Es gibt Wettbewerbe, bei denen kein Mensch auf der Bühne steht. Kein Pokal glänzt im Scheinwerferlicht, keine Hymne erklingt. Und trotzdem geht es um Stolz, Emotionen und diesen leisen Kloß im Hals. Genau so ein Wettbewerb hat im Januar für Aufsehen gesorgt. Der Baum des Jahres in Frankreich steht fest – und er raschelt nicht irgendwo im Verborgenen, sondern mitten im Leben, im kleinen Ort Meung-sur-Loire.
Ein Ginkgo biloba, rund 170 Jahre alt, 27 Meter hoch. Ein Baum, der mehr gesehen hat als jeder Mensch, der heute unter ihm entlangspaziert.
Und mal ehrlich – wann hast du dich zuletzt über einen Baum gefreut?
Der Morgen beginnt hier anders. Ruhiger. Wer im Domaine Saint-Hilaire lebt oder zu Besuch kommt, merkt das sofort. Noch bevor der Kaffee dampft, huschen Eichhörnchen durch die Äste. Vögel streiten sich um die besten Plätze. Blätter flüstern, selbst wenn kein Wind geht.
Dieser Ginkgo steht da, als habe er nie etwas anderes getan. Verwurzelt, gelassen, unerschütterlich. Eine Art grüne Konstante in einer Welt, die sich ständig neu erfindet – manchmal etwas zu hektisch.
Caroline Lorre hat das gespürt. Vor sechs Jahren verliebte sie sich in diesen Baum. Nicht metaphorisch, sondern ganz real. So sehr, dass sie das Haus davor kaufte. Wer macht so etwas? Jemand, der begriffen hat, dass Heimat manchmal keine vier Wände braucht, sondern Wurzeln.
„Am Frühstückstisch ist schon Leben im Baum“, erzählt sie. Eichhörnchen, Vögel, dieses dauernde Kommen und Gehen. Und gleichzeitig diese Ruhe. Eine Kraft, die nicht laut auftreten muss.
Klingt kitschig? Vielleicht. Aber genau das macht den Reiz aus.
Frankreich kennt viele solcher grünen Giganten. Über tausend sogenannte arbres remarquables verteilen sich über das Land. Jeder mit Geschichte, Narben, Eigenheiten. Manche stehen mitten in Städten, andere tief in Wäldern, wo kaum jemand ihren Stamm berührt.
Doch nur einer trägt jetzt den Titel „Baum des Jahres“. Verliehen durch das Publikum. Keine Jury hinter verschlossenen Türen, sondern Menschen, die abgestimmt haben – aus Sympathie, Erinnerung, Bauchgefühl.
Dass der Ginkgo aus Loiret gewonnen hat, überrascht Fachleute kaum. Diese Baumart kam erst Ende des 18. Jahrhunderts aus Asien nach Europa. Exemplare dieses Alters zählen heute zu den ältesten ihrer Art in Frankreich.
Im Herbst zeigt er sein ganzes Können. Dann färben sich die Blätter goldgelb, als hätte jemand Sonnenlicht eingefangen und aufgehängt. Spaziergänger bleiben stehen. Handys kommen raus. Gespräche verstummen. Ein kurzer Moment, in dem alles andere unwichtig wirkt.
Kennst du das – wenn ein Ort plötzlich still macht?
Für Caroline Lorre ist der Baum längst mehr als Natur. Er gilt als Monument historique. Nicht offiziell mit Schild und Absperrung, sondern im Herzen.
„Er ist beeindruckend. Und er war schon da, lange bevor wir kamen“, sagt sie. Diese Perspektive relativiert einiges. Probleme schrumpfen, wenn man neben etwas steht, das zwei Weltkriege, politische Umbrüche und zahllose Winter überlebt hat.
Der Ginkgo wirkt wie ein geduldiger Zuhörer. Einer, der nichts kommentiert, aber alles registriert.
Und genau deshalb lieben ihn die Menschen.
Der Wettbewerb endet hier nicht. Im Februar tritt der Ginkgo von Meung-sur-Loire auf europäischer Ebene an. Dann geht es um den Titel „Europäischer Baum des Jahres“.
Ein Dorfbaum gegen jahrhundertealte Riesen aus Spanien, Polen oder Italien. David gegen Goliath? Eher Wurzel gegen Wurzel.
Doch selbst wenn er nicht gewinnt – für viele hat er längst gewonnen.
Ein paar Autostunden weiter, näher an Paris, steht ein anderer Baum, der ähnliche Gefühle auslöst. In Châtenay-Malabry breitet ein blauer Atlaszeder seine Äste aus. Ein Baum, der vor zehn Jahren selbst Baum des Jahres war.
Pleureur, selten, fast dramatisch in seiner Erscheinung. Die Zweige hängen wie schützende Arme herab. Darunter spazieren Menschen, Familien, Einzelgänger. Manche täglich.
Eine Frau sagt: „Ich komme jeden Tag hierher. Es gibt keinen Tag ohne diesen Baum.“ Sie wohnt zwei Minuten entfernt. Und trotzdem ist jeder Besuch ein kleines Ritual.
Unter der Zeder fühlt man sich klein. Und das meint sie positiv. Klein im Sinne von eingebettet. Beschützt. Weg vom Lärm.
Ist das nicht genau das, was wir alle suchen?
Eine Familie steht unter der Krone. Mehrere Generationen. Kinder schauen nach oben, Erwachsene schweigen. 145 Jahre hat dieser Baum auf dem Buckel. Kaum vorstellbar.
„Man fühlt sich winzig“, sagt eine Frau. Eine andere ergänzt: „Er ist einfach schön. Wirklich schön.“ Keine großen Worte. Braucht es auch nicht.
Diese Bäume erzählen ohne Sprache. Sie zeigen, dass Zeit relativ ist. Dass Beständigkeit existiert. Und dass nicht alles schnell gehen muss.
Vielleicht erklärt genau das die Faszination dieses Wettbewerbs. In einer Welt voller Rankings, Klickzahlen und Breaking News geht es hier um etwas Langsames. Um Geduld. Um Wachsen ohne Eile.
Der Beitrag im JT de 20h hat viele Zuschauer berührt. Nicht wegen spektakulärer Bilder, sondern wegen der leisen Töne. Gesendet von France Télévisions, zeigte der Bericht, wie sehr Natur noch immer Herzen erreicht.
Vielleicht sogar stärker als Politik oder Wirtschaft.
Bäume wie der Ginkgo von Meung-sur-Loire oder die Zeder von Châtenay-Malabry sind keine Kulisse. Sie sind Mitbewohner. Stille Zeugen des Alltags.
Sie hören Kinder lachen, Paare streiten, Hunde bellen. Sie sehen Jahreszeiten kommen und gehen. Und sie bleiben.
Manchmal frage ich mich, ob wir uns öfter an ihnen orientieren sollten. Weniger hasten, tiefer verwurzeln, öfter stehen bleiben.
Oder anders gefragt – wann hast du zuletzt einen Baum wirklich angeschaut?
Der europäische Wettbewerb im Februar bringt Spannung. Stimmen aus ganz Europa zählen. Jeder Klick ein kleines Bekenntnis zur Natur.
Doch unabhängig vom Ausgang hat der Ginkgo schon etwas erreicht: Er hat Menschen zusammengebracht. Gespräche ausgelöst. Erinnerungen geweckt.
Und vielleicht den ein oder anderen dazu gebracht, den eigenen Lieblingsbaum vor der Haustür neu zu sehen.
So ein Wettbewerb endet nicht mit der Siegerehrung. Er beginnt danach – draußen, im Park, auf dem Dorfplatz, im eigenen Garten.
Geh mal hin. Bleib stehen. Hör zu.
Der Baum erzählt dir mehr, als du denkst.
Ein Artikel von M. Legrand
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