Tag & Nacht


Die jüngste Militärparade in Peking war weit mehr als eine nationale Feier. Sie war ein präzise choreografiertes Signal an den Westen – über Chinas Ambitionen, seine technologische Stärke und seine geopolitischen Allianzen.

Jets donnerten über den Himmel der Hauptstadt, Raketenrampen rollten über den Tiananmen-Platz, begleitet von Hunderten Soldaten in exakt abgestimmten Formationen. Es war ein martialisches Schauspiel, das an sowjetische Inszenierungen erinnerte, aber auf dem neuesten Stand chinesischer Militärtechnik basierte. Präsident Xi Jinping stand dabei im Mittelpunkt – sichtbar als Oberbefehlshaber, flankiert von Russlands Wladimir Putin und Nordkoreas Kim Jong-un. Es war ein Auftritt mit Symbolkraft.

Militärische Machtdemonstration mit globaler Botschaft

Offiziell diente die Parade dem Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Rolle Chinas im Sieg über das japanische Kaiserreich. Tatsächlich jedoch dominierte ein anderer Subtext: Chinas Aufstieg zur Supermacht – militärisch wie geopolitisch.

Zu sehen waren unter anderem neue Hyperschallraketen, die laut chinesischem Verteidigungsministerium in der Lage sind, feindliche Schiffe mit hoher Geschwindigkeit zu zerstören. Auch interkontinentale, nuklear bestückbare ballistische Raketen wurden vorgeführt – mit Reichweiten, die den amerikanischen Kontinent erreichen können. Drohnen, autonome Unterwasserfahrzeuge und autonome Panzer vervollständigten das Bild eines Landes, das seine militärische Schlagkraft offensiv zur Schau stellt.



Die Signalwirkung dieser Präsentation liegt auf der Hand: In einer Zeit wachsender Spannungen um Taiwan, im Südchinesischen Meer und angesichts der geopolitischen Neuausrichtungen nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, will Peking deutlich machen, dass es auf Augenhöhe mit den USA operiert – und bereit ist, seine Interessen notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen.

Die Achse Peking–Moskau–Pjöngjang

Besonders auffällig war die internationale Gästeliste auf der Tribüne. Mit Putin und Kim Jong-un standen zwei der prominentesten Gegenspieler des Westens an Xis Seite. Die visuelle Nähe wurde durch eine pikante Szene ergänzt, die unfreiwillig öffentlich wurde: Ein offen gebliebenes Mikrofon fing auf, wie Xi und Putin über Möglichkeiten der Lebensverlängerung sprachen – etwa Organtransplantationen und medizinische Innovationen. Xi sagte: „Es könnte sein, dass Menschen in diesem Jahrhundert 150 Jahre alt werden.“ Es klang wie die Fantasie zweier Männer, die ihre Macht möglichst lange festhalten wollen.

Putin betrieb derweil „Limo-Diplomatie“: Während seines Aufenthalts in China führte er bilaterale Gespräche mit Indiens Premierminister Narendra Modi – in seiner kugelsicheren Staatslimousine. Die Symbolik solcher mobilen Begegnungen dürfte nicht zufällig gewählt sein: maximale Kontrolle, minimale Öffentlichkeit.

Für Aufsehen sorgte auch Kim Jong-uns Begleitung: Seine Tochter Kim Ju-ae, etwa zwölf Jahre alt, reiste erstmals zu einem internationalen Staatsbesuch mit. Beobachter in Südkorea werten dies als Indiz, dass sie bereits jetzt als potenzielle Nachfolgerin aufgebaut wird – ein bemerkenswerter Vorgang in einer ansonsten völlig undurchsichtigen Diktatur.

Protest im Schatten der Parade

Während sich Chinas Führung in Peking mit militärischer Pracht inszenierte, wurde in der südwestchinesischen Millionenstadt Chongqing ein anderes Bild sichtbar: jenes eines mutigen Protests gegen die allgegenwärtige Kontrolle des Staates.

Der Aktivist Qi Hong projizierte in der Nacht vor der Parade regierungskritische Botschaften auf die Fassade eines Hochhauses: „Nur ohne die Kommunistische Partei kann es ein neues China geben“, lautete eine davon. Weitere forderten „Wahrheit statt Lügen“ und „Freiheit statt Sklaverei“.

Der Clou: Qi steuerte die Aktion aus dem Ausland – aus Großbritannien, wohin er bereits neun Tage zuvor mit seiner Familie geflüchtet war. Er hatte Kameras installiert, um die Reaktion der Polizei zu dokumentieren. Tatsächlich erschienen Beamte etwa 50 Minuten nach Beginn der Aktion am Ort des Geschehens und wurden bei dem Versuch gefilmt, den Projektor abzubauen. Auf einem Tisch lag ein Brief an die Polizei: „Auch wenn ihr heute Nutznießer des Systems seid, werdet ihr eines Tages Opfer sein.“

Qi veröffentlichte später weiteres Material, darunter ein Foto, das seine gebrechliche Mutter beim Verhör durch Polizisten zeigt. Der Protest war gleichzeitig politische Botschaft, digitales Theater und medienwirksame Selbstinszenierung – und zeigte, wie selbst in einem weitgehend überwachten Staat kritischer Widerstand möglich bleibt.

Kontrollstaat und Kontrollverlust

Die Ironie ist offensichtlich: Der chinesische Staat, der sich mit einer Parade der Stärke und Stabilität präsentieren wollte, wurde just in dieser Phase durch einen einzelnen Dissidenten vorgeführt. Qi nutzte dabei genau die technologischen Mittel, mit denen der Staat seine Bürger kontrollieren will – Überwachungskameras, Netzwerke, digitale Infrastruktur.

„Die Partei installiert Kameras, um uns zu beobachten“, sagte Qi in einem Interview. „Ich dachte, ich kann sie genauso benutzen, um sie zu beobachten.“ Dass ihm dies gelang, obwohl China Milliarden in seine Sicherheitsarchitektur investiert, dürfte die Behörden blamieren – und Aktivisten weltweit inspirieren.

Die Parade in Peking und die Projektionen in Chongqing zeigen zwei Seiten desselben Landes: die monolithische Inszenierung einer Weltmacht und die verletzliche Oberfläche eines Systems, das mehr als alles andere die Kontrolle fürchtet.

Autor: P. Tiko

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