Tag & Nacht


Es ist früh am Morgen, irgendwo zwischen Nebel, Nieselregen und der salzigen Luft des Ärmelkanals. In der Zone du Virval, einem unscheinbaren Industriegebiet nahe Calais, endet Ende Januar 2026 erneut ein Provisorium. Zelte werden abgebaut, Decken zusammengefaltet, Habseligkeiten in Plastiktüten gestopft. Rund 650 Menschen verlassen einen Ort, der nie als Zuhause gedacht war und doch für Wochen oder Monate genau das für sie bedeutete.

Man kennt diese Bilder. Und trotzdem treffen sie einen jedes Mal wieder.

Denn hinter der nüchternen Verwaltungsformel „mise à l’abri“ steckt mehr als Logistik. Da geht es um Müdigkeit, um Hoffnung, um diese eigentümliche Mischung aus Erleichterung und Angst. Erleichterung, weil es erst einmal ein Dach gibt. Angst, weil niemand so genau weiß, was danach kommt.


Ein Freitagmorgen, der vieles bündelt

Am Freitag, dem 30. Januar 2026, rücken Polizeikräfte, Sozialdienste und Vertreter der Präfektur an. Die Evakuierung verläuft ruhig, sagen die Behörden später. Kein Gedränge, keine Eskalation. Ein reibungsloser Ablauf, wie aus dem Lehrbuch.



Die Menschen aus dem Camp werden registriert, gezählt, verteilt. Busse bringen sie in Notunterkünfte, temporäre Aufnahmezentren oder Einrichtungen, die unter anderem vom Office Français de l’Immigration et de l’Intégration verwaltet werden.

„Mise à l’abri“ – ein Wort, das Schutz verspricht. Aber auch eines, das offenlässt, wie lange dieser Schutz anhält.

Ein Beamter sagt sinngemäß: So verhindern wir gefährliche hygienische Zustände. Das stimmt. Niemand bestreitet das. Doch reicht das?


Calais als Brennglas

Calais ist keine normale Stadt. Oder besser gesagt: Sie ist eine ganz normale Stadt – mit Bäckereien, Schulen, Supermärkten – und gleichzeitig ein europäisches Brennglas.

Hier verdichten sich seit Jahrzehnten humanitäre globale Krisen auf wenigen Quadratkilometern. Kriege, Armut, politische Verfolgung. Und am Horizont, oft sichtbar bei klarem Wetter: Großbritannien.

Nur 34 Kilometer entfernt. Ein Katzensprung. Und doch eine andere Welt.

Warum bleiben so viele Menschen genau hier hängen? Weil das Ziel greifbar scheint. Weil familiäre Netzwerke, Sprachkenntnisse oder Arbeitsversprechen jenseits des Kanals warten. Weil Dublin-Verordnungen, Grenzregime und bilaterale Abkommen ihre ganz eigenen Schleifen drehen.

Und weil Calais seit Jahren für viele nur eines ist: eine Zwischenstation.


Rückblende: Der Dschungel, der nie ganz verschwand

Wer über Calais spricht, kommt an dem „Jungle“ nicht vorbei. Dieses improvisierte Lager, das 2016 offiziell geräumt wurde, lebte in den Köpfen weiter – bei Anwohnern, Politikern, Aktivisten.

Damals lebten dort zeitweise mehrere Tausend Menschen. Holzverschläge, Moscheen, Kirchen, kleine Läden. Chaos, aber auch eine seltsame Form von Ordnung. Nach der Räumung versprach der Staat: Keine neuen Fixpunkte mehr.

Die sogenannte Politik des „pas de point de fixation“ prägt seitdem das Vorgehen. Camps sollen gar nicht erst entstehen. Doch Menschen verschwinden nicht einfach. Sie weichen aus, bauen neu, ziehen weiter – und kehren zurück.

Ein ewiger Kreislauf.


Die Logik der Evakuierungen

Aus Sicht der Behörden ergibt alles Sinn. Informelle Camps bergen Risiken: Krankheiten, Brände, Gewalt. Auch Schleuser nutzen diese Orte. Evakuierungen dienen der Prävention, sagen Verantwortliche.

Und ja, kurzfristig verbessert sich die Lage oft. Duschen, warme Mahlzeiten, medizinische Versorgung. Für viele eine Atempause.

Doch was passiert nach ein paar Tagen oder Wochen?

Hier beginnt die Grauzone. Manche beantragen Asyl in Frankreich. Andere verlassen die Unterkünfte freiwillig, um erneut Richtung Küste zu ziehen. Wieder andere tauchen unter, aus Angst vor Abschiebung.

Ein Sozialarbeiter formuliert es einmal so: Wir drehen an Stellschrauben, aber der Motor läuft weiter.


Stimmen der Zivilgesellschaft

Hilfsorganisationen wie Utopia 56 begleiten diese Prozesse seit Jahren. Sie verteilen Essen, Kleidung, Informationen. Und sie kritisieren.

Nicht laut, nicht schrill – sondern beharrlich.

Ihr Hauptargument: Evakuierungen ohne langfristige Perspektiven erzeugen chronische Instabilität. Menschen verlieren soziale Anker, medizinische Behandlungen werden unterbrochen, Vertrauen schwindet.

Eine Ehrenamtliche sagt am Rande einer früheren Räumung:
Heute sind sie in Sicherheit, morgen wieder auf der Straße. Das macht etwas mit diesen Menschen.

Klartext, ohne Pathos.


Europa im Kleinen

Was in Calais geschieht, spiegelt europäische Debatten wider. Wer ist zuständig? Wer trägt Verantwortung? Wie lassen sich Grenzen schützen, ohne Menschenrechte auszuhöhlen?

Frankreich verweist auf Abkommen mit Großbritannien. Großbritannien verweist auf Frankreich. Die Europäische Union ringt um Reformen des Asylsystems.

Und währenddessen stehen Menschen im Regen, buchstäblich.

Ist es zynisch, Calais als Labor europäischer Migrationspolitik zu bezeichnen? Vielleicht. Aber der Begriff trifft einen Nerv.


Zwischen Kontrolle und Mitgefühl

Natürlich braucht es Ordnung. Natürlich braucht es Regeln. Das bestreitet kaum jemand.

Doch reicht Ordnung allein aus?

Die Evakuierung vom Januar 2026 zeigt erneut diese Spannung. Auf der einen Seite professionelle Abläufe, koordinierte Einsätze, offizielle Kommuniqués. Auf der anderen Seite Biografien, die sich nicht in Zahlen pressen lassen.

650 Personen. Das klingt überschaubar. Doch jede dieser Zahlen steht für eine Geschichte. Für Entscheidungen, die oft unter Zwang getroffen wurden. Für Wege, die selten geradlinig verlaufen.


Ein kurzer Moment der Ruhe

Nach der Räumung wirkt das Gelände leer. Der Wind weht über matschigen Boden, zurück bleiben Abdrücke von Zelten. Ein paar vergessene Handschuhe.

Für die Stadt bedeutet das erst einmal Entlastung. Für die Politik ein Signal der Handlungsfähigkeit.

Für die Betroffenen? Eine Nacht in einem Bett. Vielleicht zwei. Dann neue Fragen.

Ein junger Mann aus dem Sudan, bei einer früheren Aktion gefragt, was er sich wünsche, antwortete:
Einen Ort, an dem ich bleiben darf. Nicht nur schlafen.

So einfach. So kompliziert.


Der Blick nach vorn

Was also tun? Mehr Unterkünfte? Schnellere Asylverfahren? Legale Zugangswege? Europäische Verteilung?

Alles richtig. Alles bekannt. Und trotzdem stockt es.

Calais bleibt vorerst das, was es seit Jahren ist: ein Ort des Wartens. Ein Knotenpunkt. Eine Stadt zwischen Hoffnung und Ermüdung.

Manchmal fragt man sich unwillkürlich: Wie viele Räumungen braucht es noch, bis sich wirklich etwas ändert?
Und gleich danach die nächste Frage: Was bedeutet Veränderung überhaupt – für Staaten, für Städte, für die Menschen auf der Durchreise?


Ein Sonntag in Calais

An diesem Sonntag nach der Evakuierung gehen Familien spazieren, Möwen kreischen, Fähren legen ab. Der Alltag kehrt zurück, zumindest oberflächlich.

Doch unter dieser Oberfläche arbeitet es weiter. Die nächste Gruppe baut vielleicht schon wieder Zelte ein paar Kilometer entfernt. Die nächste Evakuierung lässt nicht lange auf sich warten.

Calais schläft nie wirklich, was dieses Thema angeht.

Und vielleicht liegt genau darin die Tragik – und die Aufgabe.

Ein Artikel von M. Legrand

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