Es war ein kleiner Moment der Selbstironie, der bei Macrons diesjährigen Neujahrsgrüßen an die französischen Streitkräfte besondere Aufmerksamkeit auf sich zog. Nicht ein außenpolitischer Kurswechsel oder ein sicherheitspolitisches Bekenntnis stand im Mittelpunkt, sondern das sichtbar gerötete rechte Auge des Präsidenten – und seine augenzwinkernde Kommentierung desselben.
Bei seinem Auftritt am 15. Januar 2026 auf dem Militärflugplatz Istres in den Bouches-du-Rhône eröffnete der französische Präsident seine Rede mit einem scherzhaften Hinweis auf sein Erscheinungsbild: „Ich bitte Sie, die wenig ästhetische Erscheinung meines Auges zu entschuldigen. Es handelt sich um etwas völlig Harmloses.“ Anschließend fügte er hinzu: „Betrachten Sie es einfach als unbeabsichtigte Referenz an das ‚Auge des Tigers‘ zum Jahresauftakt. Wer die Anspielung versteht, weiß, dass es ein Zeichen von Entschlossenheit ist.“
Die Anspielung auf den populären 80er-Jahre-Song Eye of the Tiger aus dem Film Rocky III sorgte für Heiterkeit unter den anwesenden Offizieren – und lenkte zugleich elegant von einem gesundheitlichen Detail ab, ohne es zu verschweigen.
Kein medizinischer Befund, aber ein symbolisches Detail
Der Élysée bestätigte rasch, dass es sich lediglich um eine subkonjunktivale Blutung handle – ein medizinisch belangloses, wenngleich auffälliges Phänomen. Weder sei ein Eingriff erforderlich, noch gebe es Hinweise auf eine ernstere Ursache. Vielmehr nutzte Macron diesen ästhetischen Makel, um ein Zeichen von Unerschrockenheit und Selbstironie zu setzen – Eigenschaften, die im öffentlichen Leben eines französischen Präsidenten stets fein austariert werden müssen.
In Zeiten hoher außen- und sicherheitspolitischer Anspannung und nur wenige Monate vor den wichtigen Kommunalwahlen wird das Bild des Präsidenten besonders aufmerksam beobachtet. Macron gelang es, mit seiner Bemerkung das Unerhebliche humorvoll zu adressieren – und dabei die Aufmerksamkeit zurück auf das Wesentliche zu lenken.
Zwischen Rhetorik und realpolitischer Zielsetzung
Denn trotz der heiteren Einlage war der Anlass seiner Rede keineswegs belanglos. Der Präsident skizzierte klare strategische Linien für das Verteidigungsjahr 2026: Die französischen Streitkräfte sollen weiter modernisiert, das Engagement gegenüber der Ukraine fortgeführt und die militärische Präsenz im arktischen Raum – konkret in Grönland – ausgebaut werden. Letzteres geschieht, wie Macron betonte, in enger Abstimmung mit Dänemark, und zielt auf eine Stabilisierung des Gebiets gegenüber zunehmenden geopolitischen Spannungen mit den USA.
Die Anspielung gilt als Reaktion auf jüngste Äußerungen des amerikanischen Präsidenten, der ein verstärktes US-Engagement in der Arktis fordert – auf Kosten europäischer Einflussräume. Macron nutzt solche Entwicklungen, um Frankreichs Anspruch als selbstbewusste Mittelmacht mit globalem sicherheitspolitischem Interesse zu unterstreichen.
Kommunikation mit französischer Note
Die Mischung aus persönlicher Leichtigkeit und strategischer Ernsthaftigkeit ist typisch für Macrons politische Kommunikation. Der Präsident beherrscht die Kunst, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen – ohne die Gravitas seines Amtes zu verlieren. Dieses Spannungsfeld bespielt er seit Jahren gekonnt: vom spontanen Griff zur Sonnenbrille auf Staatsbesuchen bis hin zu philosophischen Reflexionen in Reden zur Nation.
Insofern ist der „Tigerblick“ mehr als nur ein humoristisches Intermezzo. Er zeigt einen Präsidenten, der in schwierigen Zeiten eine kontrollierte Lockerheit demonstriert – und damit zugleich Nähe wie Autorität zu wahren versucht. In einem zunehmend polarisierten politischen Klima wirkt ein solcher Moment fast wie ein kalkulierter Bruch mit der Dauerernsthaftigkeit, ohne in Albernheit abzugleiten.
Macron beweist damit erneut, wie eng in der französischen Republik Außenpolitik, politische Symbolik und Inszenierung verwoben sind – und wie entscheidend die Kunst des richtigen Tons im Moment ist. Auch wenn der „Tigerblick“ morgen vergessen sein mag, bleibt die Botschaft dahinter klar: Entschlossenheit mit einem Augenzwinkern.
Autor: Andreas M. Brucker
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!









