Manche Tage wirken auf den ersten Blick unscheinbar – ein kalter Wintertag, tief im Januar. Doch der 29. Januar hat es in sich. Jahrhunderte hinweg wurde an diesem Datum verhandelt, gedichtet, gekämpft, reformiert und sogar geflogen. Was passierte an einem 29. Januar? Und welche Spuren davon ziehen sich bis in unsere Zeit?
Napoleon, Brienne und der lange Schatten des Empire
Frankreich im Jahr 1814: Die Lage ist brenzlig. Napoleon steht mit dem Rücken zur Wand. In Brienne-le-Château – ironischerweise der Ort, an dem er einst zur Schule ging – prallen seine Truppen auf eine Koalition aus preußischen und russischen Einheiten. Die Schlacht verläuft zwar nicht katastrophal für ihn, doch es ist klar: Der Kaiser verliert an Boden.
Brienne war nicht nur eine militärische Auseinandersetzung – es war ein Symbol dafür, dass der Nimbus Napoleons bröckelte. Und irgendwie spürt man diesen Geist noch heute. Die napoleonische Legende wirkt in Frankreich nach wie vor – von Straßennamen über Schulbücher bis hin zu politischen Reden, in denen „grandeur“ mehr als nur eine Floskel ist.
Literatur mit Gänsehaut-Effekt
Fast zur selben Zeit, nur ein paar Jahrzehnte später, macht ein junger amerikanischer Autor von sich reden. Edgar Allan Poe veröffentlicht sein Gedicht Der Rabe. Melancholie, Tod, Wahnsinn – die Themen hallen bis heute nach. Das Gedicht ist mehr als ein Literaturstück, es ist ein kulturelles Echo.
Was hat Poe mit Frankreich zu tun? Eine ganze Menge. Baudelaire verehrte ihn, übersetzte ihn und machte ihn in Frankreich populär. Viele französische Intellektuelle sahen in Poe das, was man heute wohl einen „Dark Romantic“ nennen würde. Sein Einfluss lässt sich bis in moderne Film- und Musikszenen verfolgen – ob Gothic-Rock oder Arthouse-Kino.
Französische Theatermagie: Der König tanzt
Zurück nach Paris, aber diesmal noch weiter in die Vergangenheit. Im Jahr 1664 bringt Molière seine Komödie Le mariage forcé auf die Bühne. Und wer tanzt bei der Premiere höchstpersönlich mit? Der Sonnenkönig selbst, Ludwig XIV.
Was zunächst wie eine schrullige Anekdote klingt, sagt viel über die Rolle der Kunst im absolutistischen Frankreich. Theater war nicht einfach Unterhaltung – es war politisches Werkzeug, gesellschaftlicher Spiegel und königliche Inszenierung in einem. Noch heute ehrt Frankreich seine großen Dramatiker wie Molière mit einer Verehrung, die fast religiös anmutet. Wer je im Pariser Comédie-Française war, weiß, wovon die Rede ist.
Kino noir und die Lust am Abgrund
Zwei Filmklassiker feiern am 29. Januar ihre Premiere in Paris. Der eine: Les Diaboliques, ein Thriller, der das französische Kino mit psychologischem Tiefgang revolutionierte. Der andere: Fahrstuhl zum Schafott, ein Film von Louis Malle, mit einer Atmosphäre so dicht, dass man sie schneiden könnte – begleitet von Miles Davis’ legendärem Jazz-Soundtrack.
Beide Filme haben etwas gemeinsam: Sie zeigen, dass Frankreich das Kino nicht nur liebt, sondern formt. Diese Werke beeinflussten Generationen von Filmemachern, von Hitchcock bis Tarantino. Ein kleines Datum – aber ein großer Tag für die Filmgeschichte.
Politik mit Knall: Die Notabeln treten auf
Am 29. Januar 1787 ruft Ludwig XVI. eine Notabelnversammlung ein. Ziel: die Finanzreform durchboxen, bevor das Königreich wirtschaftlich kollabiert. Spoiler: Das klappt nicht. Die Adligen weigern sich, ihre Privilegien aufzugeben.
Diese Szene war einer der Vorläufer der Französischen Revolution – ein Moment, in dem deutlich wurde, dass das Ancien Régime keine Antworten mehr hatte. Wenn man so will, war dieser Tag ein kleiner Vorbote der Guillotine.
Ist das heute noch relevant? Absolut. Frankreichs Verhältnis zu Reichtum, Macht und Gleichheit wurzelt genau in diesen Konflikten. Man spürt es in Debatten über Steuern, Rente oder soziale Gerechtigkeit – die Revolution ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein permanenter Unterstrom.
Krieg in der Luft: Paris zittert
1916 – der Erste Weltkrieg hat die Welt fest im Griff. Am 29. Januar fliegen erstmals deutsche Zeppeline über Paris und werfen Bomben ab. Der Schock sitzt tief. Die „Stadt der Lichter“ wird zur Zielscheibe. Die Bevölkerung erlebt, was moderne Kriegsführung bedeutet: Der Feind kommt nicht nur über Land, sondern auch aus der Luft.
Wie konnte das passieren? Technischer Fortschritt, gekoppelt mit strategischem Wahnsinn. Diese ersten Luftangriffe waren Vorboten dessen, was im Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus zum traurigen Alltag werden sollte – Luftkrieg gegen Städte, gegen Zivilisten. Heute sind Drohnen die neuen Zeppeline, doch das Prinzip bleibt erschreckend ähnlich.
Ein Patent verändert die Welt: Carl Benz meldet sich
Nicht Frankreich, aber nah dran: Am 29. Januar 1886 reicht Carl Benz das Patent für das erste praxistaugliche Automobil ein. Die Konsequenzen? Unermesslich. Von der Art, wie wir arbeiten, wohnen, reisen – bis hin zur Art, wie Städte gebaut werden.
Frankreich war von Anfang an dabei: Peugeot, Renault, Citroën – französische Automarken sind nicht nur Exporteure von Blech auf Rädern, sondern auch von Lebensgefühl. Wer einmal mit einem alten Citroën 2CV durch die Provence geschuckelt ist, weiß, was gemeint ist.
Eine rhetorische Frage zum Schluss
Was haben ein Schlachtfeld, ein Theaterstück, ein Gedicht, ein Luftschiff und ein Auto gemeinsam?
Sie alle haben am 29. Januar Geschichte geschrieben. Und sie zeigen, wie sich an einem einzigen Tag die Linien der Weltgeschichte kreuzen können – still, dramatisch, ein bisschen verrückt.
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