Tag & Nacht


Manchmal reicht ein Titel, um alles in Bewegung zu setzen. Baise-en-ville klingt frech, roh, beinahe respektlos. Und doch steckt darin etwas Zartes, fast Verletzliches. Ein Versprechen auf Eskapismus, auf eine Nacht woanders, auf ein Leben jenseits von Kreisverkehren und Parkplätzen. Genau dort setzt dieser Film an – nicht im Zentrum, sondern draußen, wo die S-Bahn pfeift und dann einfach nicht mehr fährt.

Der erste Eindruck täuscht nicht. Hier geht es nicht um billige Provokation, sondern um Nähe. Um junge Menschen, die zwischen Beton und Feldern festhängen, zwischen Hoffnung und Fahrplan. Der Film schaut ihnen über die Schulter, hört zu, lacht mit ihnen. Und plötzlich fühlt sich diese ferne Banlieue sehr nah an.

Ein kurzer Moment Stille.

Dann dröhnt Musik, Neonfarben flackern, Smartphones vibrieren. Willkommen in einer Welt, die selten im Kino auftaucht – und wenn doch, dann meist grau gefiltert. Nicht hier.



Randlagen des Lebens

Die Kamera gleitet über Supermarktparkplätze, Bushaltestellen ohne Dach, Neubausiedlungen mit identischen Gärten. Wer hier wohnt, kennt das Gefühl: Paris wirkt greifbar nah und doch meilenweit entfernt. Ein falscher Anschluss, ein verpasster letzter Zug – zack, wieder zuhause. Klingt banal? Ist es nicht. Diese Logistik bestimmt Freundschaften, Liebschaften, ganze Biografien.

Der Film beobachtet eine Clique junger Erwachsener, die sich arrangiert. Jobben hier, abhängen dort, träumen überall. Sie sind weder klassische Vorstadt Rebellen noch romantisierte Provinzkinder. Sie existieren dazwischen. Und genau dieses Dazwischen trägt die Erzählung.

Der titelgebende Beutel – ein schnell gepacktes Täschchen für die Nacht – steht sinnbildlich für ihr Leben. Immer bereit aufzubrechen, nie ganz angekommen. Wer kennt das nicht?

Pop statt Pathos

Visuell schlägt der Film einen anderen Ton an als viele Sozialdramen. Knallige Farben, schnelle Schnitte, ein Soundtrack, der hängen bleibt. Das wirkt frisch, manchmal sogar verspielt. Aber nie leer. Die Pop Ästhetik fungiert als Schutzschild – sie federt Härte ab, ohne sie zu leugnen.

Hier liegt eine der großen Stärken: Der Film zeigt prekäre Realität, ohne sie zu erdrücken. Er vertraut auf Leichtigkeit. Auf Lachen. Auf kleine absurde Momente, die plötzlich alles sagen. Ein missglücktes Date am Bahnhof. Eine Party, die endet, bevor sie richtig beginnt. Ein Gespräch im Auto, irgendwo zwischen Hoffnung und Resignation.

Und zwischendurch dieser Gedanke: Hätte alles anders laufen können, wenn die Bahn öfter fährt?

Figuren mit Herz und Ecken

Was sofort auffällt: Diese Figuren wirken nicht konstruiert. Keine Schablonen, keine pädagogischen Platzhalter. Sie reden, wie Menschen reden. Mal klug, mal daneben. Mal laut, mal ganz leise. Eben echt.

Da ist der Typ, der große Sprüche klopft, aber beim kleinsten Gefühl einknickt. Da ist die Frau, die klar sieht, was sie will, aber ständig rechnen muss – Zeit, Geld, Wege. Und da sind Freundschaften, die tragen, obwohl alle wackeln. Oder gerade deshalb.

Die Dialoge sitzen. Kein bemühtes Jugendvokabular, kein anbiedernder Slang. Man hört zu und denkt: Ja, so klingt das draußen. So klingt ein Leben, das sich nicht geschniegelt anfühlt.

Gesellschaft im Hintergrund

Der Film schreit nicht nach Veränderung. Er zeigt sie. Oder besser: Er zeigt, warum sie nötig wirkt. Öffentlicher Nahverkehr als Schicksalsfrage. Wohnraum als Lotterie. Nähe als Privileg. All das schwingt mit, ohne platt zu wirken.

Politisch? Klar. Aber eher beiläufig. Ein Nebensatz, ein Blick, ein genervtes Lachen an der Haltestelle. Keine Schuldzuweisungen, keine Thesen. Nur Alltag. Und der hat es in sich.

Gerade diese Zurückhaltung überzeugt. Die Banlieue lointaine erscheint weder als Hölle noch als romantischer Ort der Solidarität. Sie zeigt sich als Raum voller Widersprüche – anstrengend, aber lebendig. Eng, aber voller Ideen. Ein Ort, der Menschen formt.

Komödie mit Nachhall

Man lacht viel in diesem Film. Wirklich. Aber das Lachen hallt nach. Es bleibt dieses Ziehen im Bauch, dieses leise Erkennen. Vielleicht, weil die Geschichten nicht abgeschlossen wirken. Vielleicht, weil das Ende keine große Erlösung liefert.

Muss es das überhaupt?

Der Film erlaubt Unfertigkeit. Er lässt Figuren stehen, gehen, scheitern. Genau darin liegt seine Ehrlichkeit. Das Leben löst sich nicht in zwei Stunden auf. Und das Kino darf das ruhig zeigen.

Natürlich ließe sich mäkeln. Ein paar lose Fäden, ein Finale, das etwas zu rund daherkommt. Aber ehrlich – wen stört das wirklich, wenn das Gesamtgefühl trägt?

Generation zwischen Gleisen

Dieser Film gehört zu einer neuen Generation französischer Komödien, die den Mut hat, genauer hinzuschauen. Nicht nur ins Zentrum, sondern an die Ränder. Dorthin, wo viel passiert und wenig erzählt wird.

Er spricht Menschen an, die sich selbst irgendwo zwischen Abfahrtstafel und Chatverlauf wiederfinden. Die wissen, wie es sich anfühlt, ständig unterwegs zu sein, ohne wirklich anzukommen. Die lieben, zweifeln, planen – und doch oft warten.

Vielleicht liegt genau darin seine Kraft. Er nimmt ernst, ohne schwer zu werden. Er unterhält, ohne zu verharmlosen. Und er erinnert daran, dass Geschichten überall entstehen – auch zwischen Kreisverkehr und Bahnhofskiosk.

Am Ende bleibt ein warmes Gefühl. Kein lauter Knall, sondern ein leises Nicken. Ja, so ist das manchmal. Und ja, das reicht.

Oder anders gesagt: Ein Film, der nicht alles erklärt, aber viel versteht. Und das tut gut – verdammt gut sogar.

Ein Artikel von M. Legrand

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