Der Winter hat seine eigene Stimme.
Sie knirscht unter Schuhsohlen, sie pfeift durch enge Gassen, sie legt sich nachts schwer auf die Schultern. In Colmar klingt sie besonders klar. Fachwerk, Lichterketten, Glühweinduft – alles wirkt wie aus einem Bilderbuch. Doch während Kameras klicken und Tassen dampfen, beginnt ein anderer Alltag. Einer ohne Dach. Einer ohne Pause.
Was geschieht, wenn die Temperatur fällt, aber der Mensch keinen Schlüssel in der Tasche trägt?
Und was sagt eine Stadt über sich selbst aus, wenn sie darauf antwortet?
Ende Dezember 2025 tauchte in Colmar etwas auf, das kaum auffällt und dennoch Leben schützt: kleine, isolierte Iglus. Keine spektakuläre Innovation. Keine politische Großgeste. Sondern ein praktischer Schutzraum für Nächte, in denen Kälte gnadenlos wird.
Wenn Kälte zum Risiko wird
Der elsässische Winter meint es ernst. Minusgrade kommen nicht höflich, sie stehen plötzlich da – wie ein ungebetener Gast, der bleibt. Für Menschen ohne festen Wohnsitz verwandelt sich jede Nacht im Freien in ein Spiel mit dem eigenen Körper. Schlaf wird oberflächlich, der Organismus spart Energie, wo er nur kann. Finger werden taub, Gedanken langsamer, Entscheidungen schwerer.
Viele glauben, Notunterkünfte fangen das ab. Teilweise stimmt das. Doch die Realität bleibt komplizierter. Plätze reichen nicht immer aus. Manche Unterkünfte schließen früh, andere liegen weit weg. Einige Menschen meiden sie bewusst – aus schlechten Erfahrungen, aus Angst vor Konflikten oder schlicht, weil sie ihre letzten Routinen nicht verlieren möchten.
Dann bleibt die Straße. Punkt.
Und genau dort setzt eine Initiative an, die seit Jahren leise arbeitet und nun einen neuen Weg geht: Bretz’Maraude.
Bretz’Maraude – Hilfe, die nicht wartet
Bretz’Maraude besteht aus Freiwilligen. Menschen mit Jobs, Familien, Terminkalendern. Und dennoch ziehen sie abends los. Sie gehen dorthin, wo Obdachlose schlafen. Unter Brücken. In Hauseingängen. Hinter Hecken. Sie bringen heißen Tee, Decken, Gespräche – und vor allem Respekt.
Ein Freiwilliger sagt einmal:
„Wir fragen zuerst, wie es geht. Nicht, was fehlt.“
Diese Haltung prägt die Arbeit. Keine Belehrungen. Keine Bedingungen. Hilfe auf Augenhöhe.
Im Winter 2025 spitzte sich die Lage zu. Mehr kalte Nächte, steigender Bedarf, begrenzte Ressourcen. Also stellte sich eine simple Frage: Wie lässt sich mit wenig Mitteln mehr Schutz schaffen?
Die Antwort lag plötzlich greifbar nah.
Die Iglus – klein, isoliert, wirkungsvoll
Die sogenannten Iglus bestehen aus leichtem, isolierendem Material. Sie lassen sich schnell aufstellen, schützen vor Wind, Feuchtigkeit und speichern Körperwärme. Kein Luxus. Kein Ersatz für Wohnungen. Aber ein entscheidender Unterschied im Vergleich zu Planen oder offenen Schlafplätzen.
Am 30. Dezember 2025 verteilte Bretz’Maraude die ersten dieser Schutzräume. Direkt vor Ort. Dort, wo Menschen ohnehin schlafen. Ohne Bürokratie, ohne Listen, ohne Diskussionen.
Ein Betroffener beschreibt es schlicht:
„Drinnen fühlt es sich an, als würde die Nacht langsamer werden.“
Manchmal reicht genau das.
Pragmatisch statt perfekt
Niemand bei Bretz’Maraude behauptet, die Iglus lösten Wohnungslosigkeit. Sie sind eine Überbrückung. Eine Antwort auf akute Kälte. Ein Schutz für Nächte, in denen jede Stunde zählt.
Gerade darin liegt ihre Stärke. Während politische Lösungen Zeit brauchen, handeln Ehrenamtliche sofort. Nicht, weil sie das System ersetzen wollen, sondern weil Menschen jetzt frieren.
Diese Form der Hilfe wirkt unaufgeregt. Fast unspektakulär. Und genau deshalb so effektiv.
Ehrenamt zwischen Idealismus und Realität
Natürlich kostet auch diese Initiative Geld. Die Iglus finanzieren sich über Spenden, lokale Unterstützung, viel Eigeninitiative. Für kleine Vereine bedeutet das ständige Abwägung: Wie viel geht noch? Wie lange reicht das Budget? Wer springt ein, wenn Material fehlt?
Trotzdem bleibt die Motivation hoch. Vielleicht gerade, weil die Wirkung sichtbar ist. Weil Rückmeldungen direkt kommen. Weil man sieht, dass jemand ruhiger schläft.
Ein Ehrenamtlicher lacht und sagt:
„Es ist keine Heldentat. Es ist Nachbarschaft.“
So einfach. So selten.
Zwischen Solidarität und struktureller Lücke
Die Iglu Aktion wirft auch unbequeme Fragen auf. Warum braucht es improvisierte Schutzräume in einem reichen Land? Warum reicht das bestehende Netz oft nicht aus? Warum bleiben Menschen trotz Hilfsangeboten auf der Straße?
Experten betonen seit Jahren: Wohnungslosigkeit lässt sich nicht allein mit Notlösungen bekämpfen. Es braucht langfristige Wohnangebote, soziale Begleitung, medizinische Betreuung. Kurz gesagt: Strukturen, die tragen.
Doch während diese Debatten laufen, sinken nachts die Temperaturen. Und genau hier füllen Initiativen wie Bretz’Maraude eine Lücke. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit.
Ist das ideal? Nein.
Ist es menschlich? Absolut.
Eine Stadt zeigt Haltung
Colmar steht mit dieser Initiative nicht allein. Viele französische Städte kennen ähnliche Projekte. Doch jedes lokale Engagement erzählt eine eigene Geschichte. Hier geht es nicht um Statistik. Es geht um konkrete Menschen. Um Nächte, die sonst gefährlich würden.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft: Menschlichkeit beginnt oft nicht in großen Konzepten, sondern in kleinen Entscheidungen. In der Bereitschaft, rauszugehen, wenn andere schlafen. In der Idee, dass selbst ein einfacher Schutzraum Wärme spenden kann – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Und mal ehrlich: Wer von uns hat nicht schon einmal gefroren und gedacht, diese Nacht möge schnell vorbeigehen?
Hoffnung aus Kunststoff und Engagement
Die Iglus stehen sinnbildlich für eine Haltung. Sie sagen: Wir sehen euch. Wir lassen euch nicht allein. Auch wenn die Lösung provisorisch bleibt.
Vielleicht verschwinden diese kleinen Kuppeln eines Tages wieder aus den Straßen. Hoffentlich. Weil sie dann nicht mehr gebraucht werden. Bis dahin bleiben sie ein Zeichen. Still. Robust. Und erstaunlich wirksam.
Colmar zeigt in diesen Nächten, dass Menschlichkeit keine großen Worte braucht. Manchmal reicht ein warmer Raum von wenigen Quadratmetern – und jemand, der ihn bringt.
Ein Artikel von M. Legrand
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