Tag & Nacht


Kaum eine Technologie hat die wirtschaftliche Fantasie der Gegenwart so stark beflügelt wie die Künstliche Intelligenz. Investoren pumpen Milliarden in eine neue Generation von Unternehmen, Regierungen verankern KI als strategische Priorität, und große Tech-Konzerne sprechen vom nächsten industriellen Quantensprung. Doch mit dem globalen Aufstieg der KI wächst auch die Unsicherheit: Was, wenn sich der technologische Fortschritt nicht auszahlt? Und umgekehrt – was, wenn er sich durchsetzt und ganze Berufsgruppen ersetzt? In beiden Szenarien stellen sich tiefgreifende ökonomische und gesellschaftliche Fragen.

Eine alte Angst in neuem Gewand

Technologische Umbrüche waren stets von Umverteilung begleitet – von Kapital, Wissen und Macht. Arbeitsplätze verschwinden, Branchen verlieren ihre Relevanz, alte Geschäftsmodelle kollabieren. Neu daran ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der KI-Technologie Märkte und Unternehmen verändert. Sie ist nicht nur eine neue Software – sie ist Infrastruktur, Plattform, Produktionsmittel und Nutzeroberfläche zugleich. Diese Mehrdimensionalität verstärkt die Ambivalenz des aktuellen Booms.

Der Begriff „Blase“ liegt entsprechend nahe. Die Bewertungen vieler KI-Start-ups haben sich innerhalb weniger Quartale vervielfacht – oft ohne dass diesen Bewertungen ein belastbares Geschäftsmodell zugrunde läge. Das erinnert an vergangene Übertreibungen, etwa die Dotcom-Euphorie um die Jahrtausendwende. Damals wie heute glaubten viele, Zeugen eines fundamentalen Wandels zu sein – und übersahen dabei die ökonomischen Fundamentaldaten.

Zwischen Rendite und Risiko: Die Rolle der Tech-Giganten

Zwar sind einige der führenden Tech-Konzerne – Alphabet (Google), Microsoft, Meta oder Amazon – profitabel und finanziell breit aufgestellt. Doch ihre aktuellen Gewinne stammen größtenteils aus etablierten Geschäftsbereichen wie Werbung, Cloud-Diensten oder E-Commerce – nicht aus KI-Anwendungen. Dennoch profitieren sie erheblich vom KI-Hype: Die Entwicklung großer Sprachmodelle, wie sie etwa OpenAI, Anthropic oder Mistral vorantreiben, benötigt immense Rechenleistung. Und genau diese Rechenzentren – verteilt über Nordamerika, Europa und zunehmend auch Asien – werden zu großen Teilen von den genannten Konzernen betrieben.



Damit entsteht eine sekundäre Wertschöpfung: Unternehmen, die eigene KI-Anwendungen entwickeln wollen, sind auf die Cloud-Infrastruktur der großen Anbieter angewiesen. Die Gewinne der einen ermöglichen so die Hoffnungen der anderen – ein System, das funktioniert, solange der Glaube an die künftige Rentabilität der KI-Wirtschaft intakt bleibt. Kippt dieser Glaube, geraten auch die Fundamentaldaten ins Wanken.

Wenn Erwartungen kollabieren: Lehren aus früheren Blasen

Die Dotcom-Krise von 2000 liefert ein warnendes Beispiel. Damals brach der Markt für Internetunternehmen abrupt ein – innerhalb weniger Monate verloren tausende Investoren ihr Kapital, Start-ups verschwanden, einige börsennotierte Firmen meldeten Insolvenz an. Die wirtschaftlichen Verwerfungen blieben jedoch relativ sektoral begrenzt.

Anders war es 2008: Die globale Finanzkrise offenbarte systemische Risiken – etwa durch die enge Verflechtung von Kreditverbriefungen, Schattenbanken und realwirtschaftlicher Nachfrage. Auch im aktuellen KI-Boom deuten manche Signale auf ähnliche Strukturen hin: Venture-Capital-Fonds nehmen hohe Schulden auf, um sich frühzeitig Anteile an KI-Firmen zu sichern. Welche Risiken aus dieser Finanzarchitektur langfristig erwachsen, ist schwer abzuschätzen – zumal Informationen über Verschuldung, Risikostreuung und Refinanzierung oft unvollständig bleiben.

Ein weiterer Faktor ist der enorme Kapitalbedarf der Branche. OpenAI etwa erzielt zwar bereits Milliardenumsätze, gibt aber noch mehr Geld aus, als es einnimmt. Das Unternehmen geht davon aus, bis 2030 profitabel zu werden. Ob das gelingt, hängt weniger von technischer Brillanz als von Marktakzeptanz, Regulierungsrahmen und globaler Wettbewerbslage ab.

Infrastruktur oder Irrtum? Parallelen zum Eisenbahnfieber

Ein oft bemühter historischer Vergleich ist der Eisenbahnbau des 19. Jahrhunderts. Die Dampflok revolutionierte Mobilität und Handel, löste Spekulationswellen aus und führte vielerorts zu parallelen Bahntrassen, die am Ende niemand nutzte. Auch heute entstehen weltweit Rechenzentren mit teils identischer Zielsetzung: die Verarbeitung und Bereitstellung großer KI-Modelle. Analysten sprechen bereits von Überkapazitäten – was langfristig bedeutet, dass viele dieser Investitionen ungenutzt bleiben oder sich ökonomisch nicht amortisieren.

Wie im 19. Jahrhundert gilt auch heute: Der technische Fortschritt als solcher mag unaufhaltsam sein. Doch seine konkrete Umsetzung folgt nicht dem Ideal rationaler Allokation, sondern den Dynamiken von Kapital, Hoffnung und Herdentrieb.

Während einige Unternehmen bereits auf absehbare Milliardenrenditen setzen, bleibt offen, wer am Ende zu den Gewinnern zählen wird. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich – wie bei vergangenen Technologieschüben – nur eine kleine Gruppe durchsetzt, während viele andere verschwinden. Die damit verbundenen wirtschaftlichen Umwälzungen könnten tiefgreifender sein als bislang angenommen.


Weitere Schlagzeilen

Suche nach Überlebenden des Infernos von Hongkong
Feuerwehrkräfte bargen Menschen – lebend und tot – aus einem Hochhauskomplex in Hongkong, einen Tag nachdem dieser vom schlimmsten Brand seit fast 70 Jahren heimgesucht wurde. Die Zahl der Todesopfer stieg auf mindestens 94. Es wird befürchtet, dass sie weiter steigen könnte, da noch Dutzende Menschen vermisst werden.

Lau Yu Hung berichtete, er und seine Frau hätten sich nur knapp retten können. „Niemand hat uns gewarnt“, sagte er. „Kein Alarm ging los. Wir sind allein entkommen.“

Behörden vermuten, dass leicht entzündbare Netze und Dämmplatten das Feuer zusätzlich angefacht haben. Drei Personen mit Verbindung zu einer Baufirma, die die Materialien verbaut hatte, wurden unter dem Verdacht der fahrlässigen Tötung festgenommen.


Weitere Meldungen:

  • Papst Leo XIV. hat seine erste Auslandsreise als Pontifex in der Türkei begonnen. Am Sonntag fliegt er weiter in den Libanon, Heimat der größten katholischen Gemeinschaft der arabischen Welt.
  • Frankreich führt eine neue Form des Wehrdiensts ein – analog zu anderen europäischen Ländern, die ihre Streitkräfte nach Russlands Überfall auf die Ukraine stärken.
  • Der Louvre erhöht die Eintrittspreise für Besucher von außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums, um ein ambitioniertes Renovierungsprogramm zu finanzieren.
  • Einer der Nationalgardisten, die in der Nähe des Weißen Hauses angeschossen wurden, ist laut Präsident Trump verstorben. Die USA setzen die Einreise aus Afghanistan aus, nachdem ein Mann, der mit einer CIA-nahen Einheit im Afghanistan-Krieg gearbeitet hatte, im Zusammenhang mit dem Angriff festgenommen wurde.
  • Einen Tag nach dem Sturz des Präsidenten von Guinea-Bissau setzte das Militär dessen engen Vertrauten General Horta Inta-a als Übergangsführer ein. Die Opposition wirft dem Präsidenten vor, den Putsch inszeniert zu haben, um über Umwege an der Macht zu bleiben – nach einer Wahl, die er mutmaßlich verloren hatte.
  • US-Armeeminister Daniel Driscoll spielt eine ungewöhnlich aktive Rolle in den Friedensverhandlungen zum Ukraine-Krieg. Driscoll drängt auf eine rasche Einigung und warnte die Europäer vor Russlands zunehmender Raketenaufrüstung.

Autor: P. Tiko

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