Der Winter zeigt sich in Frankreich dieser Tage von seiner kompromisslosen Seite. Schnee, Eisregen und spiegelglatte Fahrbahnen haben am Mittwochmorgen weite Teile des Landes fest im Griff. Zwar hat Météo France die Wetterwarnung wegen Schnee und Glatteis leicht zurückgenommen, doch Entwarnung klingt anders. Statt 38 stehen nun noch 32 Départements unter Warnstufe Orange. Für viele Französinnen und Franzosen bedeutet das: zu Hause bleiben, wenn es irgendwie geht – und Geduld haben, sehr viel Geduld.
Innenminister Laurent Nuñez mahnte zur größten Vorsicht. Wer sich bewegen müsse, solle die Hinweise der Präfekturen genau verfolgen. Ein Satz, der nüchtern daherkommt, aber eine ziemlich klare Botschaft trägt: Die Lage bleibt heikel. Besonders betroffen sind der Norden und der Westen des Landes, wo sich Schnee und gefrierender Regen zu einer tückischen Mischung verbinden. Am Vormittag wurden in Paris-Montsouris sechs Zentimeter Neuschnee gemessen, in Trappes drei, in Melun erneut sechs, in Blois immerhin noch drei. Keine dramatischen Mengen, aber ausreichend, um das öffentliche Leben empfindlich zu stören.
Verkehrsminister Philippe Tabarot sprach eine deutliche Empfehlung aus. Autofahrten und selbst die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in der Île-de-France sollten vermieden werden, Homeoffice sei das Gebot der Stunde. Ein Appell, der vielen entgegenkommt, aber längst nicht allen. Pflegepersonal, Lieferdienste, Polizei – sie alle müssen raus. Und sie alle kämpfen mit denselben Bedingungen.
Auf den Straßen rund um Paris stauten sich am Vormittag nahezu 950 Kilometer Blech. Fast so viel wie beim ersten Schneefall zu Wochenbeginn, der bereits als Rekord in die Statistik der Präfektur einging. In der Hauptstadtregion wurde der höchste Stand des Schnee- und Glatteisplans aktiviert, Tempo 70 auf vielen Achsen, einzelne Strecken wie die N118 komplett gesperrt. Die RATP stellte den Busverkehr inzwischen komplett ein, Sicherheitsgründe, hieß es. Auf der RER-Linie E fielen Züge aus, in den Yvelines und in Seine-et-Marne wurden die Schultransporte gestrichen.
Auch auf den großen Autobahnen zeigt sich der Winter von seiner störrischen Seite. Auf der A11 zwischen Paris und Angers sowie auf der A10 Richtung Orléans und Tours fiel Schnee, die A13 Richtung Rouen galt am frühen Morgen als besonders problematisch. Wer unterwegs war, brauchte starke Nerven – und gute Winterreifen, logisch.
Am Himmel sah es kaum besser aus. Am Flughafen Roissy Charles-de-Gaulle wurden rund hundert Flüge gestrichen, in Orly etwa vierzig. Ein halber Vormittag im Ausnahmezustand, mit der leisen Hoffnung auf Normalität am Nachmittag. Hoffen darf man ja.
Im Zentrum des Landes herrscht Stillstand nach Plan. In der Region Centre-Val de Loire rollte kein einziger Schulbus. Sechs Départements, eine Entscheidung. Auch der Regionalverkehr auf der Schiene kam auf wichtigen Achsen zum Erliegen, insbesondere rund um Tours. Eisregen ist für Züge ein stiller Feind, unsichtbar, aber gnadenlos.
In den Pays de la Loire wurde ebenfalls der Rotstift angesetzt. Alle Schulbusse gestrichen, der Linienverkehr abhängig vom Zustand der Straßen. Auf der A81 nahe Le Mans schneite es kräftig, rund um Nantes meldeten die Autobahnbetreiber Glatteis. Der Flughafen Nantes kündigte an, den Betrieb erst ab Donnerstagmittag wieder hochzufahren. Geduld, schon wieder.
Weiter südwestlich, in der Nouvelle-Aquitaine, dehnt sich die weiße und glatte Zone bis in Regionen aus, die man eher mit Atlantikregen als mit Eis verbindet. Schultransporte wurden in zahlreichen Départements ausgesetzt, teils bis mindestens Donnerstagmorgen. Besonders einschneidend: Das Fahrverbot für Lastwagen in der gesamten Region. Auf der A10 zwischen Poitiers und Niort sorgten gefrierende Niederschläge für zusätzliche Spannung hinterm Lenkrad.
Selbst die Auvergne und Teile der Rhône-Alpes blieben nicht verschont. Im Département Allier wurden die Schultransporte auf Anordnung der Präfektur eingestellt. Eine Maßnahme, die inzwischen fast schon Routine hat, aber jedes Mal aufs Neue organisatorische Verrenkungen verlangt.
In der Normandie, wo der Winterwind vom Ärmelkanal her kommt, blieben die Schulbusse ebenfalls in den Depots. Auf der A84 in der Manche verschlechterten Schnee und Eis die Lage spürbar. Kein Drama, aber auch kein Spaß, wie man so sagt.
Die Bourgogne-Franche-Comté meldete ähnliche Entscheidungen. Im Département Yonne fiel der Schultransport für den gesamten Mittwoch aus. Der Winter macht auch hier keine halben Sachen.
Besonders angespannt blieb die Situation in den Hauts-de-France. Die gesamte Region setzte den Schulverkehr aus. Auf mehreren Autobahnen rund um Arras, Lille und Dunkerque staute sich der Verkehr kilometerweit. Über hundert Kilometer Stau auf der A21 am Morgen – Zahlen, die man sonst nur aus den Sommerferien kennt. An der Universität Lille wurden Prüfungen verschoben. Bildung braucht manchmal schlicht bessere Straßenverhältnisse.
Und dann der Süden. Provence-Alpes-Côte d’Azur, sonst wintermild, meldete Schnee auf der A8, mehrere Unfälle nahe Trets, die Autobahn Richtung Aix und Marseille gesperrt. Zwei Lastwagen waren beteiligt, mutmaßlich eine direkte Folge der Wetterlage. Ein seltener, aber eindrucksvoller Beweis dafür, dass der Winter auch hier keine Rücksicht auf Klischees nimmt.
Frankreich erlebt an diesem Mittwoch keinen historischen Blizzard, aber einen Wintertag, der reicht, um den Alltag aus den Angeln zu heben. Schnee und Eis, das weiß man hier, sind keine Selbstverständlichkeit – und gerade deshalb so wirksam.
Autor: Daniel Ivers
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