Tag & Nacht


Mitten im Herzen der Aravis, dort, wo sich schroffe Gipfel und sanfte Almen begegnen, hat die Gemeinde La Clusaz eine Entscheidung getroffen, die in Wintersportkreisen für Aufsehen sorgt. Am 19. Februar 2026 untersagte die Kommune das Skifahren abseits der markierten Pisten im gesamten Skigebiet. Kein sanfter Hinweis, kein Appell – sondern ein formeller Erlass. Der Grund: akute Lawinengefahr der höchsten Stufe.

Météo France und die alpinen Rettungsdienste hatten die Gebirgsmassive der Region, darunter jene der Haute-Savoie, auf Warnstufe 5 gesetzt. Wer sich mit den Warnstufen Frankreichs ein wenig auskennt, weiß: Höher geht es nicht. Stufe 5 bedeutet eine außergewöhnlich kritische Situation. Massive Schneefälle, stürmische Winde und eine instabile Schneedecke bilden eine explosive Mischung. Ein einziger Skifahrer, eine einzige Zusatzbelastung – und das weiße Idyll kippt ins Unkontrollierbare.

Im auf der offiziellen Website veröffentlichten Gemeindebeschluss begründet die Stadtverwaltung ihre Maßnahme mit der „Entwicklung der Situation im Skigebiet und dem maximalen Lawinenrisiko“. Wer die markierten Pisten verlässt, setze sich nicht nur selbst einer erheblichen Gefahr aus, sondern bringe im Ernstfall auch die Rettungskräfte in Gefahr. Ein nüchterner Satz – und doch steckt darin die ganze Dramatik dieser Tage.

Seit Anfang Februar ziehen immer neue Sturmtiefs über die Alpen. Sie haben enorme Neuschneemengen gebracht, die auf ältere, teils verharschte oder windverfrachtete Schichten gefallen sind. Das Resultat gleicht einem Kartenhaus aus Kristallen. In allen Höhenlagen berichten Experten von einer labilen Struktur der Schneedecke. Mancherorts mussten Skigebiete auch ihre Pisten ganz oder teilweise schließen, um die Sicherheit der Gäste zu gewährleisten.



Auch andere große Stationen reagierten. In La Plagne, Les Arcs und Val d’Isère galten bereits strenge Einschränkungen oder temporäre Sperrungen einzelner Bereiche. Das Bild ist überall ähnlich: Lawinensprengungen im Morgengrauen, intensive Präparierungsarbeiten mit schweren Pistenraupen, Kontrollen an neuralgischen Punkten. Die Berge wirken friedlich – doch unter der Oberfläche brodelt es.

Gerade das Skifahren im freien Gelände besitzt für viele eine beinahe mythische Anziehungskraft. Abseits der gewalzten Pisten, im unberührten Pulverschnee, keimt die ursprüngliche Idee des Wintersports auf. Freiheit, Weite, Natur pur. Wer einmal bei strahlendem Sonnenschein durch frischen Schnee gefahren ist, kennt dieses Gefühl – es ist, als würde man über Wolken gleiten. Ganz ehrlich: Das kann süchtig machen.

Doch diese Freiheit hat ihre Kehrseite. Abseits gesicherter Bereiche hängt alles von der Einschätzung der Lawinenlage, von Erfahrung, Ausrüstung und kluger Routenwahl ab. In Frankreich bleibt das Fahren außerhalb markierter Pisten grundsätzlich erlaubt. Es geschieht auf eigene Verantwortung. Temporäre Verbote wie jenes in La Clusaz stellen daher die Ausnahme dar. Sie richten sich nicht gegen die Praxis an sich, sondern sind Reaktion auf eine außergewöhnliche Gefahrenlage.

Genau darin liegt die juristische und gesellschaftliche Brisanz. Die Berge gelten traditionell als frei zugänglicher Raum. Eine generelle Einschränkung des Off-Piste-Skifahrens berührt Fragen individueller Freiheit. Doch wenn Naturgewalten ein Ausmaß annehmen, das selbst erfahrene Alpinisten an ihre Grenzen bringt, verschiebt sich der Maßstab. Dann tritt die Gefahrenabwehr in den Vordergrund.

Der Bürgermeister von La Clusaz handelt in seiner Rolle als Verantwortlicher für die öffentliche Sicherheit. In enger Abstimmung mit den Bergrettungsdiensten und auf Grundlage der offiziellen Lawinenbulletins zog die Gemeinde jetzt die Reißleine. Eine Entscheidung, die nicht jedem gefallen dürfte. Manche Freerider mögen die Stirn runzeln, vielleicht sogar schimpfen – aber in diesen Tagen geht es nicht um Nervenkitzel, sondern um Leben.

Solche Wetterlagen galten lange als seltene Extremereignisse. Doch die Häufung intensiver Niederschlagsphasen in Kombination mit starken Winden wirft Fragen auf, die über diesen Winter hinausreichen. Wie oft werden alpine Gemeinden künftig vor ähnlichen Entscheidungen stehen? Wie lässt sich der Geist der Freiheit, der den Wintersport prägt, mit der Pflicht zur Risikominimierung vereinbaren?

Die Antwort liegt wohl in einem nüchternen Realismus. Die Berge bleiben ein Ort der Sehnsucht – aber auch ein Raum, der Respekt verlangt. Wenn die Lawinenwarnstufe die höchste Marke erreicht, spricht die Natur eine klare Sprache. Und manchmal besteht wahre Größe darin, einen Schritt zurückzutreten.

Autor: Andreas M. B.

Neues E-Book bei Nachrichten.fr







Du möchtest immer die neuesten Nachrichten aus Frankreich?
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!