Tag & Nacht


Frankreich ist kein korrupter Staat. Wirklich nicht. Es gibt keine Oligarchen, die offen Minister ernennen. Keine Koffer voller Bargeld, die am Flughafen übergeben werden. Keine systematische Unterwanderung der Justiz. Die Republik steht. Die Institutionen funktionieren. Die Gesetze sind da. Alles in Ordnung.

Und doch beschleicht viele Bürger ein anderes Gefühl.

Es ist dieses leise, nagende Gefühl, dass Regeln offenbar elastischer sind, wenn man das richtige Parteibuch, die richtige Schule besucht oder die richtige Telefonnummer im Handy hat. Dass Verantwortung zwar ein großes Wort ist, aber erstaunlich selten mit persönlicher Konsequenz endet. Dass Transparenz ein politisches Schlagwort ist – und kein Zustand.

Frankreich ist kein korrupter Staat. Es fühlt sich nur manchmal an wie ein System, das sich selbst schützt.



Man denke an die endlose Parade politischer Affären der vergangenen Jahre. Illegale Parteienfinanzierung? Bedauerlich. Scheinbeschäftigungen? Komplexer Sachverhalt. Beratungsverträge mit Freunden? Missverständnisse. Und natürlich: die stets beschworene Unschuldsvermutung – ein hohes Gut, zweifellos. Nur bleibt am Ende oft der Eindruck zurück, dass es weniger um Aufklärung geht als um Schadensbegrenzung.

Das Paradox ist offensichtlich: Gerade weil die Justiz ermittelt, Prozesse führt und gelegentlich verurteilt, wird sichtbar, wie nah Macht und Grauzone beieinanderliegen. Die Republik demonstriert ihre Rechtsstaatlichkeit – und legt dabei ihre Verwundbarkeit offen.

Nein, Frankreich ist kein korruptes Land. Es ist nur ein Land, in dem erstaunlich viele Bürger überzeugt sind, dass „die da oben“ nach anderen Regeln spielen.

Und dieses Gefühl kommt nicht aus dem Nichts.

Es speist sich aus einer politischen Kultur, die Nähe und Netzwerk oft höher bewertet als Distanz und Transparenz. Aus einer Elite, die sich rekrutiert aus denselben Grandes Écoles, denselben Verwaltungsschulen, denselben sozialen Milieus. Man kennt sich. Man hilft sich. Man versteht sich. Und wenn es einmal kracht, dann mit Stil – und mit Anwälten.

Das Problem ist nicht die offene Bestechung. Es ist die subtile Selbstverständlichkeit, mit der Macht als ein Kreis betrachtet wird, der sich schließt.

Wer im Inneren dieses Kreises steht, spricht von Verantwortung und Komplexität. Wer draußen steht, spricht von Vetternwirtschaft.

Natürlich gibt es Gesetze gegen Korruption. Natürlich gibt es Kontrollinstanzen, Ethikkommissionen, Transparenzregister. Frankreich liebt Institutionen – je mehr, desto besser. Aber zwischen Paragraf und Praxis liegt oft ein weiter Weg. Und auf diesem Weg verliert sich das Vertrauen.

Wenn fast zwei Drittel der Bevölkerung glauben, Korruption sei in der Politik weit verbreitet, dann ist das kein statistisches Missverständnis. Es ist ein politisches Alarmsignal.

Denn in einer Demokratie zählt nicht nur, ob Institutionen formal funktionieren. Entscheidend ist, ob sie als gerecht empfunden werden. Vertrauen ist kein juristischer Tatbestand, sondern ein Gefühl. Und Gefühle lassen sich nicht mit Verordnungen reparieren.

Das eigentlich Bittere ist: Frankreich hat vieles richtig gemacht. Es hat spezialisierte Staatsanwälte geschaffen, Transparenzregeln verschärft, internationale Konventionen ratifiziert. Es ist kein Failed State. Es ist eine alte, stolze Republik mit rechtsstaatlicher Tradition.

Aber vielleicht liegt genau darin das Problem.

Frankreich misst sich selbst am Ideal der République exemplaire – einer vorbildlichen Republik. Und wenn dann wieder ein Minister wegen Interessenkonflikten zurücktritt oder ein ehemaliger Präsident vor Gericht steht, dann wirkt das nicht wie ein Beweis funktionierender Demokratie. Es wirkt wie ein weiterer Riss im republikanischen Selbstbild.

„Seht her, wir verfolgen Korruption“, sagt der Staat.

„Warum gibt es dann so viele Fälle?“, fragt der Bürger.

Der Zynismus wächst im Zwischenraum.

Nein, Frankreich ist kein korruptes Regime. Aber es ist ein Land, in dem Transparenz oft erkämpft werden muss – nicht selbstverständlich ist. Ein Land, in dem politische Moral gerne beschworen wird, aber selten begeistert.

Und vielleicht ist das die eigentliche Krise: nicht die der Korruption, sondern die der Vorbildlichkeit.

In autoritären Staaten weiß jeder, woran er ist. In Frankreich glaubt man noch an das Ideal – und spürt zugleich die Distanz zur Realität. Diese Spannung erzeugt Frustration. Und Frustration ist der Nährboden für populistische Versuchungen, für die Erzählung vom „System“, das sich selbst bedient.

Ironischerweise untergräbt nicht die große, systemische Bestechung die französische Demokratie, sondern die Summe kleiner Unschärfen, halber Erklärungen, verspäteter Rücktritte.

Frankreich ist kein korrupter Staat. Es ist nur ein Staat, der sich angewöhnt hat, Empörung zu verwalten.

Und das ist vielleicht ebenso gefährlich.

Denn eine Republik lebt nicht allein von Gesetzen, sondern von Glaubwürdigkeit. Wenn diese schwindet, bleibt formal alles intakt – nur der Glaube daran bröckelt.

Nein, Frankreich ist nicht korrupt.

Es fühlt sich nur verdammt oft so an.

Ein Kommentar von Daniel Ivers

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