Am Morgen des 21. Februar 1916 zerreißt ein Donnerschlag die winterliche Stille rund um Verdun. Um 7.15 Uhr eröffnet die deutsche Artillerie ihr Trommelfeuer. Innerhalb weniger Stunden verwandelt sich die Landschaft an der Maas in ein Inferno aus Schlamm, Rauch und zersplittertem Gestein. Zehn Monate lang dauert die Schlacht – ein zermürbender Ringkampf, der zu den blutigsten Auseinandersetzungen der Ersten Weltkriegs zählt.
Mitten in diesem Mahlstrom stehen Männer aus Algerien, Marokko und Tunesien. Sie tragen die Uniform der französischen Armee. Man nennt sie Tirailleurs nord-africains.
Viele von ihnen stammen aus ländlichen Regionen, aus Dörfern zwischen Atlasgebirge und Mittelmeer. Manche sprechen kaum Französisch. Und plötzlich liegen sie in Schützengräben, frieren im lothringischen Winter und starren in einen Himmel, der unaufhörlich Feuer speit. Das ist schon krass, wenn man sich das mal klar macht.
Frankreich greift bereits im August 1914 auf sein koloniales Reservoir zurück. Die Regimenter der algerischen Tirailleurs existieren seit dem 19. Jahrhundert; sie bilden das Rückgrat der nordafrikanischen Truppen. Später stoßen marokkanische Einheiten hinzu, organisiert im „Régiment de marche de tirailleurs marocains“. Das Empire eilt der Metropole zu Hilfe – so lautet zumindest die offizielle Erzählung.
Doch hinter dieser Formel verbirgt sich eine harte Realität. Die koloniale Ordnung zwingt viele Männer unter Waffen. Freiwillige existieren, ebenso ökonomischer Druck, lokale Machtstrukturen und Rekrutierungskampagnen. Der Krieg Europas dringt bis in die Gassen von Oran, Fès oder Tunis vor.
In Verdun kämpfen mehrere nordafrikanische Regimenter an besonders umkämpften Abschnitten. Rund um das Fort Fort Douaumont und das Fort de Vaux entscheidet sich das Schicksal ganzer Einheiten. Auf der rechten Uferseite der Meuse toben Gefechte von einer Intensität, die selbst erfahrene Offiziere sprachlos zurücklässt.
Die französische Militärführung schreibt den Tirailleurs besondere „Offensivkraft“ zu. In Berichten tauchen Begriffe wie „natürliche Tapferkeit“ oder „unerschütterliche Angriffslust“ auf. Solche Zuschreibungen speisen sich aus kolonialen Stereotypen. Sie schmeicheln – und sie gefährden. Denn wer als besonders sturmfest gilt, landet häufig an vorderster Front.
Verdun bedeutet industrielle Vernichtung. Granaten pflügen den Boden im Minutentakt um, Gas legt sich wie ein unsichtbarer Schleier über Senken und Wälder. Die Erde bebt, Splitter sirren, Verwundete schreien nach Sanitätern, die selbst kaum Schutz finden. Tirailleurs, gewohnt an mediterrane Hitze, kämpfen nun gegen klirrende Kälte, durchnässte Stiefel und Frostbeulen.
Offiziersberichte loben ihre Disziplin. Kameraden schildern, wie nordafrikanische Soldaten unter Dauerfeuer ausharren, Maschinengewehre bedienen, Gegenangriffe führen. Ein Hauptmann notiert, seine Männer hätten „gehalten, als alles um sie herum zerbrach“. Solche Sätze wandern in die Militärpresse, illustriert mit Fotografien exotisch anmutender Uniformen.
Doch Ruhm ersetzt keine Gefallenen.
Einige Bataillone verlieren innerhalb weniger Tage einen Großteil ihrer Mannschaft. Beim Ringen um Douaumont im Herbst 1916 dringen marokkanische Tirailleurs in zerstörte Fortanlagen vor, kämpfen in dunklen Gängen Mann gegen Mann. Bajonette blitzen, Handgranaten detonieren in engen Kasematten. Der Sieg bringt Auszeichnungen – und lange Listen mit Namen der Toten.
Wie viele von ihnen träumten in den Nächten zuvor von ihren Familien? Welche Gedanken durchzuckten sie, wenn sie im Trommelfeuer lagen und der Boden unter ihnen vibrierte?
Die französische Öffentlichkeit feiert 1916 die Einheit des Imperiums. Zeitungen präsentieren die Tirailleurs als loyale Verteidiger der Republik. Plakate zeigen stolze Gesichter unter Turban oder Fez. Das Bild vom „soldat courageux“ erfüllt eine propagandistische Funktion: Es demonstriert Stärke, Vielfalt, weltumspannende Macht.
Gleichzeitig bleibt die rechtliche und politische Gleichstellung aus. Viele dieser Männer besitzen keinen vollen Bürgerstatus innerhalb Frankreichs. Sie riskieren ihr Leben für eine Nation, die ihnen zentrale Rechte vorenthält. Dieser Widerspruch prägt die Erfahrung zahlreicher Veteranen nach 1918.
Und dennoch entsteht im Schützengraben eine andere Form von Gemeinschaft.
Briefe französischer „Poilus“ berichten von gemeinsam geteilten Rationen, von improvisierten Gesprächen mit Händen und Füßen, von gegenseitiger Hilfe beim Ausheben neuer Stellungen. Unter Granaten zählt weniger die Herkunft als die Frage: Wer hält neben mir durch?
Die Verluste von Verdun belaufen sich auf Hunderttausende Tote, Verwundete und Vermisste. Exakte Zahlen allein für die nordafrikanischen Tirailleurs bleiben schwer zu isolieren. Für den gesamten Krieg mobilisiert Frankreich rund 170.000 Soldaten aus Nordafrika; etwa 36.000 kehren nicht zurück. Verdun steht symbolisch für diesen Blutzoll.
Nach dem Waffenstillstand verankert sich Verdun tief im kollektiven Gedächtnis Frankreichs. Ossuarien, Denkmäler, Veteranenverbände prägen das Bild vom heroischen Abwehrkampf. Die spezifische Rolle der nordafrikanischen Truppen rückt jedoch lange in den Hintergrund. Ihr Beitrag verschwindet nicht völlig, doch er erhält selten denselben Glanz wie der Mythos des „poilu“ aus der Bretagne oder der Auvergne.
Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wächst das Interesse an einer umfassenderen Erinnerungskultur. Historiker durchforsten Militärarchive, rekonstruieren Biografien, analysieren koloniale Machtverhältnisse. Gedenkfeiern integrieren zunehmend die Namen und Fahnen der Tirailleurs. Die Geschichte erhält mehr Stimmen.
Diese Entwicklung berührt aktuelle Debatten über Kolonialismus, Migration und nationale Identität. In einem Frankreich, das sich seiner pluralen Gesellschaft bewusst ist, wirkt der Blick nach Verdun wie ein Spiegel. Er zeigt, dass die Verbindung zwischen Europa und Nordafrika nicht erst in der Gegenwart entstand, sondern in Schützengräben und auf Schlachtfeldern besiegelt wurde.
Verdun steht damit für eine geteilte Geschichte.
Unter den Hügeln und Wäldern ruhen Männer aus Algier, Casablanca oder Tunis neben Bauern aus der Normandie und Arbeitern aus Paris. Ihre Geschichten erzählen von Mut und Zwang, von Loyalität und Ungleichheit, von Opferbereitschaft und politischer Ambivalenz.
Die Bezeichnung „soldats courageux“ trägt Substanz. Sie verweist auf reale Standhaftigkeit in einer Extremsituation, in der Angst allgegenwärtig bleibt und dennoch gehandelt wird. Zugleich fordert sie dazu auf, genauer hinzusehen: Wer definiert Mut? Wer erinnert sich – und wie?
Verdun zwingt zur Auseinandersetzung mit der imperialen Dimension des französischen Kriegs. Die Schlacht erscheint nicht nur als nationales Trauma, sondern als Kapitel einer globalen Verflechtungsgeschichte. Ihre Nachwirkungen reichen bis in aktuelle Diskussionen über Anerkennung, Rentenansprüche ehemaliger Kolonialsoldaten und symbolische Rehabilitierung.
So führt der Weg von den Schützengräben an der Maas direkt in unsere Gegenwart.
Die nordafrikanischen Tirailleurs kämpften nicht am Rand der Geschichte. Sie standen im Zentrum eines Ereignisses, das Europa erschütterte. Ihr Einsatz prägte nicht nur den Verlauf der Schlacht von Verdun, sondern auch das Verhältnis zwischen Frankreich und dem Maghreb – eine Beziehung, die bis heute politisch, kulturell und emotional nachwirkt.
Verdun erzählt deshalb mehr als eine Geschichte militärischer Ausdauer. Es erzählt von Verflechtungen, von gemeinsam erlittenem Leid und von einer Erinnerung, die lange fragmentiert blieb. Wer heute über Integration, Zugehörigkeit oder historische Verantwortung spricht, stößt unweigerlich auf jene Männer, die 1916 im Schlamm ausharrten.
Und genau darin liegt die bleibende Aktualität ihres Opfers.
Andreas M. Brucker
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