Tag & Nacht


Es gibt Justizfälle, die lassen sich nicht einfach abhaken. Sie verschwinden nicht in Archiven, sie schlafen nicht ein. Sie warten. Still, hartnäckig, manchmal jahrzehntelang. Der Fall Alessandri gehört genau in diese Kategorie. Ein Tötungsdelikt aus dem Sommer 2000, drei Verurteilungen, ein scheinbar endgültiges Urteil. Und doch: Das letzte Wort scheint noch lange nicht gesprochen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Tat sorgt ein neues Buch für Unruhe – nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in juristischen Kreisen. Alte Gewissheiten geraten ins Wanken, neue Fragen stehen im Raum. War alles wirklich so eindeutig, wie es die Gerichte entschieden haben? Oder hat sich die Wahrheit damals leise davongeschlichen?


Eine Sommernacht in der Provence

Pernes les Fontaines im Département Vaucluse. Eine Kleinstadt, wie sie typisch für die Provence ist. Kopfsteinpflaster, alte Brunnen, warme Nächte. Im Juli 2000 liegt die Hitze schwer über den Häusern. Fenster stehen offen, Zikaden geben den Takt vor.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli endet dieses Idyll abrupt.



Richard Alessandri, Kaufmann und Leiter eines Supermarktes, wird tot in seinem Schlafzimmer aufgefunden. Getötet durch einen Schuss mit Schrotmunition. Neben ihm seine Ehefrau, Edwige Alessandri, körperlich unverletzt, unter Schock. Sie alarmiert die Rettungskräfte. Ihre Aussage: Ein Einbruch. Mehrere Täter. Ein Schuss. Flucht.

Ein klassisches Szenario, sollte man meinen. Doch genau hier beginnt das Unbehagen.


Zweifel von Anfang an

Schon in den ersten Stunden nach der Tat melden sich Zweifel bei den Ermittlern. Keine eindeutigen Einbruchsspuren. Wertgegenstände bleiben zurück. Manche Details passen nicht zusammen. Die Rekonstruktion der Abläufe wirkt brüchig, wie ein Puzzle mit Teilen aus verschiedenen Schachteln.

Die Hypothese eines eskalierten Einbruchs verliert schnell an Boden. Stattdessen rückt das familiäre Umfeld in den Fokus. Ein Schritt, der in vielen Ermittlungen logisch erscheint – und doch so oft fatale Folgen hat.

Edwige Alessandri gerät ins Visier. Aussagen werden seziert. Gesten interpretiert. Pausen in Antworten bekommen Bedeutung. Es entsteht ein Bild, das sich immer weiter verfestigt.

Der Mechanismus ist bekannt. Und gnadenlos.


Drei Prozesse, ein Schuldspruch

Was folgt, ist ein juristischer Marathon. Drei Prozesse vor dem Schwurgericht. Drei Mal ein Schuldspruch. Die letzte Verurteilung im Jahr 2009: zehn Jahre Haft wegen Mordes.

Für die Justiz scheint der Fall abgeschlossen. Akten werden geschlossen, Richter wechseln, das Leben geht weiter.

Nur für eine Person nicht.

Edwige Alessandri beteuert bis heute ihre Unschuld. Ohne Pathos, ohne große Inszenierung. Immer wieder. Jahr für Jahr. In Briefen, Interviews, Anträgen. Sie kämpft um eine Wiederaufnahme des Verfahrens – vergeblich.

Bis jetzt.


Ein Buch als Störsignal

Am 5. Februar 2026 erscheint ein Buch, das den Fall aus dem Dornröschenschlaf reißt: Les Deux Mégots. La vérité sur l’affaire Alessandri. Autor ist der Journalist Geoffrey Le Guilcher, erschienen im Verlag Éditions Goutte d’Or.

Drei Jahre Recherche. Aktenstudium. Gespräche. Ortsbesuche. Der Anspruch des Autors ist klar: nicht provozieren, sondern prüfen. Nicht urteilen, sondern fragen.

Und genau diese Fragen entfalten Sprengkraft.


Die Sache mit den Zigarettenstummeln

Im Zentrum des Buches stehen zwei scheinbar banale Objekte: Zigarettenstummel. Am Tatort gefunden, lange als nebensächlich betrachtet. Doch die DNA darauf erzählt eine andere Geschichte.

Sie stammt nicht von Edwige Alessandri. Sie stammt von einem Mann, der wegen Einbrüchen polizeibekannt ist. Und nicht nur das. Laut Le Guilcher deutet alles darauf hin, dass insgesamt vier Personen an einem Einbruch beteiligt waren.

Vier. Nicht null. Nicht zwei.

Warum spielte dieser Umstand in den Prozessen kaum eine Rolle? Warum wurde diese Spur nie konsequent verfolgt? Fragen, die beim Lesen hängen bleiben – wie Kaugummi unter dem Schuh.


Ein Zeugnis aus dem Schatten

Hinzu kommt ein weiteres Element, das den Fall neu auflädt: die Aussage einer ehemaligen Partnerin eines mutmaßlichen Täters. Sie berichtet von einem Geständnis, von vier Einbrechern, von einem Schuss, der nicht geplant war.

Kein anonymer Brief. Keine diffuse Behauptung. Sondern ein detailliertes Zeugnis, gestützt durch Dokumente, die zum Zeitpunkt der Prozesse unbekannt waren.

Juristisch gesehen spricht man hier von einem möglichen neuen Beweismittel. Etwas, das geeignet ist, ernsthafte Zweifel an der Schuld der Verurteilten zu wecken.

Und genau das ist der Schlüssel für eine Wiederaufnahme.


Der steinige Weg zur Revision

In Frankreich, wie auch anderswo, gilt die Wiederaufnahme eines Strafverfahrens als Ausnahme. Ein Bollwerk gegen die eigene Fehlbarkeit. Die Justiz korrigiert sich ungern selbst. Zu groß ist die Angst vor einem Dammbruch.

Edwige Alessandri hat diesen Weg mehrfach beschritten. Jedes Mal erfolglos. Die Gerichte sahen keine ausreichenden neuen Elemente.

Doch ein umfassend recherchiertes Buch, das forensische Daten, Zeugenaussagen und Ermittlungsfehler zusammenführt, verändert die Lage. Nicht automatisch. Aber spürbar.

Der öffentliche Druck wächst. Medien greifen das Thema auf. Juristen diskutieren. Und irgendwo in einem Büro der Cour de révision landet vielleicht erneut ein Dossier mit einem bekannten Namen.


Mehr als ein Einzelfall

Der Fall Alessandri ist längst mehr als nur ein kleiner Teil der Kriminalgeschichte. Er berührt einen wunden Punkt im Rechtsstaat. Wie gehen Ermittler mit frühen Hypothesen um? Wann wird aus einer Spur ein Dogma? Und wie schwer wiegt ein Zweifel, wenn er spät kommt?

Man denkt unweigerlich an andere Justizirrtümer. An Akten, die sich später als fehlerhaft entpuppten. An Existenzen, die zwischen Paragrafen zermahlen wurden.

Ist die Justiz stark genug, eigene Fehler einzugestehen? Oder ist sie manchmal zu stolz dafür?


Die leise Gewalt eines Urteils

Ein Urteil beendet nicht nur ein Verfahren. Es prägt Leben. Es isoliert. Es stempelt. Selbst nach verbüßter Strafe bleibt etwas zurück – Misstrauen, Zweifel, soziale Kälte.

Edwige Alessandri lebt seit Jahren mit diesem Stempel. Ob schuldig oder unschuldig: Der Preis ist hoch. Für sie. Für ihre Familie. Für alle Beteiligten.

Und genau deshalb lohnt sich der erneute Blick.


Offene Fragen, unbequeme Gedanken

Was, wenn der Einbruch tatsächlich stattgefunden hat?
Was, wenn Ermittler sich zu früh festgelegt haben?

Solche Fragen wirken unbequem. Aber sie sind notwendig. Denn ein Rechtsstaat misst sich nicht an der Anzahl seiner Urteile, sondern an seiner Fähigkeit, Zweifel auszuhalten.

Der Fall Alessandri zwingt uns dazu, genauer hinzusehen. Nicht laut. Nicht hysterisch. Sondern ruhig. Beharrlich. Menschlich.

Und vielleicht liegt genau darin seine größte Bedeutung.


Ein langer Schatten

Ob es zu einem vierten Prozess kommt, bleibt offen. Niemand kann vorhersagen, wie die Gerichte entscheiden werden. Sicher ist nur: Der Fall ist zurück. Und diesmal lässt er sich nicht so leicht zum Schweigen bringen.

Manchmal braucht es Jahre, bis eine Wahrheit wieder anklopft. Manchmal kommt sie in Buchform. Manchmal mit zwei Zigarettenstummeln im Gepäck.

Und manchmal stellt sie eine ganze Gesellschaft vor die unbequeme Frage: Was, wenn wir uns geirrt haben?

Ein Artikel von M. Legrand

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