Der Regen fiel nicht einfach.
Er trommelte.
Er prasselte.
Er blieb.
Und irgendwann stand das Wasser knietief in Wohnzimmern zwischen Kinderfotos, Teppichen und sorgsam gehüteten Erinnerungen. Mehr als 300 Gemeinden im Westen und Südwesten Frankreichs versanken in einer Flut, wie sie viele Bewohner nur aus Erzählungen ihrer Großeltern kannten. In Departements wie Charente Maritime, Gironde, Lot et Garonne oder Maine et Loire schoben sich braune Wassermassen durch Straßen, über Felder, in Keller.
Was folgt nach solch einer Nacht?
Wer trägt die Last, wenn Möbel auf dem Sperrmüll landen und Heizungen schweigen?
Die französische Regierung stufte die betroffenen Kommunen offiziell als Naturkatastrophengebiete ein. Dieser Verwaltungsakt klingt trocken, beinahe bürokratisch, doch für die Betroffenen entscheidet er über alles. Erst mit dieser Anerkennung greift das besondere Entschädigungsregime für Naturkatastrophen – das sogenannte Cat Nat System.
Ohne diesen Beschluss gäbe es kein Geld aus der Versicherung. Keine Hilfe. Nur Schulternzucken.
So hart funktioniert das Prinzip.
Milliarden unter Wasser
Noch stehen die endgültigen Zahlen aus, doch erste Schätzungen zeichnen ein klares Bild. Die Schäden dürften sich auf 2,5 bis 3 Milliarden Euro summieren. Allein versicherte Schäden. Immobilien, Hausrat, beschädigte Fahrzeuge, zerstörte Betriebe – alles fließt in diese gewaltige Rechnung ein.
Die öffentliche Rückversicherungseinrichtung CCR – Caisse Centrale de Réassurance – rechnet mit durchschnittlichen Schäden von 10 000 bis 14 000 Euro pro Haushalt. Hinter jeder Zahl steckt eine Geschichte: das Klavier im Erdgeschoss, das nie wieder klingt; das Archiv eines Handwerksbetriebs, das im Schlamm versank.
Zum Vergleich: Bereits der Sturm Nils, der mit demselben Wetterkomplex einherging, verursachte über eine Milliarde Euro versicherte Verluste. Ein einzelnes Wetterereignis, ein paar Tage Ausnahmezustand – und die Kosten schnellen in Höhen, bei denen selbst große Versicherungskonzerne schlucken.
Drei Milliarden Euro.
Das ist kein Ausrutscher mehr.
Das ist Systemstress.
Das französische Modell: Solidarität mit Preisschild
Frankreich besitzt seit 1982 ein einzigartiges System zur Absicherung von Naturkatastrophen. Die Idee dahinter wirkt zunächst bestechend simpel: Jeder Versicherte zahlt eine verpflichtende Zusatzprämie auf seine Wohngebäudeversicherung. Diese sogenannte Cat Nat Abgabe speist einen großen gemeinsamen Topf.
Wenn das Wasser kommt, zahlt dieser Topf.
So zumindest das Prinzip.
Die Versicherer regulieren zunächst die Schäden ihrer Kunden. Anschließend federn sie große Belastungen über Rückversicherer ab. An vorderster Front steht die CCR, eine staatlich gestützte Institution, die einspringt, wenn Ereignisse ganze Landstriche treffen. Der Staat wiederum garantiert die Stabilität dieses Konstrukts.
Kein einzelner Zahler also.
Ein Geflecht aus privaten Versicherern, Rückversicherern, Beitragszahlern und staatlicher Garantie.
Solidarität – organisiert, kalkuliert, verwaltet.
Die Versicherten zahlen mit
Viele Hausbesitzer bemerkten es womöglich kaum: Seit 2025 stieg die Cat Nat Zusatzprämie von 12 auf 20 Prozent der Grundprämie. Im Schnitt bedeutet das rund 17 Euro Mehrbelastung pro Jahr und Haushalt.
Klingt überschaubar.
Bis man es auf Millionen Verträge hochrechnet.
Diese Erhöhung erfolgte nicht zufällig. Extremwetterereignisse häufen sich. Dürren, Überschwemmungen, Stürme – die Schadensbilanz der vergangenen Jahre sprengte immer öfter historische Durchschnittswerte. Der gemeinsame Topf brauchte mehr Futter.
Und jetzt?
Jetzt zeigt sich, weshalb.
Doch eine unbequeme Frage drängt sich auf: Wie lange trägt dieses Solidarprinzip, wenn Extremereignisse zur Regel mutieren?
Der Staat – Schiedsrichter, nicht Zahlmeister
Viele Betroffene wenden sich in ihrer Verzweiflung an „den Staat“. In Gesprächen hört man Sätze wie: „Paris muss doch helfen!“ oder „Dafür zahlt man schließlich Steuern!“
Doch der Staat überweist keine direkten Entschädigungen an jeden einzelnen Geschädigten. Seine Rolle gleicht eher der eines Schiedsrichters. Er entscheidet per Dekret, ob ein Ereignis als Naturkatastrophe gilt. Erst dann öffnen sich die Versicherungstore.
Zugleich garantiert er die CCR. Sollte das System an seine Grenzen stoßen, steht die öffentliche Hand als letzte Sicherheitslinie bereit. Außerdem finanziert sie Präventionsmaßnahmen – Deiche, Rückhaltebecken, Renaturierungen von Flussläufen.
Man könnte sagen: Der Staat sorgt dafür, dass das System nicht implodiert.
Aber er ersetzt keine nassen Sofas.
Wenn das Wasser bleibt
In einem kleinen Ort nahe der Gironde erzählte mir ein Winzer am Telefon: „Das Wasser ging irgendwann zurück, aber der Schlamm blieb. Und mit ihm die Angst.“ Sein Weinkeller stand tagelang unter Wasser. Fässer mussten entsorgt werden. Maschinen rosten.
Die Versicherung schickte einen Gutachter.
Formulare.
Fristen.
Warten.
Zwischen Anerkennung als Katastrophengebiet und tatsächlicher Auszahlung liegen Wochen, manchmal Monate. Für viele Betriebe bedeutet das eine Durststrecke – finanziell wie emotional. Rücklagen schmelzen, Kredite laufen weiter.
Und doch: Ohne das Cat Nat System stünden viele vor dem völligen Ruin.
Ist das Glas also halb voll oder halb leer?
Ein System unter Druck
Seit Einführung des Naturkatastrophenregimes flossen über 53 Milliarden Euro an Entschädigungen – vor allem für Überschwemmungen und Dürreschäden. Die Summe beeindruckt. Sie zeigt aber auch, wie sehr Naturgefahren zum festen Bestandteil des ökonomischen Alltags avancierten.
Versicherer kalkulieren neu.
Prämien steigen.
Für 2026 rechnen Experten bereits mit zweistelligen Beitragsanpassungen im Wohngebäudebereich. Zehn Prozent oder mehr stehen im Raum. Manche Regionen geraten verstärkt ins Risikoraster.
Und hier wird es heikel.
Wenn bestimmte Gebiete als Hochrisikozonen gelten, könnten Versicherer zögerlicher agieren. Theoretisch existiert zwar die Pflicht zur Aufnahme in das Cat Nat System, doch steigende Beiträge treffen vor allem jene, die ohnehin in gefährdeten Regionen leben.
Ein Dilemma.
Wer am Fluss wohnt, zahlt mehr – obwohl er vielleicht seit Generationen dort lebt.
Klimawandel als stiller Kostentreiber
Extremniederschläge nehmen zu. Wissenschaftliche Modelle zeichnen seit Jahren dasselbe Bild: Wärmere Luft speichert mehr Feuchtigkeit, Wetterlagen verharren länger, Starkregenereignisse intensivieren sich.
Die jüngsten Überschwemmungen wirken wie ein Vorbote dessen, was Experten prognostizieren. Und jedes neue Ereignis reißt ein weiteres Loch in die Bilanz der Versicherer.
Man spürt förmlich, wie sich ein schleichender Strukturwandel vollzieht.
Versicherung, einst kalkulierbares Geschäft mit Wahrscheinlichkeiten, stößt auf Naturphänomene, die sich immer weniger in historische Tabellen pressen lassen.
Wie kalkuliert man das Unkalkulierbare?
Zwischen Solidarität und Eigenverantwortung
In Gesprächen mit Betroffenen taucht immer wieder dieselbe Frage auf: „Hätten wir uns besser schützen müssen?“ Manche Kommunen investierten in Hochwasserschutz, andere zögerten – aus Kostengründen oder aus politischer Trägheit.
Prävention kostet Geld.
Nicht zu handeln kostet mehr.
Das Cat Nat System funktioniert als kollektives Sicherheitsnetz. Doch langfristig entscheidet auch individuelle Vorsorge: höhergelegte Heizungen, wasserdichte Kellerfenster, Rückstauklappen. Kleine Maßnahmen, große Wirkung.
Natürlich schützt das nicht vor jeder Flut. Aber es mindert Schäden.
Und ja, manchmal denkt man: Warum kümmert man sich erst, wenn das Wasser im Wohnzimmer steht?
Die stille Rechnung
Die offiziell bezifferten 2,5 bis 3 Milliarden Euro spiegeln nur die versicherten Schäden wider. Nicht eingerechnet bleiben indirekte Kosten: Umsatzausfälle, psychische Belastungen, Wertverluste von Immobilien in Risikozonen.
Ganz zu schweigen von jenen, die gar keine Versicherung besitzen.
Für sie existiert kein kollektiver Topf.
Nur Eigenmittel, Spenden, kommunale Notfonds.
Diese stille Rechnung taucht in keiner Statistik auf, doch sie prägt Biografien.
Ein Blick nach vorn
Frankreich steht an einem Scheideweg. Das Cat Nat System gilt international als Vorbild – solidarisch, staatlich abgesichert, flächendeckend organisiert. Gleichzeitig gerät es durch die Häufung extremer Ereignisse unter Druck.
Beitragserhöhungen erscheinen unausweichlich.
Strengere Bauauflagen ebenso.
Vielleicht entsteht sogar eine Debatte über Rückzugsstrategien aus besonders gefährdeten Gebieten.
Das klingt radikal.
Doch wer heute durch überschwemmte Straßenzüge geht, ahnt, dass „weiter wie bisher“ keine Option mehr darstellt.
Und nun?
Die aktuelle Flut hinterlässt nicht nur beschädigte Häuser, sondern auch eine gesellschaftliche Frage: Wie viel Risiko trägt eine Gemeinschaft gemeinsam – und wo beginnt individuelle Verantwortung?
Das französische Modell verteilt die Last breit. Versicherer zahlen, Rückversicherer stützen, der Staat garantiert, Bürger leisten ihren Beitrag über Prämien. Ein fein austariertes Gefüge.
Noch trägt es.
Noch.
Aber jeder Starkregen prüft die Statik dieses Hauses neu.
Manchmal denke ich an den Winzer aus der Gironde. Am Ende unseres Gesprächs sagte er leise: „Wir bauen wieder auf. Was bleibt uns anderes übrig?“ Dann lachte er kurz. „Aufgeben gilt nicht.“
Vielleicht liegt darin die eigentliche Antwort.
Nicht in Milliardenbeträgen.
Sondern im Willen, weiterzumachen – trotz allem.
Und ganz ehrlich: Ein bisschen Mut gehört auch dazu.
Ein Artikel von M. Legrand
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