À la une · 17.11.2024 09:32
Nach 40 Jahren: Freilassung des propalästinensischen Aktivisten Georges Abdallah angeordnet
Georges Ibrahim Abdallah, ein Name, der in den letzten Jahrzehnten untrennbar mit dem Nahost-Konflikt und der französischen Justiz verbunden war, soll bald das Gefängnis verlassen. Nach 40 Jahren Haft entschied das französische Strafvollzugsgericht am...
Georges Ibrahim Abdallah, ein Name, der in den letzten Jahrzehnten untrennbar mit dem Nahost-Konflikt und der französischen Justiz verbunden war, soll bald das Gefängnis verlassen. Nach 40 Jahren Haft entschied das französische Strafvollzugsgericht am Freitag, 15. November, zugunsten seiner bedingten Freilassung. Doch der Fall bleibt umstritten – und das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Eine Entscheidung mit Auflagen
Der Beschluss des Gerichts sieht vor, dass Abdallah am 6. Dezember freikommen kann, unter der Bedingung, dass er Frankreich verlässt und nicht zurückkehrt. Damit wird eine der längsten Haftzeiten in der Geschichte der französischen Justiz möglicherweise beendet. Die Nationale Antiterrorismus-Staatsanwaltschaft (PNAT) kündigte jedoch umgehend an, Berufung einzulegen.
Abdallah, ein libanesischer Aktivist mit propalästinensischen Überzeugungen, wurde 1986 zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Vorwurf: Komplizenschaft bei der Ermordung zweier Diplomaten – einem Amerikaner und einem Israeli – in den frühen 1980er-Jahren. Seit 1999 hätte er theoretisch freikommen können, doch zehn Anträge auf Freilassung wurden stets abgelehnt.
Ein Fall voller Widersprüche
Die Unterstützung für Georges Abdallah ist breit gefächert, besonders in linken und propalästinensischen Kreisen. Seine Anhänger bezeichnen ihn als "den ältesten politischen Gefangenen der Welt im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt". Doch seine Vergangenheit ist nicht unumstritten.
Inmitten des libanesischen Bürgerkriegs gründete Abdallah die Fractions armées révolutionnaires libanaises (FARL) – eine marxistische, prosyrische und antiisraelische Gruppierung, die mehrere Anschläge in Frankreich verübte. Vier davon endeten tödlich.
Damals war Frankreich ohnehin ein Brennpunkt internationaler Spannungen, in dem der Nahost-Konflikt seinen Schatten warf. Ob Abdallahs Rolle in den Anschlägen wirklich so eindeutig war, wie es die Justiz darstellte, bleibt in den Augen seiner Unterstützer bis heute eine offene Frage.
Politische Dimensionen
Nicht nur juristisch, auch politisch ist der Fall Georges Abdallah ein Pulverfass. Ein früherer Freilassungsbeschluss von 2013 scheiterte an einem fehlenden Abschiebe-Dekret, das der damalige Innenminister Manuel Valls verweigerte. Die aktuelle Entscheidung des Gerichts ist erstmals nicht an ein solches Dekret geknüpft, wie Abdallahs Anwalt Jean-Louis Chalanset mitteilte.
Für Chalanset ist dies "ein doppelter Sieg – juristisch und politisch". Doch was bedeutet diese Freilassung für die französische Regierung? Wird sie diesmal Abdallahs Abschiebung umsetzen, oder könnte erneut politischer Druck die Freilassung verzögern?
Eine polarisierende Figur
Die Meinungen zu Georges Abdallah sind geteilt. Für seine Unterstützer ist er ein Symbol des Widerstands gegen Imperialismus und Besatzung. Sie organisieren regelmäßig Kundgebungen und fordern seine Freilassung als einen "Akt der Gerechtigkeit".
Kritiker hingegen sehen in Abdallah einen gefährlichen Extremisten, der für eine Ära von Gewalt und Terror in Frankreich steht. Für sie wäre seine Freilassung eine falsche Botschaft, besonders in Zeiten zunehmender Spannungen im Nahen Osten.
Was bleibt?
Die Freilassung Georges Abdallahs wirft Fragen auf, die weit über seinen Fall hinausgehen. Kann ein Mann, der seit vier Jahrzehnten hinter Gittern sitzt, noch eine Gefahr darstellen? Oder ist er längst ein Relikt einer vergangenen Zeit – ein Symbol, das heute mehr polarisiert als vereint?
Die nächsten Wochen werden zeigen, wie französische Justiz und Politik auf diesen Fall reagieren. Klar ist: Die Entscheidung für Abdallahs Freilassung wird nicht nur in Frankreich, sondern auch international Wellen schlagen.
Manche Geschichten enden nie wirklich – Georges Abdallahs ist eine davon.