An der Nordspitze von Cap Corse, wo der Wind die Macchia niederdrückt und das Meer in Türkis- und Tiefblautönen schimmert, beginnt ein Experiment, das leiser kaum sein könnte – und doch weitreichende Folgen verspricht. 70.000 Seeigel sollen in den kommenden Monaten vor der Küste ausgesetzt werden. Keine PR-Aktion, kein symbolischer Akt, sondern ein präzise geplantes Projekt zur ökologischen Restaurierung.
Im Mittelpunkt steht der Mittelmeer-Seeigel Paracentrotus lividus, auf Korsika schlicht „oursin“ genannt. Feinschmecker schätzen seine Gonaden als winterliche Delikatesse. Meeresbiologen sehen in ihm weit mehr: einen Schlüsselorganismus, der das empfindliche Gleichgewicht felsiger Küstenzonen stabilisiert.
Die Küsten rund um das Cap Corse zählen zu den artenreichsten Meereslandschaften Frankreichs. Doch der Bestand der Seeigel brach in den vergangenen Jahren dramatisch ein. Überfischung in der Hochsaison, steigende Wassertemperaturen, Krankheiten – ein toxischer Cocktail. Taucher berichteten von Flächen, die früher von dunklen Stachelkugeln übersät waren und heute fast leer wirken.
Was zunächst wie eine Entlastung klingt, entpuppt sich als Problem. Seeigel fressen Algen. In maßvoller Dichte halten sie Bewuchs und Freiflächen im Gleichgewicht. Fehlen sie, breiten sich bestimmte Algen unkontrolliert aus, während empfindlichere Arten verdrängt werden. Kalkalgen verschwinden, junge Posidonia-Triebe geraten unter Druck. Der Meeresboden verändert sein Gesicht – und mit ihm die Lebensbedingungen für Fische, Weichtiere und Krebstiere.
„Der Seeigel wirkt wie ein Gärtner unter Wasser“, sagt ein Meeresbiologe aus Bastia. Ein Gärtner, der Ordnung schafft, ohne aufzufallen.
Die 70.000 Tiere stammen aus kontrollierter Aufzucht. In Aquakulturanlagen zog man Larven heran, achtete auf genetische Vielfalt und Gesundheitskontrollen. Erst ab einer bestimmten Größe gelangen sie ins offene Meer – robust genug, um Fressfeinden besser zu trotzen. Unterwasserkartierungen bestimmten die Aussetzungsorte. Strömungen, Substrat, Algenbewuchs, Fischdichte: Jede Variable floss in die Planung ein. Hier geht es nicht ums Gießkannenprinzip, sondern um chirurgische Präzision.
Parallel gelten strenge Fangquoten und saisonale Verbote. Ohne Regulierung liefe jede Wiederansiedlung ins Leere. Die lokale Fischerei sitzt mit am Tisch. Langfristig profitieren auch Fischer von stabilen Beständen. Kurzfristig bedeuteten Einschränkungen allerdings Einbußen. Da knirscht es mitunter – logisch.
Auf Korsika besitzen Seeigel kulturelles Gewicht. Winterliche „oursinades“ gehören zum kulinarischen Kalender, besonders am Cap Corse. Geselliges Öffnen der stacheligen Kugeln, Brot, Weißwein, Meerblick – das prägt Identität. Doch Tradition gerät unter Druck, wenn Ressourcen schwinden. Nachhaltigkeit klingt nüchtern, entscheidet jedoch über die Zukunft solcher Rituale.
Kritiker warnen vor überzogenen Erwartungen. Eine einmalige Aussetzung garantiere keinen stabilen Bestand. Entscheidend bleiben Überlebensrate und erfolgreiche Fortpflanzung. Zudem wirkt der Klimawandel als unsichtbarer Gegenspieler – mit steigenden Temperaturen, die das Mittelmeer verändern.
Das Projekt steht nicht isoliert da. Auch an den Küsten von Okzitanien und Sardinien registrieren Forscher ähnliche Entwicklungen. Sollte das Experiment am Cap Corse greifen, erhielte es Modellcharakter für das gesamte westliche Mittelmeer.
Wer heute über die Felsen ins klare Wasser blickt, erkennt vor allem Weite. Vielleicht tauchen dort bald wieder mehr dunkle Silhouetten zwischen den Steinen auf. Kein Spektakel, kein Selfie-Moment – eher ein stilles Zeichen, dass Eingriffe nicht nur zerstören, sondern auch heilen.
70.000 Seeigel. Eine Zahl, die unscheinbar wirkt. Doch manchmal beginnt ökologische Erneuerung genau so: klein, konkret, beharrlich.
Andreas M. Brucker
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