Tag & Nacht


Ach, wie beruhigend. Wieder einmal dürfen Autofahrer erleben, wie wunderbar effizient unsere Wirtschaft funktionieren kann. Steigt der Ölpreis irgendwo auf der Welt um ein paar Cent, reagieren die Tankstellen beinahe in Lichtgeschwindigkeit. Man könnte meinen, die Zapfsäulen stünden in direkter Verbindung mit den internationalen Börsen. Kaum zu glauben, wie schnell solche Informationen verarbeitet werden.

Doch dann geschieht etwas Erstaunliches.

Die Ölpreise fallen.

Und plötzlich scheint die Zeit langsamer zu laufen.




Dann heißt es, man müsse erst Lagerbestände abbauen. Man müsse die Entwicklung beobachten. Man müsse rechnen, prüfen, analysieren. Die Geschwindigkeit, die bei Preiserhöhungen noch an einen Formel-1-Wagen erinnerte, verwandelt sich schlagartig in eine gemütliche Kutschfahrt durch die Provinz.

Welch bemerkenswertes Naturgesetz.

Nach oben rast die Rakete, nach unten schwebt die Feder.

Die Bürger kennen dieses Spiel längst. Sie sehen es an der Tankstelle. Sie sehen es bei den Strompreisen. Sie sehen es im Supermarkt. Überall dieselbe Choreografie. Wenn etwas teurer wird, geschieht es sofort. Wenn etwas günstiger werden könnte, braucht es Geduld. Sehr viel Geduld.

Manchmal so viel Geduld, dass man sich fragt, ob die Preissenkung unterwegs vielleicht die Orientierung verloren hat.

Natürlich gibt es für alles Erklärungen. Die gibt es immer. Experten erklären, Händler erklären, Konzerne erklären. Am Ende bleibt bei vielen Menschen dennoch das Gefühl zurück, dass die Gesetze des Marktes offenbar eine merkwürdige Schlagseite besitzen. Wie ein Schiff, das ausschließlich in eine Richtung fährt.

Besonders bitter ist das für jene, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Für Pendler, Handwerker, Pflegekräfte oder Familien auf dem Land ist das Auto kein Luxusobjekt. Es ist Alltag. Es ist Notwendigkeit. Es ist die Verbindung zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt oder zum nächsten Supermarkt.

Und genau diese Menschen hören seit Jahren dieselbe Melodie.

„Leider müssen wir die Preise erhöhen.“

Bei sinkenden Kosten lautet der Refrain dann:

„Bitte haben Sie noch etwas Geduld.“

Wie großzügig.

Man könnte fast gerührt sein.

Vielleicht sollten Autofahrer künftig ähnlich verfahren. Wenn die Tankrechnung fällig wird, könnte man freundlich erklären, dass man den Betrag selbstverständlich begleichen möchte – allerdings mit zeitlicher Verzögerung. Schließlich müssen erst noch einige Lagerbestände auf dem Konto verarbeitet werden.

Die Begeisterung darüber dürfte sich in Grenzen halten.

Genau deshalb wächst der Frust. Nicht allein wegen der Höhe der Preise. Sondern wegen des Eindrucks, dass Regeln für manche erstaunlich flexibel sind. Für Verbraucher zählt jeder Cent. Für die Mechanismen der Preisbildung scheint jeder Cent plötzlich eine philosophische Frage zu werden.

Und so stehen Millionen Menschen weiterhin vor den Anzeigetafeln der Tankstellen und warten auf jene Preissenkungen, die angeblich unterwegs sind.

Wahrscheinlich kommen sie.

Irgendwann.

Vielleicht.

Wenn sie unterwegs nicht noch einmal teurer werden.

Andreas M. Brucker

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