Tag & Nacht


An manchen Tagen spürt man fast, wie sich Geschichte verdichtet – als hätte die Zeit selbst den Atem angehalten. Der 7. Januar ist so ein Datum. Ein Tag, an dem große Entdeckungen gemacht, politische Weichen gestellt und dunkle Kapitel aufgeschlagen wurden – in Frankreich, Europa und der Welt.

Beginnen wir mit einer Szene aus dem Jahr 1558. Englische Soldaten blicken über die kalte Kanalküste. Calais – ihre letzte Bastion auf dem europäischen Festland – steht kurz vor dem Fall. Die Franzosen, angeführt von François de Guise, rücken vor. Am 7. Januar wird die Stadt eingenommen. Nach über 200 Jahren verliert England seine letzte Kontinentalmacht. Elisabeth I., noch nicht lange auf dem Thron, trauert angeblich: „Als ich Calais gewann, war ich jung – als ich es verlor, war ich alt.“ Ob sie das wirklich gesagt hat? Wer weiß. Aber der Mythos hält sich.

Fast zweihundert Jahre später – ein ganz anderer Ort, ein ganz anderer Mensch: Galileo Galilei richtet am 7. Januar 1610 sein selbstgebautes Fernrohr gen Himmel und entdeckt vier kleine Lichtpunkte um den Jupiter. Monde! Heute kennen wir sie als Io, Europa, Ganymed und Kallisto. Diese Beobachtung bringt nicht nur das Weltbild der Kirche ins Wanken – sie ebnet auch den Weg für ein neues wissenschaftliches Denken. Kopernikus hatte behauptet, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums sei – Galileis Entdeckung liefert nun sichtbare Beweise.

Springen wir ins Jahr 1785. Zwei Männer steigen in einen Ballon – einer von ihnen ist Franzose: Jean-Pierre Blanchard. Gemeinsam mit dem Amerikaner John Jeffries überquert er den Ärmelkanal. Eine waghalsige Aktion, getragen vom Wind und von einer ordentlichen Portion Pioniergeist. Sie überleben, landen in Frankreich – und schreiben Geschichte. Die Luftfahrt war geboren, lange bevor Flugzeuge überhaupt denkbar waren.



Und während einige sich in die Lüfte erhoben, stieg anderswo der politische Druck. In den USA findet am 7. Januar 1789 die erste Präsidentschaftswahl statt. George Washington wird – wenig überraschend – einstimmig gewählt. Der Grundstein für die amerikanische Demokratie ist gelegt. Ein Experiment beginnt, das bis heute nachwirkt.

Doch nicht alle Kapitel vom 7. Januar sind von Aufbruch und Entdeckung geprägt. Manchmal ist es auch ein Tag der Trauer.

In Frankreich ist das Datum untrennbar mit einem düsteren Moment der jüngeren Geschichte verbunden: dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo im Jahr 2015. Zwei islamistische Attentäter dringen an diesem Morgen in das Pariser Büro ein und erschießen zwölf Menschen – darunter bekannte Karikaturisten wie Charb und Cabu. Der Anschlag erschüttert nicht nur Frankreich, sondern die gesamte westliche Welt. Millionen Menschen gehen in den folgenden Tagen auf die Straße. Der Satz „Je suis Charlie“ wird zum Symbol für Meinungsfreiheit – aber auch für Trauer und Wut. Seitdem hat sich die Diskussion über Pressefreiheit, Religionskritik und Extremismus spürbar verändert.

Apropos Veränderungen – auch technische Innovationen tragen ihre Spuren am 7. Januar. Im Jahr 1894 wird in den USA ein Patent für eine Filmkamera vergeben. Der bewegte Film, der bald die Welt erobern sollte, beginnt hier seinen Siegeszug. Was damals kaum jemand erahnt: Diese Erfindung wird das 20. Jahrhundert kulturell prägen wie kaum eine andere.

Interessant ist auch, dass am 7. Januar gleich mehrere prominente Persönlichkeiten geboren wurden. Darunter Millard Fillmore, der 13. Präsident der USA. Oder die Französin Marie-Louise von Österreich, einst Kaiserin der Franzosen und zweite Ehefrau Napoleons. Auch Nicolas Cage erblickt an diesem Tag das Licht der Welt – Schauspieler, Oscarpreisträger, manchmal Exzentriker, aber immer präsent.

Was also macht diesen Tag so besonders?

Vielleicht ist es nur Zufall, dass gerade an diesem Datum so viele historische Fäden zusammenlaufen. Oder liegt darin ein Muster – eine Art kosmischer Knotenpunkt, an dem Macht, Wissen und Konflikt sich begegnen? Historiker neigen selten zu Mystik, aber so ein Gedanke lässt einen schon kurz schmunzeln.

Und noch heute wirkt dieser Tag nach. Der Anschlag auf Charlie Hebdo hat Frankreich verändert – nicht nur politisch, auch kulturell. Der Umgang mit Religion, Meinungsfreiheit und Sicherheit ist sensibler geworden. Schulen diskutieren anders über Zensur. Redaktionen schützen ihre Mitarbeitenden stärker. Gleichzeitig spaltet das Thema weiterhin: Zwischen dem Recht auf freie Meinung und dem Respekt vor Glaubensüberzeugungen verläuft eine Gratwanderung – in Frankreich genauso wie anderswo.

Gleichzeitig erinnert der 7. Januar an die Kraft von Visionären – wie Galilei oder Blanchard – die Grenzen verschoben und unsere Vorstellung vom Möglichen erweitert haben. Ob auf Himmelskörpern oder im Luftraum über dem Ärmelkanal.

Und ehrlich – ist das nicht eine dieser eigenartigen Parallelen, die Geschichte manchmal so besonders machen?

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