Tag & Nacht


Es ist fast schon ein politisches Ritual. Irgendwo im Nahen Osten eskaliert eine Krise, die Ölpreise beginnen zu zittern – und in Frankreich dauert es gefühlt ungefähr gerade mal fünf Minuten, bis die ersten politischen Stimmen nach einer Senkung der Benzinsteuern rufen.

Als wäre das die Lösung.

Kaum steigen die Preise an der Zapfsäule um ein paar Cent, beginnt die altbekannte Debatte: Der Staat müsse verzichten, die Steuern müssten runter, die Bürger müssten „geschützt“ werden. Als ob der französische Haushalt eine Art magischer Rabattgutschein wäre, den man immer dann zückt, wenn der Literpreis unangenehm wird.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so absurd wäre.



Denn die Wahrheit ist eigentlich so banal wie unbequem: Frankreich – wie fast ganz Europa – ist immer noch abhängig vom Öl. Und zwar von Öl, das häufig aus geopolitisch instabilen Regionen kommt. Wenn dort ein Konflikt ausbricht, reagieren die Märkte nervös, Händler treiben die Preise nach oben, und am Ende zahlt der Autofahrer.

Diese Dynamik ist seit Jahrzehnten bekannt. Sie ist kein Geheimnis, keine Überraschung und schon gar kein plötzliches Naturereignis.

Und doch reagiert die Politik jedes Mal so, als hätte man gerade zum ersten Mal entdeckt, dass Benzin nicht auf Bäumen wächst.

Die merkwürdige Logik der Benzinpolitik

Die Forderung nach niedrigeren Steuern klingt auf den ersten Blick verführerisch. Wer würde sich nicht über billigeren Sprit freuen? Doch die Logik dahinter ist bemerkenswert kurzsichtig.

Denn wenn der Staat die Steuern senkt, ändert sich eines ganz sicher nicht: unsere Abhängigkeit vom Öl.

Die geopolitischen Risiken bleiben. Die Preisschwankungen bleiben. Die nächste Krise kommt garantiert – und mit ihr die nächste Debatte über Benzinpreise.

Es ist ein bisschen so, als würde man bei jedem Sturm die Fenster mit Klebeband abdichten, anstatt endlich das Dach zu reparieren.

Der Elefant im Raum: Elektromobilität

Dabei liegt der langfristige Ausweg längst auf dem Tisch. Er ist weder geheim noch besonders originell: weniger Öl verbrauchen.

Elektromobilität ist genau aus diesem Grund so entscheidend. Sie reduziert die direkte Abhängigkeit von globalen Ölmärkten. Strom kann aus unterschiedlichen Quellen stammen – erneuerbaren Energien, Kernkraft, Wasserkraft. Die geopolitische Verwundbarkeit sinkt.

Natürlich löst das nicht alle Probleme. Batterien müssen produziert werden, Infrastruktur muss aufgebaut werden, Stromnetze müssen modernisiert werden. Aber eines ist klar: Ein Elektroauto interessiert sich herzlich wenig für Spannungen im Persischen Golf.

Ein Benzinauto dagegen sehr.

Der emotionale Reflex

Das eigentliche Problem ist also nicht der Ölpreis. Das Problem ist unsere Reaktion darauf.

Sobald der Literpreis steigt, wird der politische Diskurs erstaunlich emotional. Die Zapfsäule wird zum Symbol für soziale Gerechtigkeit, nationale Souveränität und staatliche Verantwortung.

Dabei blendet man gerne aus, dass genau diese Abhängigkeit selbst das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen ist.

Man hat Straßen gebaut, Städte für Autos geplant, Verkehrssysteme auf Benzin und Diesel ausgerichtet. Und jetzt wundert man sich, dass jede geopolitische Krise direkt im Portemonnaie landet.

Ein wenig Ironie zum Schluss

Vielleicht sollte man das Ganze künftig ehrlicher formulieren.

Nicht: „Die Steuern auf Benzin müssen runter.“

Sondern: „Wir möchten weiterhin vollständig von einem globalen Rohstoff abhängig bleiben, dessen Preis von geopolitischen Krisen beeinflusst wird – aber bitte ohne die unangenehmen Preisschwankungen.“

Das klingt weniger elegant, aber deutlich realistischer.

Die wirkliche Frage lautet nämlich nicht, wie man den Benzinpreis kurzfristig ein paar Cent drückt. Die wirkliche Frage lautet: Wie lange will Europa noch von einem Energieträger abhängig bleiben, dessen Stabilität regelmäßig von Krisen am anderen Ende der Welt erschüttert wird?

Wer heute über Benzinsteuern diskutiert, diskutiert über Symptome.

Wer über Elektromobilität spricht, diskutiert über die Ursache.

Und vielleicht wäre es langsam an der Zeit, genau dort anzusetzen.

Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

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