Tag & Nacht


Wer am frühen Vormittag am alten Hafen von Bastia steht, merkt ziemlich schnell: Diese Stadt macht ihr eigenes Ding. Kein aufgesetztes Lächeln, kein lautes Werben um Aufmerksamkeit. Bastia schaut dich an, hebt kurz die Augenbraue und sagt sinngemäß: Wenn du bleiben willst, bleib. Wenn nicht, auch gut. Genau das fühlt sich so verdammt ehrlich an.

Das Licht liegt weich auf dem Wasser, fast cremig. Möwen kreischen, als hätten sie etwas Wichtiges mitzuteilen. In einem Café klirrt Porzellan, ein Kellner ruft eine Bestellung quer über die Terrasse. Leben eben. Und zwar nicht für die Kamera, sondern für den Moment.

Warum zieht Bastia Menschen so in seinen Bann?

Vielleicht, weil hier niemand versucht, jemand anderes zu sein.




Ein Hafen, der mehr ist als Postkartenmotiv

Der Vieux Port wirkt wie ein großes Wohnzimmer unter freiem Himmel. Fischer reparieren ihre Netze mit der Ruhe von Menschen, die wissen, dass morgen wieder ein Tag kommt. Ein paar Rentner sitzen auf der Kaimauer, Beine baumelnd, Gespräche irgendwo zwischen Wetter, Politik und dem letzten großen Fang.

Dazwischen Touristen, die stehen bleiben, schauen, lächeln – und automatisch leiser werden. Bastia zwingt niemanden zur Entschleunigung, sie lebt sie einfach vor. Und man macht mit, ohne groß darüber nachzudenken.

Die Häuser rund um den Hafen tragen Farben, die man nicht mischt, sondern erlebt: ausgewaschenes Ocker, staubiges Rosa, ein Gelb, das schon viel Sonne gesehen hat. Manche Fassaden bröckeln ein wenig. Absicht? Nein. Charakter? Absolut.


Verlaufen als Lebenskunst

Ein paar Schritte weg vom Wasser, und Bastia verändert sein Gesicht. Die Gassen werden schmaler, die Stimmen hallen zwischen den Mauern. Hier riecht es nach frisch gewaschener Wäsche, dort nach Kaffee, irgendwo nach warmem Stein.

Man läuft, bleibt stehen, läuft weiter. Kein Stadtplan nötig. Verlaufen gehört hier zum Programm. Und genau dabei passiert das Beste: Man entdeckt kleine Läden ohne Schaufenster-Show, Werkstätten, in denen jemand wortlos nickt, wenn man neugierig reinschaut. Kein Verkaufsgespräch, kein Druck.

Ein älterer Mann sitzt auf einem Plastikstuhl vor seiner Tür. „Buonghjornu“, sagt er. Mehr braucht es nicht.

Wann hat dich zuletzt eine Stadt so beiläufig begrüßt?


Die Zitadelle – Bastias stilles Gedächtnis

Hoch über der Stadt wacht die Zitadelle. Kein prahlerisches Monument, eher eine ruhige Konstante. Dicke Mauern, enge Wege, Innenhöfe, in denen selbst die Schritte gedämpft klingen.

Im Herzen dieses Viertels steht die Cathédrale Sainte-Marie. Ein Bauwerk, das nicht schreit, sondern erzählt. Innen kühl, würdevoll, fast andächtig leer. Und dann dieser Schatz: die berühmte silberne Madonna.

Sie wiegt rund 600 Kilo und wird jedes Jahr am 15. August durch die Straßen getragen. Sechzehn bis achtzehn Männer stemmen sie gemeinsam – nicht aus Show, sondern aus Überzeugung. Viele von ihnen tragen diese Tradition seit ihrer Jugend. Eine Tradition, die man nicht erklärt, sondern lebt.

Glaube, Gemeinschaft, Stolz. Hier hängt das alles zusammen, ohne große Worte.


Hinterland – dort, wo Bastia durchatmet

Bastia endet nicht an der letzten Häuserzeile. Kaum verlässt man die Stadt, beginnt ein anderes Kapitel. Berge rücken näher, Wege schlängeln sich durch Macchia, Schiefer knirscht unter den Schuhen.

Einheimische Guides führen über Pfade, die seit Jahrhunderten existieren. Steine, die früher Dächer deckten, liegen heute noch am Wegesrand. Schiefer – flach, grau, ehrlich. Material und Metapher zugleich.

Nach einer Stunde Anstieg öffnet sich der Blick. Die Stadt liegt unten wie ein Mosaik, das Meer glitzert, die Küste zieht sich elegant dahin. Korsika zeigt hier, warum sie von den Griechen einst Kalliste genannt wurde – die Schönste.

Wer oben steht, sagt erstmal nichts.

Warum auch?


Eis aus dem Berg – eine Geschichte, die überrascht

Auf etwa 600 Metern Höhe stößt man auf ein fast vergessenes Bauwerk: eine alte Glacière aus dem 16. Jahrhundert. Früher fiel hier im Winter Schnee. Die Menschen sammelten Eis, lagerten es in tiefen Schächten und transportierten es später auf Maultieren hinunter in die Stadt.

Kühlung ohne Strom. Logistik ohne Motoren. Bastia denkt seit jeher pragmatisch – und ein bisschen genial. Diese Orte erinnern daran, wie eng Stadt und Natur miteinander verbunden waren. Und irgendwie noch sind.


Canistrelli – mehr als nur ein Keks

Nach so viel Bewegung meldet sich der Appetit. Bastia antwortet darauf zuverlässig. Ein Name fällt sofort: Canistrelli. Diese kleinen, knusprigen Kekse gehören hier einfach dazu wie das Meer.

In einer Werkstatt nahe der Stadt arbeitet Émilie Dupouey Potentini. Ursprünglich aus Lothringen, hat sie auf Korsika nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihre Berufung gefunden. Ihre Canistrelli folgen einem einfachen Prinzip: gute Zutaten, Zeit, Gefühl.

Butter, Zucker, Mehl, Eier, Vanille. Mehr braucht es nicht. Der Trick liegt im Teig – außen kross, innen fast zart. Manche Sorten kommen mit Honig, andere mit Zitrone oder korsischer Clementine. Ein Bissen, und man versteht, warum diese Kekse mehr sind als Mitbringsel.

Sie schmecken nach Zuhause. Auch wenn man nur zu Besuch ist.


Bastierinnen und Bastier – stolz, aber nicht laut

Was Bastia wirklich prägt, sind die Menschen. Stolz auf ihre Wurzeln, ja. Aber ohne dieses demonstrative Schulterklopfen. Man lebt seine Traditionen im Alltag. Prozessionen, Feste, gemeinsames Essen, gemeinsames Diskutieren.

Hier streitet man leidenschaftlich – und versöhnt sich beim nächsten Kaffee. Politik, Familie, Fußball. Alles wichtig, alles emotional. Und immer mit dieser tiefen Verbundenheit zur Insel.

Ein Händler sagt lachend: „Wir sind nicht kompliziert – wir sind nur Korsen.“ Punkt.


Eine Stadt, die in Erinnerung bleibt

Bastia drängt sich nicht auf. Sie wartet. Und genau deshalb bleibt sie im Kopf. Nicht als lautes Highlight, sondern als Gefühl. Als Erinnerung an Abende am Hafen, an Gespräche, die man gar nicht führen wollte und dann doch genossen hat. An Wege, die man ohne Ziel gegangen ist.

Vielleicht liegt darin ihre größte Stärke.

Bastia zeigt, dass Tradition nichts Verstaubtes ist. Sondern etwas Lebendiges. Etwas, das man teilt, ohne es zu erklären. Und wenn man geht, nimmt man ein kleines Stück davon mit – ganz automatisch.

Oder man kommt wieder.

Wer weiß?

Ein Artikel von M. Legrand

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