Tag & Nacht


Manchmal reicht ein einziges Detail, um den Blick neu zu schärfen. Eine Fliegerbrille, lässig getragen, ein kurzer Auftritt vor Kameras – und plötzlich wandert die Aufmerksamkeit weg vom politischen Parkett hin zu einer Landschaft, die sonst lieber im Hintergrund bleibt. Als Emmanuel Macron öffentlich mit einer Brille aus dem Hause Henry Jullien erschien, stand nicht Mode im Mittelpunkt. Es ging um Herkunft. Um Handwerk. Und um das Juragebirge – eine Region, die seit Generationen leise Großes hervorbringt.

Das Jura drängt sich nicht auf. Es protzt nicht, es wirbt nicht laut. Stattdessen wartet es. Auf Menschen, die genauer hinsehen, die zuhören, die begreifen möchten, warum gerade hier handwerkliche Exzellenz so selbstverständlich wirkt. Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieser Landschaft: Sie erklärt sich nicht – sie erlebt sich.

Ein erster Eindruck? Wälder, so dicht, dass das Licht weich gefiltert auf den Boden fällt. Hochmulden, im Winter schneeverhangen, im Sommer von sattem Grün überzogen. Dörfer, die aussehen, als hätten sie sich absichtlich ein wenig vor der Welt versteckt. Und mittendrin Werkstätten, in denen Zeit eine andere Bedeutung besitzt.


Wo Können vererbt wird

Seit über zwei Jahrhunderten prägt das Juragebirge ein handwerkliches Wissen, das nicht in Lehrbüchern entsteht, sondern an Werkbänken. Von Hand zu Hand, von Blick zu Blick. Früher vom Vater zum Sohn, heute oft auch von der Mutter zur Tochter – das Jura passt sich an, ohne sich zu verbiegen.



In Orten wie Saint Claude entwickelte sich eine weltweit anerkannte Brillenindustrie. Keine Massenware, sondern Präzisionsarbeit. Jede Fassung erzählt eine kleine Geschichte: vom Material, vom Entwurf, vom Menschen, der sie gefertigt hat. Hier gilt nicht schneller, höher, weiter, sondern genauer, besser, ehrlicher.

Man hört oft den Satz: „Das macht man hier halt so.“ Und genau das meint keine Bequemlichkeit, sondern Stolz. Stolz auf ein Können, das über Jahrzehnte geschliffen wurde – ähnlich wie die Fassungen selbst.

Besucher spüren diese Haltung sofort. In Museen, die nicht staubig wirken, sondern lebendig. In Werkstätten, in denen Maschinen neben Handwerkzeugen stehen, ohne sich zu widersprechen. Und bei Gesprächen mit Menschen, die lieber zeigen als erklären.


Henry Jullien – ein Name, der Haltung trägt

1921 gegründet, verkörpert das Haus Henry Jullien diese besondere Allianz aus Tradition und Gegenwart. Die Brillen entstehen im Juragebirge, entworfen mit Blick auf Linien, Proportionen und Tragegefühl. Keine Effekthascherei, kein modischer Lärm. Stattdessen Ruhe. Konzentration. Und eine tiefe Verbundenheit mit der Umgebung.

Wer eine solche Brille trägt, trägt ein Stück Landschaft im Gesicht. Klingt pathetisch? Vielleicht ein bisschen. Aber wenn man sieht, wie viel Zeit in jedem Detail steckt, wirkt diese Aussage plötzlich ganz bodenständig.

Die Natur des Jura prägt das Design spürbar. Die Formen sind klar, manchmal kantig, manchmal weich – wie die Landschaft selbst. Wälder, Felsen, Lichtwechsel. All das fließt ein, ganz ohne großes Tamtam.


Industrieerbe zum Anfassen

Das Juragebirge hat früh verstanden, dass sein industrielles Erbe kein Museumsstück bleiben darf. Es lebt weiter – offen, zugänglich, erklärbar. Thematische Rundgänge führen durch ehemalige Produktionsstätten. Veranstaltungen rund um Kunsthandwerk laden zum Mitmachen ein. Und plötzlich steht man selbst da, mit einer Feile in der Hand, und denkt: Gar nicht so einfach.

Genau das macht den Reiz aus. Besucher schauen nicht nur zu, sie begreifen. Warum bestimmte Materialien verwendet werden. Weshalb manche Arbeitsschritte Zeit brauchen. Und weshalb Qualität hier kein Marketingwort ist, sondern Alltag.

Ist das nicht genau das, wonach viele Reisende heute suchen? Orte, die Sinn ergeben – jenseits von Selfies und Souvenirshops?


Landschaft, die entschleunigt

Doch das Jura besteht nicht nur aus Werkbänken und Geschichte. Es ist auch eine Einladung, langsamer zu gehen. Zu wandern, ohne ständig auf den Höhenmeterzähler zu schauen. Panoramawege öffnen den Blick, ohne ihn zu überfordern. Kleine Bergstationen wirken überschaubar, fast familiär.

Zwischen Montbéliard im Nordosten und den Ausläufern bei Genf spannt sich eine Region, die landschaftlich überrascht. Flüsse schneiden sich durch Kerbtäler, Wasserfälle rauschen unvermittelt aus dem Wald, Höhlensysteme verbergen sich unter scheinbar harmlosen Wiesen.

Der höchste Gipfel, der Crêt de la Neige im Département Ain, erreicht 1720 Meter. Keine alpine Dramatik, keine schwindelerregenden Höhen. Und doch genug, um Abstand vom Alltag zu gewinnen.

Im Winter locken nordische Aktivitäten, Langlauf, Schneeschuhwanderungen. Im Sommer wechseln sich Wanderungen, Radtouren und Badepausen an Bergseen ab. Alles ohne Gedränge. Alles mit Raum zum Atmen.


Genuss mit Bodenhaftung

Wer durchs Jura reist, reist auch kulinarisch. Wurstwaren, Käse, Wein, Absinth – Spezialitäten, die nicht auf Trends reagieren, sondern auf Tradition bauen. In kleinen Gasthäusern landet Deftiges auf dem Tisch, oft begleitet von Geschichten aus der Region.

Man sitzt zusammen, redet, lacht. Manchmal ein bisschen länger als geplant. „Noch ein Glas?“ – klar doch. Schließlich hat man Zeit.

Auch Thermalangebote gehören zum Bild. Kein Wellnesszirkus, sondern wohltuende Ruhe. Wasser, Wärme, Stille. Mehr braucht es nicht.


Städte mit Charakter

Besançon, mit rund 117.000 Einwohnern, markiert einen urbanen Ankerpunkt am Rand des Jura. Historisch, lebendig, geprägt von seiner Lage in einer Flussschleife. Daneben Montbéliard, Pontarlier, Lons le Saunier und Saint Claude – Städte, die nicht konkurrieren, sondern ergänzen.

Und dann die Dörfer. Traditionelle Bauerndörfer, in denen der Alltag sichtbar bleibt. Holzstapel vor den Häusern, Blumen an den Fenstern, ein kurzer Gruß auf der Straße. Nichts Spektakuläres – und genau deshalb so wertvoll.


Nachhaltigkeit als Haltung

Das Juragebirge setzt auf sanfte Formen des Reisens. Nachhaltigkeit zeigt sich hier nicht als Schlagwort, sondern als Konsequenz. Kurze Wege, regionale Kreisläufe, Respekt vor Landschaft und Geschichte.

Die handwerkliche Exzellenz wirkt dabei als Motor. Sie schafft Identität. Sie zieht Besucher an, die mehr suchen als schnelle Unterhaltung. Menschen, die verstehen möchten, warum etwas genau hier entsteht – und nicht irgendwo sonst.

Vielleicht ist das Jura deshalb so überzeugend. Es verbiegt sich nicht für den Tourismus, sondern lädt ein, Teil seines Rhythmus zu werden.


Ein leiser Star

Zurück zur Brille des Präsidenten. Sie fungierte als Auslöser, als kleiner Scheinwerfermoment. Doch das Juragebirge braucht keinen dauerhaften Applaus. Es überzeugt durch Beständigkeit. Durch Können. Durch eine Landschaft, die nicht überwältigt, sondern begleitet.

Wer hierher reist, nimmt etwas mit. Kein lautes Souvenir, sondern ein Gefühl. Für Zeit. Für Qualität. Für das Gute, das entsteht, wenn Menschen ihre Arbeit ernst nehmen.

Und mal ehrlich – ist das nicht genau die Art von Luxus, nach der viele heute suchen?

Ein Artikel von M. Legrand

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