Doch genau hier beginnt die bemerkenswerte Dialektik des Herrn Mélenchon: Der Mann, der sich als unerschrockener Tribun des Volkes inszeniert, scheint ausgerechnet vor Mikrofonen zurückzuschrecken, die nicht vorher auf Wohlwollen geeicht wurden.
Was für ein eigenartiges Verständnis von politischer Tapferkeit. Auf Kundgebungen wird mit Pathos gegen „das System“ gewettert, gegen Oligarchien, gegen mediale Verzerrung, gegen vermeintliche Meinungskartelle. Doch wenn Vertreter großer Redaktionen den Raum betreten wollen, heißt es plötzlich: Zutritt verweigert. Man könnte fast meinen, die Wahrheit sei ein scheues Reh, das nur in geschützter Umgebung gedeiht – fernab kritischer Nachfragen, fernab unbequemer Faktenchecks.
Es gehört zu den Ironien der Gegenwart, dass gerade jene politischen Kräfte, die sich als Speerspitze demokratischer Erneuerung verstehen, mitunter eine erstaunliche Dünnhäutigkeit gegenüber journalistischer Kontrolle entwickeln. Pressefreiheit – das klingt großartig, solange sie sich gegen andere richtet. Wird sie jedoch konkret, wird sie widerspenstig, stellt sie Rückfragen, insistiert sie auf Präzision – dann wird sie plötzlich zum Feindbild.
Herr Mélenchon, wer von „verzerrten Narrativen“ spricht, sollte keine Angst vor dem direkten Austausch haben. Wer behauptet, missverstanden zu werden, müsste doch geradezu darauf brennen, Missverständnisse öffentlich auszuräumen – vor allen, nicht nur vor ausgewählten Zuhörern. Eine Pressekonferenz, bei der nur die genehmen Stimmen zugelassen sind, ist keine Konferenz, sondern eine Choreographie.
Natürlich ist es juristisch zulässig, Einladungslisten zu kuratieren. Aber Politik erschöpft sich nicht im juristisch Erlaubten. Sie lebt von der Bereitschaft, sich der kritischen Öffentlichkeit zu stellen – auch dann, wenn diese Öffentlichkeit widerspricht, zweifelt oder provoziert. Wer sich dem entzieht, sendet ein Signal: Nicht die Wahrheit steht im Zentrum, sondern die Kontrolle über ihre Darstellung.
Es ist ein merkwürdiges Schauspiel: Der Ankläger der Medien klagt vor einem Publikum, das er selbst ausgewählt hat. Der Verteidiger der Demokratie meidet den demokratischen Schlagabtausch. Und der vermeintliche Kämpfer gegen Machtstrukturen nutzt ausgerechnet jene Mechanismen der Selektion, die er sonst so leidenschaftlich verurteilt.
Vielleicht liegt hier der Kern des Problems: Wer sich als moralische Instanz begreift, empfindet Widerspruch nicht als legitimen Bestandteil des Diskurses, sondern als Affront. Doch Demokratie ist kein Applausraum. Sie ist ein Resonanzraum – und Resonanz entsteht nicht nur durch Zustimmung.
Wenn man sich also als Verkünder der Wahrheit darstellt, dann darf man die Presse nicht fürchten, Herr Mélenchon. Denn wer die Wahrheit auf seiner Seite weiß, sollte nichts mehr begrüßen als das grelle Licht kritischer Fragen. Alles andere wirkt weniger wie Selbstbewusstsein – und mehr wie Zweifel an der eigenen Erzählung.
Ein Kommentar von Andreas M. Brucker
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