Tag & Nacht


Der Donnerstag, der 29. Januar 2026, wird im Département Seine-Maritime als ein Tag in Erinnerung bleiben, an dem scheinbar banale Winterbedingungen den Straßenverkehr binnen Minuten lahmlegten. Kein Schneesturm, kein Orkan, keine spektakuläre Wetterwarnung. Stattdessen dichter, gefrierender Nebel – leise, unscheinbar und doch von erstaunlicher Wucht.

In den frühen Morgenstunden trifft es besonders die Autobahn A28 nördlich von Rouen. Zwischen den Anschlussstellen Rouge-Terre und Moulin-d’Écalles reihen sich auf einer Strecke von kaum 500 Metern Unfall an Unfall. Sechzehn Fahrzeuge, darunter zwei Lastwagen, bleiben beschädigt auf der Fahrbahn zurück. Die Sicht ist stark eingeschränkt, die Orientierung schwierig, die Straße tückisch glatt. Wer hier unterwegs ist, erkennt die Gefahr oft erst im Moment des Kontrollverlusts – ein kurzer Ruck im Lenkrad, ein blockierendes Rad, dann der Aufprall. Zack, Feierabend.

Erstaunlich ist, dass der menschliche Schaden vergleichsweise gering ausfällt. Sieben Menschen verletzen sich, fünf davon kommen zur weiteren Abklärung ins Krankenhaus. Angesichts der Unfalldichte und der beteiligten Fahrzeuge wirkt diese Bilanz fast milde. Die Autobahn muss dennoch zeitweise komplett gesperrt werden. Der Verkehr staut sich, Einsatzfahrzeuge manövrieren im Schritttempo durch stehende Kolonnen, Blaulicht spiegelt sich im milchigen Grau des Nebels.

Doch die A28 bleibt kein Einzelfall. Über das gesamte Département verteilt registrieren Polizei und Rettungsdienste im Laufe des Vormittags eine weitere Serie von Kollisionen. Rund ein Dutzend zusätzliche Unfälle, vor allem auf Nebenstraßen und Pendlerachsen, fordert nochmals etwa fünfzehn Verletzte. Meist Prellungen, Schleudertraumata, ein gehöriger Schreck. Für viele beginnt der Tag nicht im Büro, sondern im Straßengraben oder auf der Liege eines Rettungswagens.



Meteorologisch wirkt das Geschehen unspektakulär, beinahe lehrbuchhaft. Gefrierender Nebel entsteht, wenn feuchte Luft bei Temperaturen um den Gefrierpunkt abkühlt. Die in der Luft schwebenden Wassertröpfchen schlagen sich auf kalten Oberflächen nieder und gefrieren dort augenblicklich. Zurück bleibt eine hauchdünne, nahezu unsichtbare Eisschicht. Kein weißer Reif, kein auffälliges Glitzern. Nur Asphalt, der seinen Grip verloren hat. Genau das macht den Nebel so gefährlich. Er tarnt die Gefahr, statt sie anzukündigen.

In der Normandie gehört Nebel zum Winter wie der Wind zur Küste. Doch in Kombination mit Temperaturen nahe null verwandelt er Straßen innerhalb kürzester Zeit in glatte Fallen. Selbst vorsichtige Fahrer geraten ins Rutschen, wenn Geschwindigkeit und Abstand nicht konsequent angepasst sind. Auf Autobahnen verschärft sich das Problem zusätzlich. Hohe Reisegeschwindigkeiten, dichter Verkehr, eingeschränkte Sicht – ein kleiner Fehler genügt, und es kommt zur Kettenreaktion.

Die Ereignisse dieses Tages stehen zudem in einem größeren Zusammenhang. Bereits eine Woche zuvor hatte ein kräftiges Sturmtief weite Teile Nordfrankreichs beschäftigt, Verkehrsverbindungen unterbrochen und die Infrastruktur belastet. Auf den Sturm folgt nun die Kälte, auf den Regen der Nebel. Das Zusammenspiel dieser Wetterlagen erhöht das Risiko, ohne dramatisch auszusehen. Genau darin liegt die Krux. Gefrierender Nebel wirkt harmlos, beinahe banal. Und genau deshalb unterschätzen ihn viele.

Sicherheitsfachleute weisen seit Jahren darauf hin, dass die Kombination aus eingeschränkter Sicht und glatter Fahrbahn zu den unfallträchtigsten Szenarien im Winter zählt. Bremswege verlängern sich drastisch, Reaktionszeiten schrumpfen, Abstände reichen plötzlich nicht mehr aus. In solchen Momenten entscheidet nicht Fahrpraxis, sondern Physik. Und die ist gnadenlos.

Die Behörden mahnen deshalb zur Vorsicht. Geschwindigkeit deutlich reduzieren, Sicherheitsabstände vergrößern, abrupte Lenk- oder Bremsmanöver vermeiden. Das klingt nach Routine, nach Fahrschulwissen. Doch der Morgen des 29. Januar zeigt, wie schnell diese Regeln im Alltag vergessen werden. Ein paar Minuten Zeitgewinn, ein kurzer Blick aufs Handy, ein zu später Bremsversuch – und schon reiht man sich ein in eine Kette von Unfällen.

Der Tag endet ohne Todesopfer, aber mit einer klaren Botschaft. Das Straßennetz ist verwundbar, gerade in Regionen mit dichtem Verkehr. Gefrierender Nebel ist kein Randphänomen, sondern ein ernstzunehmender Gegner. Vielleicht braucht es weniger Technik und mehr Bewusstsein. Denn manchmal genügt ein unscheinbarer Schleier, um aus einer gewöhnlichen Fahrt einen gefährlichen Balanceakt zu machen.

Autor: Daniel Ivers

Neues E-Book bei Nachrichten.fr







Du möchtest immer die neuesten Nachrichten aus Frankreich?
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!