Tag & Nacht


Man möchte lachen, wenn es nicht so bitter wäre. Oder weinen, wenn einem der Sarkasmus nicht als letzter Schutzschild bliebe. Wieder einmal hat sich der Himmel über der Gironde zusammengezogen, wieder einmal hat der Wind beschlossen, nicht mehr nett zu sein, wieder einmal liegen Dächer dort, wo sie nicht hingehören – und wieder einmal stehen Menschen fassungslos in den Trümmern ihres Alltags. Überraschung. Wirklich. Wer hätte das bloß ahnen können.

Ein Tornado in Frankreich. Nicht in einem Hollywoodfilm, nicht irgendwo „weit weg“, sondern mitten in Europa, zwischen Weinfeldern, Einfamilienhäusern und landwirtschaftlichen Betrieben. Minuten genügen, um jahrzehntelange Arbeit zu zerlegen wie ein Kartenhaus. Danach dieser seltsame Moment der Stille. Das Chaos ist da, aber der Lärm ist weg. Zurück bleiben kaputte Häuser, kaputte Existenzen – und kaputte Illusionen.

Und dann kommt sie zuverlässig um die Ecke, diese politische Nebelmaschine. Man dürfe „nicht alles dem Klimawandel zuschreiben“, heißt es dann. Als wäre das Klima ein empfindlicher Mensch, den man nicht beleidigen möchte. Nein, natürlich ist nicht jede Böe ein Beweis. Aber die Häufung, die Wucht, die Brutalität – die sprechen eine Sprache, die selbst ohne Übersetzung verständlich ist. Eigentlich.

Eigentlich. Denn offenbar braucht es noch mehr zerstörte Dächer, mehr entwurzelte Bäume, mehr geschockte Familien, bis auch der letzte politische Betonkopf begreift, dass Nichtstun keine kostenlose Option ist. Dass Abwarten nicht neutral bleibt, sondern teuer. Richtig teuer. Jeder zerstörte Hangar, jede unterbrochene Stromleitung, jede Notunterkunft zahlt die Rechnung, die man jahrelang elegant in die Zukunft geschoben hat. Spoiler: Die Zukunft ist längst da.



Die Ironie des Ganzen? Dieselben Stimmen, die Klimaschutz als „zu teuer“ abtun, finden plötzlich sehr viele Millionen für Wiederaufbau, Soforthilfen, Versicherungsfälle. Geld ist also da. Nur eben immer erst dann, wenn der Schaden bereits angerichtet ist. Prävention wirkt offenbar weniger fotogen als Trümmerlandschaften.

Vielleicht braucht es noch ein paar solcher Ereignisse, damit die Erkenntnis einsickert – nicht als wissenschaftliche Studie, sondern als kalte Realität im eigenen Wahlkreis. Dass die Kosten des ungebremsten Klimawandels alles sprengen, was energetische Sanierung, Ausbau erneuerbarer Energien und konsequenter Klimaschutz je gekostet hätten. Vielleicht dämmert es dann sogar dem dümmsten Politiker.

Oder auch nicht. Der Wind jedenfalls wartet nicht, bis man fertig diskutiert hat.

Ein Kommentar von Daniel Ivers

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