Straßen gleichen Kanälen, Tiefgaragen mutieren zu Becken, in denen Stoßstangen und Autodächer wie Bojen treiben. Was in den sozialen Netzwerken binnen Minuten tausendfach geteilt wird, markiert für die Betroffenen einen teuren Einschnitt. Hunderte Fahrzeuge stehen regelmäßig nach Starkregen unter Wasser – und mit ihnen versinken Ersparnisse, Mobilitätskonzepte und wirtschaftliche Kalkulationen.
Das Auto galt lange als Garant individueller Freiheit. Einsteigen, losfahren, ankommen. Doch in Zeiten zunehmender Extremwetterlagen kippt dieses Versprechen ins Gegenteil. Plötzlich reicht ein Sommergewitter, um aus einer Limousine einen Totalschaden zu machen.
Die finanziellen Folgen tragen zunächst Privatpersonen. Ein moderner Pkw besteht längst nicht mehr nur aus Metall, Gummi und Glas. Sensoren, Steuergeräte, Assistenzsysteme, bei Elektrofahrzeugen komplexe Hochvoltbatterien – all das reagiert empfindlich auf eindringendes Wasser. Schon eine teilweise Überflutung beschädigt Kabelstränge und Elektronik irreversibel. Werkstätten sprechen nüchtern von „wirtschaftlichem Totalschaden“, sobald die Reparaturkosten den Zeitwert übersteigen.
Viele Haushalte trifft ein solcher Moment ins Mark. Die Versicherungen ersetzen zwar den Wiederbeschaffungswert, doch zwischen Gutachten, Regulierung und Auszahlung vergehen Wochen oder Monate. In ländlichen Regionen ohne eng getakteten Nahverkehr bricht in dieser Zeit die Alltagsorganisation auseinander. Der Arbeitsweg, der Einkauf, der Arzttermin – alles gerät ins Rutschen. Wer auf Kredit finanziert hat, zahlt womöglich weiter Raten für ein Fahrzeug, das nur noch Schrottwert besitzt. Ganz ehrlich: Das fühlt sich bitter an.
Hinter jeder überfluteten Straße steht somit eine Vielzahl individueller Kostenpositionen. Abschleppdienste, Standgebühren, Mietwagen, Wertverlust. Hinzu kommt der psychologische Faktor. Eigentum, das oft mit Stolz und Mühe angeschafft wurde, verwandelt sich binnen Stunden in belastenden Sondermüll.
Noch gravierender wirkt der Schaden im gewerblichen Bereich. Autohäuser verlieren komplette Lagerbestände. Vermieter erleben, dass Flotten von Neuwagen unbrauchbar werden. Handwerksbetriebe büßen Transporter ein, die für ihre Aufträge essenziell sind. Ein einzelnes Starkregenereignis summiert sich so rasch auf Millionenbeträge. Versicherer verbuchen Rekordschäden, Prämien steigen, Selbstbeteiligungen klettern. Am Ende zahlen alle – auch jene, deren Fahrzeuge trocken blieben.
Hier zeigt sich die volkswirtschaftliche Dimension des Klimawandels. Extremwetter belastet nicht nur öffentliche Haushalte durch zerstörte Infrastruktur, sondern trifft auch den privaten Konsum und die Investitionsbereitschaft. Wer zwei Totalschäden in fünf Jahren erlebt, überlegt sich den nächsten Fahrzeugkauf gründlicher. Banken kalkulieren Risiken neu. Versicherer differenzieren Tarife nach Postleitzahlen und Gefährdungsklassen. Mobilität erhält einen Risikoaufschlag.
Parallel wächst der ökologische Fußabdruck der Katastrophe. Überflutete Fahrzeuge enthalten Öle, Kraftstoffe, Kühlmittel, Kunststoffe. Sie müssen abgeschleppt, getrocknet, demontiert, recycelt oder entsorgt werden. Speziell bei Elektroautos erfordert der Umgang mit durchnässten Batterien strenge Sicherheitsprotokolle. Das kostet Zeit, Personal und Geld. Die Entsorgungsbranche arbeitet unter Hochdruck, während Kommunen die Verkehrswege freiräumen müssen. Auch diese Ausgaben fließen in die Klimabilanz ein – nur tauchen sie selten im öffentlichen Bewusstsein auf.
Die Ursache liegt nicht allein im Regen. Versiegelte Flächen, enge Bebauung, Tiefgaragen in Senken – vielerorts trifft ökonomischer Druck auf planerische Kurzsichtigkeit. Asphalt und Beton leiten Wassermassen ungebremst weiter. Binnen Minuten stauen sich Fluten in Unterführungen und Parkhäusern. Fahrzeuge werden zur leichten Beute der Physik. Der Klimawandel wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger für strukturelle Schwächen.
Ökonomen sprechen inzwischen von „Anpassungskosten“. Darunter fallen Investitionen in bessere Entwässerungssysteme, Rückhaltebecken, Warnsysteme, hochwassersichere Bauweisen. Solche Maßnahmen erfordern Milliardenbeträge. Doch Nichtstun kommt teurer. Jede zerstörte Fahrzeugflotte, jede überflutete Tiefgarage liefert den Beweis. Prävention mag in Haushaltsdebatten als lästig und zu teuer erscheinen, zahlt sich langfristig aber aus.
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Abhängigkeit vom Individualverkehr. Wo Alternativen fehlen, potenziert sich der Schaden. Fällt das Auto aus, stockt das Leben. Städte mit gut ausgebautem öffentlichen Verkehr und Carsharing-Modellen reagieren resilienter. Mobilität verteilt sich auf mehrere Schultern, statt auf einem einzelnen Fahrzeug zu lasten.
Die Bilder von halb versunkenen Autos sind eindringlich und bleiben im Gedächtnis, weil sie etwas sehr Vertrautes zeigen. Sie erzählen nicht nur von Wetterextremen, sondern von einem Strukturwandel mit Preisschild. Klimawandel bedeutet nicht abstrakte Gradzahl auf einem Thermometer, sondern konkrete Rechnungen – für Familien, Unternehmen und Staaten.
Wer heute durch eine überflutete Straße watet, blickt somit in eine Zukunft mit Kosten. Jede Flut setzt eine Zahl unter die Bilanz. Und diese Zahl steigt.
Andreas M. B.
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