Frankreich · 15.06.2026 08:13
Der Korkenzieher von Quiberon: Wenn der Sommer auf Schienen rollt
Manche Züge bringen Reisende von A nach B. Andere erzählen Geschichten. Der berühmte Korkenzieher von Quiberon gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Zwischen Auray und der Halbinsel Quiberon zieht sich eine Bahnlinie durch die bretonische...
Manche Züge bringen Reisende von A nach B. Andere erzählen Geschichten. Der berühmte Korkenzieher von Quiberon gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Zwischen Auray und der Halbinsel Quiberon zieht sich eine Bahnlinie durch die bretonische Landschaft, die jeden Sommer eine ganz besondere Rolle übernimmt. Sobald die Urlaubssaison beginnt, verwandelt sich der kleine Zug in eine Lebensader zwischen Festland und Atlantik.
Seit Mitte Juni 2026 rollt der „Tire Bouchon“ wieder durch das Département Morbihan. Sein Name klingt charmant und trifft den Kern seiner Aufgabe erstaunlich gut. Wie ein Korkenzieher löst er den Stau, der sich auf der einzigen Straßenverbindung zur Halbinsel regelmäßig bildet.
Doch hinter dem sympathischen Spitznamen verbirgt sich weit mehr als nur ein praktisches Verkehrsmittel.
Der Zug steht für eine Bretagne, die Tradition und Zukunft miteinander verbindet.
Und genau das macht seinen Reiz aus.
Die Reise beginnt in Auray
Wer in Auray auf den Bahnsteig tritt, spürt sofort die entspannte Atmosphäre einer Region, die sich nicht von Hektik treiben lässt. Die historische Kleinstadt gilt als Tor zur Südbretagne und bietet bereits vor der Zugfahrt einige reizvolle Eindrücke.
Von hier startet der Korkenzieher seine Fahrt Richtung Atlantik.
Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Häuser verschwinden hinter grünen Hecken, Felder ziehen vorbei und der Alltag bleibt Stück für Stück zurück. Genau darin liegt der Zauber dieser Strecke. Niemand steigt ein, um möglichst schnell ans Ziel zu gelangen. Die Fahrt selbst gehört bereits zum Erlebnis.
Und mal ehrlich: Wann hat man zuletzt bewusst aus dem Fenster eines Regionalzuges geschaut, ohne ständig aufs Smartphone zu schielen?
Sehenswerte Orte entlang der Strecke
Auray – das historische Eingangstor
Auray besitzt eine lange Geschichte als Handelsstadt. Besonders der Hafen von Saint Goustan erinnert an vergangene Jahrhunderte. Enge Gassen, Granithäuser und kleine Plätze verleihen dem Ort einen fast zeitlosen Charakter.
Wer etwas früher anreist, sollte einen Spaziergang durch die Altstadt einplanen. Die Atmosphäre wirkt authentisch und angenehm unaufgeregt.
Ploëmel – die ruhige Bretagne
Nach dem Verlassen von Auray erreicht der Zug Ploëmel. Viele Reisende nehmen den Ort kaum wahr, doch gerade das macht seinen Charme aus. Hier zeigt sich die Bretagne von ihrer stillen Seite.
Wiesen.
Kleine Bauernhöfe.
Steinmauern.
Eine Landschaft, die nicht laut um Aufmerksamkeit bittet.
Plouharnel – zwischen Geschichte und Natur
Plouharnel markiert einen spannenden Abschnitt der Strecke. Die Umgebung besitzt eine lange Vergangenheit, die bis zu den Megalithanlagen der Region zurückreicht. Die berühmten Steinreihen von Carnac liegen nur wenige Kilometer entfernt und zählen zu den bedeutendsten vorgeschichtlichen Monumenten Europas.
Die Gegend wirkt wie ein offenes Geschichtsbuch.
Gleichzeitig kündigt sich hier bereits die Nähe des Ozeans an. Der Wind wird kräftiger, die Luft salziger und das Licht verändert sich. Viele Reisende merken spätestens jetzt, dass das Meer nicht mehr weit entfernt liegt.
Penthièvre – die schmale Landenge
Einer der eindrucksvollsten Abschnitte folgt kurz darauf.
Die Haltestelle Penthièvre liegt auf einer schmalen Landzunge, die das Festland mit der Halbinsel Quiberon verbindet. Hier zeigt sich die Natur von ihrer spektakulären Seite. An manchen Stellen scheint das Meer links und rechts der Strecke gleichzeitig präsent zu sein.
Die Eisenbahnlinie wurde im 19. Jahrhundert gebaut und galt damals als technische Meisterleistung. Noch heute entsteht beim Blick aus dem Fenster das Gefühl, über einen schmalen Steg zwischen zwei Wasserwelten zu fahren.
Ein Moment, den viele Fahrgäste nie vergessen.
Saint Pierre Quiberon – authentisches Küstenleben
Der nächste Halt führt nach Saint Pierre Quiberon. Der Ort besitzt einen deutlich ruhigeren Charakter als das spätere Endziel. Fischerboote, kleine Cafés und typisch bretonische Häuser prägen das Bild.
Hier ticken die Uhren etwas langsamer.
Genau deshalb lohnt sich ein Zwischenstopp.
Besonders Spaziergänge entlang der Küste zeigen, weshalb die Bretagne seit Generationen Künstler, Schriftsteller und Fotografen inspiriert. Das Licht verändert sich ständig, Wolken ziehen über den Himmel und das Meer präsentiert jede Stunde ein anderes Gesicht.
Quiberon – das Ziel am Atlantik
Am Ende der Strecke wartet Quiberon.
Der traditionsreiche Badeort entwickelte sich bereits im 19. Jahrhundert zu einem beliebten Reiseziel. Damals kamen wohlhabende Gäste wegen der frischen Meeresluft und der heilenden Wirkung des Klimas an die Küste.
Heute locken kilometerlange Strände, die wilde Côte Sauvage und zahlreiche Wassersportmöglichkeiten.
Besonders beeindruckend wirkt die Westküste. Hier prallen die Wellen des Atlantiks mit voller Kraft gegen die Felsen. An stürmischen Tagen steigen meterhohe Gischtfontänen in die Luft.
Ein Naturschauspiel, das ordentlich Eindruck macht.
Kulturelle Highlights entlang der Bahnlinie
Die Strecke zwischen Auray und Quiberon verbindet nicht nur Orte, sondern auch verschiedene Facetten bretonischer Kultur.
Überall begegnen Besucher den typischen Granithäusern, jahrhundertealten Kirchen und kleinen Kapellen. Viele Bauwerke erzählen von einer Zeit, als die Bretagne noch stark vom Meer, der Landwirtschaft und dem katholischen Glauben geprägt war.
Besonders interessant erscheint die regionale Identität. Die Bretonen pflegen ihre Traditionen mit bemerkenswerter Leidenschaft. Musik, Sprache und Feste spielen bis heute eine bedeutende Rolle.
Im Sommer finden zahlreiche Veranstaltungen statt. Dudelsackklänge erfüllen Marktplätze, Trachtengruppen tanzen traditionelle Tänze und auf den Märkten präsentieren Produzenten ihre regionalen Spezialitäten.
Dabei wirkt nichts künstlich oder für Touristen inszeniert.
Die Kultur gehört hier ganz selbstverständlich zum Alltag.
Der Korkenzieher transportiert deshalb nicht nur Urlauber, sondern gewissermaßen auch ein Stück regionales Selbstverständnis.
Ein Zug mit Geschichte
Die Bahnlinie besitzt eine bemerkenswerte Vergangenheit.
Bereits 1882 erfolgte die Eröffnung. Damals galt die Verbindung als wichtiger Fortschritt für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Fisch, landwirtschaftliche Produkte und Reisende gelangten deutlich einfacher an ihr Ziel.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor die Strecke jedoch zunehmend an Bedeutung. Das Auto dominierte den Verkehr, viele Nebenbahnen verschwanden aus dem französischen Streckennetz.
Auch die Verbindung nach Quiberon stand zeitweise auf der Kippe.
Dann entstand in den 1980er Jahren eine neue Idee.
Anstatt die Strecke aufzugeben, nutzte man sie gezielt als saisonale Entlastung für den Sommerverkehr. Aus einer bedrohten Nebenbahn entwickelte sich ein Erfolgsmodell.
Heute zählt der Korkenzieher zu den bekanntesten Sommerzügen Frankreichs.
Eine Entwicklung, mit der wohl kaum jemand gerechnet hätte.
Kulinarische Highlights am Ziel
Wer nach Quiberon fährt, reist automatisch in eine der spannendsten Genussregionen Frankreichs.
Frischer Fisch steht selbstverständlich weit oben auf der Speisekarte. Besonders Sardinen besitzen hier Tradition. Die Konservenindustrie machte Quiberon einst weit über die Bretagne hinaus bekannt.
Dazu kommen Austern aus den nahegelegenen Zuchtgebieten.
Muscheln.
Krustentiere.
Und natürlich Galettes.
Diese herzhaften Buchweizenpfannkuchen gehören zur Bretagne wie der Atlantik und die Leuchttürme. Gefüllt mit Käse, Schinken, Ei oder regionalen Spezialitäten ergeben sie eine unkomplizierte, aber ausgesprochen schmackhafte Mahlzeit.
Wer es süßer mag, sollte Kouign Amann probieren. Das berühmte Gebäck kombiniert Butter, Zucker und Teig zu einer Kalorienbombe, die verdammt lecker schmeckt.
Ja, die Waage freut sich darüber vermutlich weniger.
Der Gaumen dagegen umso mehr.
Dazu passt ein Glas bretonischer Cidre, der traditionell aus Schalen getrunken wird.
Warum der Korkenzieher mehr ist als ein Touristenzug
Der Erfolg des Tire Bouchon wirft interessante Fragen auf.
Wie sieht die Zukunft kleiner Bahnstrecken aus?
Und weshalb diskutieren viele Regionen über Milliardenprojekte, während vergleichsweise einfache Lösungen oft erstaunlich wirksam erscheinen?
Der Zug zwischen Auray und Quiberon liefert darauf eine praktische Antwort.
Er reduziert Verkehrsprobleme.
Er schont Ressourcen.
Er erhöht die Lebensqualität.
Und er macht das Reisen angenehmer.
Während sich Autos im Sommer häufig kilometerlang stauen, gleitet der Zug vergleichsweise entspannt Richtung Küste. Viele Einheimische betrachten ihn längst nicht mehr als touristische Attraktion, sondern als sinnvolle Ergänzung des regionalen Verkehrs.
Geplante Modernisierungen und umfangreiche Investitionen unterstreichen diese Entwicklung zusätzlich. Die Diskussion über eine breitere Nutzung außerhalb der Sommersaison zeigt, welches Potenzial in der Strecke steckt.
Empfehlungen für die Reise
Wer die Fahrt erleben möchte, sollte möglichst früh am Tag starten. So bleibt genügend Zeit für Zwischenstopps entlang der Strecke.
Ein Fensterplatz lohnt sich immer.
Besonders auf dem Abschnitt zwischen Penthièvre und Quiberon.
Zusätzlich empfiehlt sich ein Spaziergang an der Côte Sauvage. Die raue Küstenlandschaft vermittelt einen hervorragenden Eindruck von der Kraft des Atlantiks.
Genießer planen Zeit für regionale Spezialitäten ein. Die Bretagne erschließt sich nicht allein über Landschaften, sondern ebenso über ihre Küche.
Und wer einen kleinen Geheimtipp sucht, steigt unterwegs einmal in Saint Pierre Quiberon aus. Dort zeigt sich die Halbinsel oft von ihrer entspanntesten Seite.
Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck zurück:
Der Korkenzieher von Quiberon beweist, dass große Reiseerlebnisse nicht zwingend Hochgeschwindigkeitszüge, futuristische Bahnhöfe oder spektakuläre Technik benötigen. Manchmal genügt eine historische Nebenstrecke, ein Blick aufs Meer und das Gefühl, dass der Weg genauso schön ist wie das Ziel.
Ein Reisebericht von V.O.Yager