Der Kalender ist voll von Tagen, an denen die Welt stillstand, bebte oder sich klammheimlich veränderte. Der 5. August ist einer davon – er bringt große Wendepunkte, Tragödien, technische Durchbrüche und kulturelle Meilensteine. Ob Frankreich, die USA, Polen oder Südafrika: An diesem Datum wurde Geschichte geschrieben – mal laut, mal leise.
Ein Stichtag der Widersprüche
Ein Beispiel für europäische Machtpolitik ist das Jahr 1772. An genau diesem Tag beschlossen Russland, Preußen und Österreich die erste Teilung Polens. Ohne Krieg, aber mit politischem Kalkül – Polen verlor ein Drittel seines Staatsgebiets und die Hälfte seiner Bevölkerung. Für Polen war das der Anfang vom Ende der Eigenständigkeit, für die Großmächte ein bequemer Landraub. Heute würde man sagen: ein Paradebeispiel für „Geopolitik mit schmutzigen Händen“.
Nicht einmal ein Jahrhundert später erklomm eine Frau die Spitze eines mächtigen Berges – und schrieb damit Geschichte. Julia Archibald Holmes bestieg den Pikes Peak in Colorado. In einer Zeit, in der Frauen keine Stimme und kaum Rechte hatten, sagte sie: Ich kann. Und sie tat’s. Oben angekommen trug sie Hosen – ein Skandal für damalige Verhältnisse, ein Vorbild für Generationen.
Neue Regeln, neue Realitäten
Ebenfalls am 5. August, diesmal 1861, unterzeichnete Abraham Lincoln das Gesetz zur Einführung der ersten Einkommensteuer der Vereinigten Staaten. Der Bürgerkrieg war teuer – und irgendjemand musste ihn bezahlen. Die Maßnahme war revolutionär. Eine neue Ära fiskalischer Verantwortung begann, auch wenn sie damals mit zusammengebissenen Zähnen akzeptiert wurde.
Drei Jahre später – und wieder der 5. August – befand sich die Union im US-Bürgerkrieg erneut in entscheidender Bewegung. In der Schlacht um die Mobile Bay im Süden der USA bewies Admiral David Farragut unerschütterliche Entschlossenheit: „Damn the torpedoes, full speed ahead!“ – ein Satz, der in die Geschichte einging. Der Sieg brachte die Nordstaaten näher an den Gesamtsieg heran und schwächte die Konföderierten empfindlich.
Ein ganz anderes Licht – wortwörtlich – ging 1914 in Cleveland, Ohio, auf: Die erste elektrische Ampelanlage wurde in Betrieb genommen. Was für uns heute selbstverständlich ist, war damals ein Meilenstein städtischer Organisation. Der moderne Verkehr nahm hier seinen Anfang.
Schicksale, die bewegen
1962 – kaum ein anderes Datum trägt einen so doppelten Beigeschmack. Am 5. August wurde Nelson Mandela verhaftet. Die Welt sollte ihn fast drei Jahrzehnte lang nicht wieder frei sehen. Doch aus dieser Gefangenschaft erwuchs eine der beeindruckendsten politischen Karrieren des 20. Jahrhunderts. Ein Freiheitskämpfer, der später zum Präsidenten wurde – und zur moralischen Stimme eines ganzen Kontinents.
Im Schatten dieses Ereignisses starb am gleichen Tag Marilyn Monroe. Der Mythos war geboren. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute nicht abschließend geklärt. Doch die Welt trauerte – um eine Frau, die ebenso hell strahlte wie sie zerbrach.
Ein weiterer 5. August, diesmal im Jahr 1963: Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion unterzeichneten den Vertrag zum Verbot atmosphärischer, überirdischer und unterseeischer Atomtests. Ein Zeichen der Hoffnung mitten im Kalten Krieg – zumindest für einen kurzen Moment.
Und Frankreich?
Frankreichs Geschichte an diesem Tag beginnt schon früh. Am 5. August 882 stirbt König Ludwig III. – auf besonders absurde Weise. Beim Versuch, einer jungen Frau nachzujagen, stößt er sich den Kopf an einem Türsturz und stirbt an den Folgen. Es sind nicht immer Kriege, die Könige stürzen – manchmal reicht ein Moment jugendlicher Unbedachtheit.
Im Jahr 1392 erlebt König Karl VI. eine psychische Krise während eines Feldzugs. Er beginnt, seine Männer anzugreifen und verliert kurzzeitig jeglichen Bezug zur Realität. Es ist der Beginn einer langjährigen Geisteskrankheit, die das französische Königreich politisch lähmte. Der Wahnsinn des Königs wurde zum Katalysator für den Machtverlust der Krone und ebnete langfristig den Weg für die französischen Bürgerkriege.
Im 18. Jahrhundert wird ein großer Geist geboren: Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues. Als Philosoph und Essayist prägte er die moralischen Diskurse seiner Zeit – feinfühlig, scharfsinnig und oft mit einem Anflug tragischer Tiefe.
Der 5. August 1907 schließlich brachte Gewalt. In Casablanca eröffneten französische Truppen das Feuer. Der koloniale Anspruch Frankreichs stieß auf Widerstand. Tausende Menschen starben. Die französische Dominanz in Nordafrika hatte ihren Preis – und dieser Tag ist ein Teil davon.
In späteren Jahrzehnten, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, war der 5. August wiederholt ein Datum lokaler Gräueltaten: in kleinen Gemeinden Frankreichs, in denen deutsche Besatzer und kollaborierende Kräfte gegen Widerstandskämpfer vorgingen. Man erinnert sich an Orte wie Beaurepaire oder Sainte-Anne-d’Auray – Mahnmale für Mut und Leid.
Was bleibt?
Ein Tag ist nur ein Tag – oder?
Der 5. August zeigt, wie viel Vergangenheit in einem einfachen Datum stecken kann. Von politischer Machtgier über kulturelle Revolutionen bis hin zu persönlichen Tragödien. Es sind diese dichten Momente, die Geschichte greifbar machen. Man fragt sich: Welche Spuren werden wir wohl an einem beliebigen 5. August hinterlassen?
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