Tag & Nacht

Die Wahlkampagne für die bevorstehenden Parlamentswahlen in Frankreich ist der heißen Phase – und doch fehlt etwas Entscheidendes. Während Kandidaten anderer Parteien auf dem Feld aktiv sind und von prominenten Parteimitgliedern unterstützt werden, scheint das Rassemblement National (RN) einen anderen Weg zu gehen. Marine Le Pen und Jordan Bardella, die beiden Aushängeschilder des RN, sind überraschend abwesend.

Abwesend auf dem Feld, präsent in den Medien

Statt wie gewohnt bei öffentlichen Auftritten und Veranstaltungen zu glänzen, beschränken sich Le Pen und Bardella derzeit auf Fernseh- und Radioauftritte. Der Terminkalender der beiden scheint auf den ersten Blick leer: Keine Auftritte seit dem 30. Juni, keine Treffen mit Wählern oder Parteimitgliedern auf dem Feld. Stattdessen verbringen sie ihre Zeit überwiegend im Parteibüro.

Ein vollgepackter Terminkalender – hinter verschlossenen Türen

Trotz der äußeren Ruhe ist ihr Terminkalender angeblich voll. Ihr Umfeld versichert, dass sie eine „Abfolge von Treffen“ haben, jedoch ohne Details preiszugeben. Anscheinend bereitet sich das Duo auf die Möglichkeit einer absoluten Mehrheit vor. Insbesondere wird daran gearbeitet, die ersten Maßnahmen zu den Kernthemen – Kaufkraft, Sicherheit und Einwanderungsbekämpfung – vorzubereiten. Sollte das RN gewinnen, sollen schnell sichtbare Veränderungen folgen.

Kandidaten im Schatten ihrer Anführer

Auch andere RN-Kandidaten sind kaum auf dem Feld zu sehen. Gegner beklagen sich darüber, dass sie es mit „Geisterkandidaten“ zu tun haben, die nie vor Ort sind. Viele Wahlplakate zeigen nicht die Kandidaten selbst, sondern nur die Bilder von Le Pen und Bardella. Zudem haben viele RN-Kandidaten Einladungen zu lokalen TV-Debatten abgelehnt – ohne offizielle Parteianweisung, wie behauptet wird.

Erklärung für die Zurückhaltung?

In einem Interview auf dem Sender France Bleu erklärte Bardella: „Es ist nicht so, dass jemand eine schlechte Person oder nicht aufrichtig in seinen Überzeugungen ist, nur weil er nicht täglich auf zehn Fernsehbildschirmen erscheint.“ Ein Parteimitglied gibt zu, dass viele der RN-Kandidaten unerfahren in den Medien sind und nicht genug Zeit hatten, sich vorzubereiten.

Diese auffallende Zurückhaltung könnte strategischer Natur sein – ein Versuch, mögliche Fauxpas zu vermeiden. Denn einige wenige Auftritte führten bereits zu negativen Schlagzeilen, wie zum Beispiel eine RN-Kandidatin, die unbedacht über ihren „jüdischen Augenarzt“ sprach, oder ein Kandidat, der sich über die Unsicherheit rund um ein noch nicht eröffnetes Zentrums für minderjährige Migranten beschwerte.

Ein Rätsel, das auf eine Antwort wartet

Warum also dieser Rückzug? Ist es reine Taktik oder ein Zeichen von Unsicherheit? Sicher ist, dass das RN, sollten sie erfolgreich sein, schnell handeln will, um die politischen Versprechen umzusetzen. Die Antworten darauf, ob diese ungewöhnliche Kampagne funktioniert, werden die Wahlergebnisse zeigen. Vielleicht sind sie einfach nur ihren Gegnern einen Schritt voraus – oder es gibt doch noch mehr, was hinter den Kulissen geschieht.


Du möchtest immer die neuesten Nachrichten aus Frankreich?
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!