Tag & Nacht


Es gibt Nachrichten, die rauschen an uns vorbei wie ein verregneter Montagmorgen. Und es gibt Nachrichten, die bleiben hängen.

Diese hier gehört zur zweiten Kategorie.

Ende 2025, öffentlich gemacht im Februar 2026, wurde entdeckt, dass Gesundheitsdaten von bis zu 15,8 Millionen Menschen in Frankreich abgegriffen wurden. Keine Randnotiz. Kein kleiner IT Zwischenfall. Sondern ein digitaler Erdrutsch.

Betroffen sind Patientinnen und Patienten, deren Daten über eine Praxissoftware des Unternehmens Cegedim Santé verwaltet wurden. Rund 1.500 Ärztinnen und Ärzte nutzten das System – und genau dort öffnete sich offenbar die Tür für einen Angriff, dessen Ausmaß selbst erfahrene Ermittler schlucken ließ.



Man stelle sich das einmal vor.

Man sitzt im Wartezimmer, blättert durch ein altes Magazin, vertraut darauf, dass das, was im Sprechzimmer besprochen wird, auch dort bleibt. Diagnose, Zweifel, intime Details. Und Monate später tauchen genau solche Informationen im Darknet auf.

Wie fühlt sich das an?

Eine Zahl, die kaum greifbar ist

15 Millionen.

Das entspricht fast einem Viertel der französischen Bevölkerung. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Eine Geschichte. Vielleicht eine chronische Erkrankung. Vielleicht eine psychische Belastung, die nur dem Hausarzt anvertraut wurde. Vielleicht eine Diagnose, die noch nicht einmal die engste Familie kennt.

Für die große Mehrheit der Betroffenen handelt es sich nach offiziellen Angaben um administrative Daten: Name, Geburtsdatum, Telefonnummer, Adresse, teilweise E Mail Adresse.

Doch bei rund 169.000 Patientinnen und Patienten fanden sich zusätzlich Freitext Notizen aus ärztlichen Kommentarfeldern.

Und genau hier beginnt das eigentliche Beben.

Denn Freitext bedeutet: ungeschönt, direkt, manchmal drastisch formuliert. Hinweise auf HIV Infektionen. Vermerke zur sexuellen Orientierung. Bemerkungen über familiäre Konflikte oder Suizid in der Familie. Einschätzungen, die im ärztlichen Kontext sinnvoll sind – aber außerhalb davon wie Splitter wirken.

Ein Passwort lässt sich ändern.

Eine Kreditkarte sperren.

Aber eine medizinische Information? Die begleitet einen ein Leben lang.

Der Kern des Vertrauens

Das Arztgeheimnis zählt zu den tragenden Säulen des europäischen Gesundheitswesens. Ohne dieses Vertrauen würde das System bröckeln. Wer erzählt schon offen von Depressionen, von Abhängigkeiten, von Ängsten, wenn er befürchten muss, dass diese Informationen irgendwann öffentlich zirkulieren?

Genau hier trifft der Vorfall ins Mark.

Das Pariser Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Spezialisten für Cyberkriminalität analysieren Logfiles, rekonstruieren Zugriffe, suchen nach Spuren. Parquet de Paris führt das Verfahren, unterstützt von spezialisierten Einheiten.

Die Identität der Angreifer bleibt bislang unklar.

Einzelner Hacker? Organisierte Gruppe? Politisch motiviert oder rein finanziell getrieben?

Noch herrscht Nebel.

Und während Ermittler im Hintergrund arbeiten, sitzen Millionen Menschen vor ihren Bildschirmen und fragen sich: Bin ich betroffen?

Die stille Wucht der Veröffentlichung

Besonders beunruhigend wirkt die Tatsache, dass Teile der Daten offenbar im Darknet angeboten oder bereits veröffentlicht wurden.

Das Internet vergisst nicht.

Selbst wenn Plattformen Inhalte löschen, tauchen Kopien an anderer Stelle wieder auf. Daten zirkulieren, werden heruntergeladen, gespeichert, weitergereicht. Ein digitales Echo ohne Ende.

Manche mögen denken: „Es sind doch nur Adressen.“

Doch in Kombination mit sensiblen Gesundheitsvermerken entsteht ein ganz anderes Risiko. Identitätsdiebstahl. Erpressung. Diskriminierung. Gezielt platzierte Falschinformationen.

Wer garantiert, dass solche Daten nicht irgendwann gegen politische Entscheidungsträger, Führungskräfte oder ganz normale Bürgerinnen und Bürger verwendet werden?

Ein déjà vu der besonderen Art

Frankreich sah in den vergangenen Jahren mehrere Cyberangriffe auf Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen. Ransomware legte Notaufnahmen lahm. Operationen mussten verschoben werden. Systeme wurden vom Netz genommen.

Dieser Vorfall hebt die Dimension jedoch auf eine neue Stufe.

Nicht ein einzelnes Krankenhaus. Nicht eine regionale Einrichtung. Sondern eine Software, die tausendfach im Alltag genutzt wird – in Praxen, in Behandlungszimmern, mitten im normalen Leben.

Digitalisierung im Gesundheitswesen gilt als Fortschritt. Elektronische Patientenakten, vernetzte Systeme, schnellere Kommunikation zwischen Fachärzten.

Und ja, das bringt enorme Vorteile.

Aber es öffnet auch neue Angriffsflächen.

Technologie gleicht einem Haus mit großen Fenstern. Viel Licht, viel Transparenz. Doch wer vergisst, die Fenster zu sichern, lädt ungebetene Gäste ein.

Verantwortung und offene Fragen

Cegedim Santé erstattete Anzeige, nachdem ungewöhnliche Aktivitäten auf Nutzerkonten festgestellt wurden. Das Gesundheitsministerium forderte detaillierte Aufklärung. Prüfungen zur Einhaltung der Datenschutzvorgaben stehen im Raum.

Doch jenseits juristischer Verfahren stellt sich eine grundsätzliche Frage: Reicht das aktuelle Sicherheitsniveau für hochsensible Gesundheitsdaten aus?

Cybersicherheit im medizinischen Bereich darf kein Nebenschauplatz sein. Sie gehört ins Zentrum strategischer Planung. Verschlüsselung, Zwei Faktor Authentifizierung, regelmäßige Sicherheits Audits – all das klingt technisch, trocken, fast langweilig.

Aber genau hier entscheidet sich, ob Vertrauen Bestand hat.

Und Vertrauen lässt sich nicht einfach per Update einspielen.

Die menschliche Perspektive

Eine Bekannte erzählte mir kürzlich von ihrer Sorge. Sie lebt mit einer chronischen Erkrankung, die im Berufsleben nicht jeder kennen soll. Als sie von der Datenpanne hörte, sagte sie nur: „Ich fühle mich nackt.“

Ein starkes Wort.

Doch es trifft den Kern. Gesundheitsdaten gehören zu den intimsten Informationen überhaupt. Sie betreffen Körper, Psyche, Biografie. Sie erzählen mehr über uns als viele soziale Netzwerke.

Wenn solche Daten unkontrolliert zirkulieren, verändert das etwas im gesellschaftlichen Klima.

Vielleicht beginnt der eine oder die andere, beim nächsten Arztbesuch weniger offen zu sprechen. Vielleicht entstehen Zweifel an digitalen Lösungen, die eigentlich Erleichterung bringen sollten.

Und vielleicht wächst ein unterschwelliger Argwohn gegenüber Systemen, die eigentlich helfen sollen.

Zwischen Empörung und Realismus

Natürlich leben wir in einer vernetzten Welt. Absolute Sicherheit existiert nicht. Jede Infrastruktur, jedes Unternehmen, jede Behörde steht im Visier potenzieller Angreifer.

Doch gerade deshalb braucht es höchste Standards – besonders dort, wo es um Gesundheit geht.

Die Frage lautet nicht mehr, ob Angriffe stattfinden.

Sondern wie gut Systeme darauf vorbereitet sind.

Wie schnell werden Schwachstellen entdeckt? Wie transparent kommunizieren Verantwortliche? Wie konsequent erfolgen Investitionen in Prävention?

Und auch wir als Bürger stehen vor einer Herausforderung. Sensibilisierung für Phishing Mails. Vorsicht bei der Weitergabe persönlicher Daten. Wachsamkeit gegenüber ungewöhnlichen Mitteilungen.

Klingt alles selbstverständlich, oder?

Trotzdem klicken wir manchmal schneller, als wir denken.

Ein Wendepunkt?

Vielleicht markiert dieser Vorfall einen Wendepunkt in der französischen Gesundheitspolitik. Vielleicht führt er zu strengeren Kontrollen, klareren Haftungsregeln, mehr Budget für IT Sicherheit.

Vielleicht.

Doch eines ist sicher: Das Vertrauen vieler Menschen hat einen Kratzer bekommen.

Und Vertrauen wächst langsam.

Es entsteht durch Transparenz, durch Verantwortung, durch klare Kommunikation. Durch das Eingeständnis von Fehlern und den sichtbaren Willen, daraus zu lernen.

Die kommenden Monate entscheiden, ob dieser Skandal als Mahnung in Erinnerung bleibt – oder als Beginn einer echten Sicherheitskultur.

Was bleibt, ist ein Gefühl zwischen Ohnmacht und Wachsamkeit.

Ein digitaler Weckruf.

Denn am Ende geht es nicht nur um Datenpakete auf Servern. Es geht um Menschen. Um ihre Geschichten. Um ihre Verletzlichkeit.

Und um die Frage, wie wir in einer zunehmend digitalen Welt Intimität schützen.

Oder anders gesagt: Wenn selbst das Sprechzimmer keine sichere Zone mehr ist – wo dann?

Ein Artikel von M. Legrand

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