Tag & Nacht


Der Winter hat Frankreich in diesen Tagen nicht einfach besucht, er hat sich festgesetzt. Mit Nachdruck. Mit Kälte, Schnee und tückischem Glatteis. Am Dienstagmorgen hob Météo‑France zwar die orangefarbene Warnstufe für Schnee und Eis im ganzen Land auf, doch Entwarnung fühlt sich anders an. Die Straßen bleiben gefährlich, der Verkehr stockend, und am Ende dieses meteorologischen Kapitels stehen sechs Todesopfer, verstreut über mehrere Regionen. Der Frost hat Spuren hinterlassen, sichtbare und unsichtbare.

Schon in den frühen Morgenstunden war klar: Das eigentliche Problem liegt nicht mehr im fallenden Schnee, sondern im harten Wiedergefrieren. „Fort regel“ nennen es die Meteorologen – ein Begriff, der harmlos klingt und doch Asphalt in eine Rutschbahn verwandelt. In der Bretagne rutschte ein Auto in den Straßengraben, andernorts krachten Fahrzeuge ineinander, weil Bremswege plötzlich nicht mehr existierten. Sechs Menschen verloren dabei ihr Leben, unter anderem in der Bretagne, in den Landes und im Großraum Paris. Jede dieser Meldungen steht für einen abrupten Schnitt im Alltag, für eine Fahrt, die nie hätte enden dürfen.

Nach Angaben des Verkehrsministeriums galten am Dienstagvormittag noch rund 309 Kilometer der Nationalstraßen als schwierig befahrbar. Das klingt nach wenig, kaum anderthalb Prozent des Hauptstraßennetzes. In der Realität jedoch genügt ein einziger vereister Abschnitt, um ganze Regionen lahmzulegen. In der Île-de-France meldeten die Behörden zwar überwiegend normale Verkehrsbedingungen, doch weiter westlich, rund um Nantes und an der Atlantikküste der Charente-Maritime, blieb die Lage angespannt. Fünf Flughäfen – darunter Nantes und La Rochelle – stellten den Betrieb ein. Brest sprang als Ausweichlösung ein und nahm Maschinen auf, die eigentlich woanders hätten landen sollen.

Der Blick nach vorn verheißt wenig Ruhe. Noch am Dienstag hält die winterliche Störung an, gefolgt von erneutem Frost in der Nacht. Für Mittwoch kündigt Météo‑France bereits die nächste Wetterfront an: Schnee im Norden, örtlich gefrierender Regen, dazu möglicherweise eine erneute Verschärfung der Warnstufen. Winter als Serie, nicht als Einzelereignis.



Auch auf der Schiene zeigt sich, wie fragil Mobilität im Angesicht der Elemente bleibt. Das Netz der SNCF ist in mehreren Regionen beeinträchtigt, besonders in Neu-Aquitanien und den Pays de la Loire. Zahlreiche Regionalstrecken wurden vorübergehend eingestellt, andere mit drastischen Geschwindigkeitsbegrenzungen belegt. Mitarbeiter räumen Bahnsteige frei, enteisen Weichen, kämpfen gegen eine Kälte, die Technik und Zeitpläne gleichermaßen ignoriert. In der Charente keimte immerhin Hoffnung auf: Gegen Mittag sollte der Verkehr dort wieder normal laufen. Ein kleines Aufatmen.

In der Bretagne hingegen herrscht weiter Vorsicht. Zum zweiten Mal in Folge bleiben die Schultransporte ausgesetzt. Vier Départements sind betroffen, darunter Ille-et-Vilaine, wo ein junger Motorradfahrer am Montagnachmittag tödlich verunglückte. Ein Moment des Kontrollverlusts, ausgelöst durch Glätte, genügte. Schwerlastverkehr über 7,5 Tonnen bleibt auf mehreren Achsen verboten. Man spürt: Die Behörden setzen lieber auf Stillstand als auf Risiko.

Ähnlich das Bild in der Normandie. Auch dort rollt kein Schulbus, und das bereits den zweiten Tag. In den Hauts-de-France senkten die Präfekten die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf den großen Achsen um 20 km/h. Auf Autobahnen gilt Tempo 110, für schwere Fahrzeuge sogar nur 80. Es ist, als würde das Land kollektiv den Fuß vom Gas nehmen.

Besonders hart traf es die Charente-Maritime. Bis zu 30 Zentimeter Schnee fielen in der Nacht, selbst an der Küste und auf den Inseln – für diese Region ein seltener Anblick. In La Rochelle stand zeitweise ein Teil der Stadt still. Bürgermeister Thibaut Guiraud sprach von einer „inéditen“ Situation, einer nie dagewesenen. Eltern wurden gebeten, Kinder zu Hause zu lassen, Lehrkräfte kämpften sich mühsam oder gar nicht zu ihren Schulen durch. Gleichzeitig meldete der Netzbetreiber Enedis tausende Haushalte ohne Strom. Umgestürzte Äste, gekappte Leitungen, blockierte Straßen – der Winter zeigte sich hier von seiner rohen Seite.

Weiter nördlich, in den Pays de la Loire, entwickelte sich die Lage fast dramatisch. In der Vendée fielen mancherorts bis zu 20 Zentimeter Schnee, für die Region ein historischer Wert. Präsident Alain Lebœuf sprach von einer Ausnahmesituation, verschärft durch den nachfolgenden Frost. Auf den Straßen kam es zu Dutzenden Unfällen, Fahrzeuge mussten geborgen, Gestrandete von Gemeinden aufgenommen werden. Schwerlastverkehr wurde zeitweise komplett untersagt, Schultransporte flächendeckend eingestellt. „Bleibt zu Hause“, lautete die unausgesprochene Parole. Klingt simpel, rettet aber Leben.

Auch rund um Nantes spielte sich am Montagabend eine Szene ab, die vielen noch lange im Gedächtnis bleiben dürfte. Mehr als hundert Schüler saßen stundenlang in Schulbussen fest, weil der Pont de Saint-Nazaire für schwere Fahrzeuge gesperrt wurde. Erst kleinere Shuttlebusse und schließlich Eltern brachten die Jugendlichen nach Hause. Da denkt man kurz: Winterferien wären jetzt echt keine schlechte Idee.

In der Île-de-France schließlich zeigte sich das Paradox der Großstadt im Ausnahmezustand. Zwei tödliche Unfälle überschatteten den Wochenbeginn, einer in der Seine-et-Marne, ein weiterer im Val-de-Marne, wo ein VTC-Fahrer mit seinem Wagen in die Marne stürzte. Gleichzeitig funktionierten Metro, RER und Tram weitgehend normal, während der Busverkehr drastisch reduziert wurde. Île‑de‑France Mobilités meldete, dass in einigen Départements kein einziger Bus ausrückte. Das Ergebnis: ungewöhnlich leere Straßen, rekordverdächtig wenig Stau. Paris atmete kurz durch, wenn auch aus einem traurigen Anlass.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Wetter keine Randnotiz ist. Es greift ein, ordnet neu, zwingt zur Vorsicht. Der Winter 2026 hat Frankreich daran erinnert, wie schnell Normalität ins Rutschen gerät – im wahrsten Sinne des Wortes.

Autor: Andreas M. Brucker

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