedes sechste Kind.

Ein Sechstel.
Das sitzt in fast jeder Klasse.
Und schaut oft weg – oder leidet still.


Kein Streit, sondern ein System

Mobbing ist kein normaler Konflikt.
Kein gegenseitiges Necken.
Und ganz sicher kein notwendiger Härtetest fürs Leben.



Es folgt klaren Regeln: Wiederholung, Machtungleichgewicht, Publikum. Ein Kind gerät ins Visier, andere sichern sich ihre Position durch Mitmachen oder Schweigen. Das geschieht auf dem Pausenhof, im Klassenchat oder über soziale Netzwerke. Besonders Cybermobbing kennt keine Pausenklingel – es begleitet Kinder bis ins Bett.

Forschende beschreiben Mobbing als Gruppendynamik mit festen Rollen. Täter, Betroffene, Mitläufer, stille Beobachter. Studien der University of Rochester zeigen deutlich: Gerade das Wegsehen stabilisiert das Geschehen. Schon ein einziger Zeuge, der eingreift oder Hilfe holt, kann die Dynamik brechen.

Warum fällt genau das so schwer?


Wenn die Folgen leise sind, aber tief gehen

Die Spuren von Mobbing sind selten laut. Sie schleichen sich ein.
Die Noten sinken.
Freundschaften lösen sich auf.
Das Selbstvertrauen bröckelt.

Berichte des Ministère de l’Éducation nationale weisen auf ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden hin. Bauchschmerzen ohne medizinischen Befund. Schlaflose Nächte. Sätze wie: Ich bin halt komisch.

Manche Kinder ziehen sich komplett zurück. Andere reagieren mit Wut. Und dann gibt es jene Fälle, die das Land erschüttern. Namen wie Marion Fraisse oder Thybault Duchemin stehen nicht für Statistik, sondern für das schmerzhafte Versagen früher Warnsysteme.

Wer jetzt denkt, das betreffe nur andere Schulen, täuscht sich.


Warum Mobbing so hartnäckig bleibt

Ein Grund liegt in der Bagatellisierung.
Ein anderer im Zeitmangel.
Und ein dritter im falschen Verständnis von Disziplin.

Mobbing entsteht selten aus dem Nichts. Es wächst in Umgebungen, in denen Konkurrenz über Kooperation steht, Unterschiede nicht geschützt und Warnsignale übersehen werden. Fachleute betonen seit Jahren: Es geht nicht um einzelne „schwierige Kinder“, sondern um das soziale Klima.

Besonders entscheidend sind die Mitschüler. Sie entscheiden täglich – oft unbewusst –, ob sie anfeuern, schweigen oder stoppen. Diese Erkenntnis verändert den Blick: Prävention richtet sich nicht nur an Täter und Opfer, sondern an alle.


Handeln statt hoffen – was wirklich hilft

Zuhören ist der Anfang.
Handeln folgt sofort.

Eltern, die Veränderungen wahrnehmen, sollten nicht abwarten. Gespräche ohne Relativierung öffnen Türen. Dokumentierte Vorfälle schaffen Klarheit. Der Kontakt zur Schule bringt Bewegung. Dabei zählt nicht Lautstärke, sondern Konsequenz.

Schulen wiederum profitieren von klaren Strukturen: feste Ansprechpersonen, anonyme Befragungen, geschulte Teams. Präventionsprogramme, soziale Lernformate und regelmäßige Sensibilisierung verändern das Klima nachhaltig. Studien zeigen: Dort, wo Empathie gelernt und gelebt wird, sinkt Mobbing messbar.

Braucht das Zeit?
Ja.
Lohnt es sich?
Absolut.


Mehr als ein Schulproblem

Mobbing spiegelt gesellschaftliche Muster. Macht, Ausgrenzung, Statusdenken. Wer es bekämpfen will, muss tiefer ansetzen. Der französische Gewaltforscher Éric Debarbieux beschreibt es treffend: Schule lässt sich nicht von der Gesellschaft abschotten. Sie kann jedoch zeigen, wie respektvolles Zusammenleben aussieht.

Nicht mit schönen Leitbildern an der Wand.
Sondern im Alltag.
Jeden Tag.


Kinder brauchen keine perfekten Schulen.
Sie brauchen sichere.

Und Erwachsene, die hinschauen, zuhören und handeln – auch wenn es unbequem wird. Denn jedes Kind, das heute geschützt wird, trägt morgen weniger Last.

Ein Artikel von M. Legrand

Neues E-Book bei Nachrichten.fr







Du möchtest immer die neuesten Nachrichten aus Frankreich?
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!