Tag & Nacht


In den Höhen der Monts de l’Espinouse klingt die Stille anders als früher.

Wo einst Fichten, Douglasien und Kiefern in Reih und Glied standen, liegt nun ein Gewirr aus Stämmen, Wurzeltellern und aufgerissener Erde. Der Sturm Nils hat am 11. und 12. Februar das südfranzösische Mittelgebirge mit anhaltenden, harten Böen überrollt – zurück blieb eine Zahl, die selbst erfahrene Förster schlucken lässt: 80.000 Kubikmeter Nadelholz am Boden, allein in dem Teil des Massivs, der im Departement Herault liegt.

Wer diese Menge in Gedanken stapelt, merkt schnell, was sie bedeutet. Mehrere Jahre regulärer Holznutzung – ausgelöscht in einer Nacht. Was langfristig geplant, kalkuliert und nachhaltig geschlagen werden sollte, liegt plötzlich kreuz und quer, verkeilt, teils geborsten. Ein Wirtschaftsgut verwandelt sich in ein logistisches Problem.

Das Espinouse-Massiv, auf der Grenze zwischen dem Département Hérault und dem benachbarten Tarn gelegen, bildet eine natürliche Barriere zwischen Mittelmeer und den südfranzösischen Hochplateaus. Diese exponierte Lage macht es anfällig für starke Windereignisse. Wenn mediterrane Tiefdruckgebiete auf die Höhenzüge treffen, stauen sich die Luftmassen, beschleunigen, wirbeln – und finden in den Beständen der Produktionsforste eine Angriffsfläche.



Die im 20. Jahrhundert großflächig angepflanzten Nadelhölzer stehen dicht und oft monokulturell. Ihre Wurzelsysteme reichen nicht tief, und sind vor allem dann besonders geschwächt, wenn die Böden durch intensive Niederschläge bereits aufgeweicht sind. Gerät der erste Stamm ins Wanken, folgt der nächste. Ein Dominoeffekt im Zeitraffer.

Förster berichten von Hängen, die regelrecht aufgeklappt wurden. Wurzelteller, so hoch wie ein Einfamilienhaus, ragen in den Himmel. Wege sind unpassierbar, Schneisen klaffen im Bestand. Wer dort unterwegs ist, spürt sofort: Hier hat sich die Ordnung verschoben.

Und damit beginnt die zweite Phase der Katastrophe – die wirtschaftliche.

Waldbesitz in dieser Region liegt überwiegend in privater Hand. Für viele Eigentümer stellt der Forst eine langfristige Kapitalanlage dar, ein Generationenprojekt. Nun zwingt sie der Wind zu einer unfreiwilligen Ernte. Gefallene Bäume verlieren rasch an Wert. Borkenkäfer finden im geschwächten Holz ideale Brutstätten, Risse mindern die Qualität, Pilzbefall droht. Geschwindigkeit entscheidet.

Doch gerade diese Eile verschärft das Problem. Gelangen innerhalb kurzer Zeit zehntausende Kubikmeter zusätzlich auf den regionalen Markt, geraten die Preise unter Druck. Sägewerke besitzen begrenzte Kapazitäten. Holz, das gestern noch als planbare Ressource galt, konkurriert heute mit sich selbst. Man könnte sagen: Der Wald drückt auf den Markt.

Hinzu kommen die Kosten der Bergung. Windbruchflächen gelten als gefährlich. Stämme stehen unter Spannung, können unkontrolliert zurückschnellen. Spezialisierte Maschinen, erfahrene Teams, teils sogar Helikopter für schwer zugängliche Areale – all das treibt die Ausgaben in die Höhe. Für kleinere Eigentümer wird es eng, finanziell wie organisatorisch.

Doch der Blick darf nicht am Preisschild enden.

Der Espinouse-Wald erfüllt ökologische Funktionen, die weit über die Holzproduktion hinausreichen. Er reguliert den Wasserhaushalt, schützt Böden vor Erosion, bietet Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Große Freiflächen verändern das Mikroklima, lassen Sonne und Wind ungebremst auf den Boden treffen. Kurzfristig steigt die Gefahr von Auswaschung und Hangrutschungen.

Langfristig jedoch eröffnet die Zerstörung auch eine Chance zur Neuordnung. In den entstehenden Lichtungen siedeln sich Pionierpflanzen an. Laubbäume könnten zurückkehren, Mischbestände entstehen, widerstandsfähiger gegen Sturm und Trockenheit. Seit Jahren mahnen Forstexperten eine Diversifizierung der Bestände an. Jetzt liegt die Notwendigkeit offen zutage. Der Wald, so hart es klingt, zwingt zum Umdenken.

Denn die Tempête Nils steht nicht isoliert. Extreme Wetterereignisse häufen sich. Heiße, trockene Sommer schwächen die Bestände, Starkregen durchtränkt die Böden, Herbststürme setzen an. Die Wälder Südfrankreichs geraten in eine Art Dauerstress. Stabilität wird zur Ausnahme, Anpassung zur Überlebensstrategie.

Wer heute durch die umgestürzten Baumreihen im Espinouse geht, sieht mehr als gefällte Bäume. Er erkennt die Verwundbarkeit eines Systems, das lange als robust galt. Und er spürt, dass forstwirtschaftliche Konzepte aus dem vergangenen Jahrhundert nicht automatisch in die Zukunft tragen.

Die Aufräumarbeiten laufen. Stämme verschwinden von den Wegen, Maschinen arbeiten sich Hang für Hang vor. In einigen Jahren werden junge Pflanzen in den Boden gesetzt, vielleicht vielfältiger, vielleicht klüger verteilt. Der Wald wird zurückkehren – anders, durchlässiger, womöglich widerstandsfähiger.

Aber die Erinnerung an jene Nacht bleibt.

80.000 Kubikmeter sind keine abstrakte Zahl. Sie stehen für zerstörte Sicherheiten, für wirtschaftliche Sorgen und für die leise, drängende Frage, wie viel Sturm ein Wald von morgen noch aushält. Und ganz ehrlich: Wegschauen gilt nicht mehr.

Daniel Ivers

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