Kaum werden sich Schnee und Eisglätte in weiten Teilen Nord- und Westfrankreichs verabschiedet heben, kündigt sich bereits der nächste Akt dieses meteorologischen Dramas an. Ein Sturm, der seinem Namen alle Ehre machen dürfte. „Goretti“ lautet der Titel dieses Wetterereignisses, das in der Nacht von Donnerstag auf Freitag den Norden Frankreichs erreichen und insbesondere entlang des Ärmelkanals mit orkanartigen Böen aufwarten soll.
Am Mittwochmorgen hatte der Schnee noch einmal große Teile des Landes lahmgelegt. In der Île-de-France, in der Normandie, in der Picardie und bis weit in den Westen hinein sorgten Flocken und Eisregen für rutschige Straßen und lange Gesichter. Doch dieser Wintergruß zieht weiter ostwärts, hin zum Massif central und in Richtung Grand Est. Über Paris steigen die Temperaturen bereits wieder über den Gefrierpunkt, der Schnee beginnt zu tauen, die weiße Kulisse verwandelt sich in graubraune Matschlandschaften.
Bei Météo-France spricht man von einer allmählichen Entspannung, zumindest was Schnee und Frost betrifft. Die Warnstufe Orange wegen Schnee und Glätte gilt bis Mittwochabend noch für 21 Départements, Tendenz fallend. Dennoch bleibt Vorsicht geboten, vor allem in höheren Lagen des Zentralmassivs und in Teilen der Bourgogne-Franche-Comté. Dort droht in der kommenden Nacht gefrierender Regen, ein tückisches Phänomen, das Straßen in spiegelglatte Fallen verwandelt.
Während sich der Winter also langsam zurückzieht, schiebt sich von Westen her ein deutlich milderes, aber alles andere als harmloses Wetterereignis ins Land. Der Sturm „Goretti“ nimmt Kurs auf Frankreich und bringt nicht nur milde Luft, sondern vor allem Wind. Viel Wind. An den nördlichen Küsten des Landes rechnen Meteorologen mit Böen um die 100 Kilometer pro Stunde. Entlang der Küste des Ärmelkanals, von der Normandie bis zum Nord-Pas-de-Calais, sind sogar Spitzen von 120 bis 140 km/h möglich.
Patrick Marlière, Meteorologe und Leiter des privaten Wetterdienstes Médias-Weather, spricht von einem ausgewachsenen Sturmereignis. Besonders betroffen seien das Département Manche sowie die Küstenabschnitte der Normandie und des äußersten Nordens. Dort, wo der Ärmelkanal ohnehin selten zur Ruhe kommt, könnten die Böen nun an der Grenze zum Orkan kratzen. Um es salopp zu sagen: Da bleibt kein Hut auf dem Kopf.
Die Dynamik dieses Wetterumschwungs liegt in der klassischen Konstellation winterlicher Sturmlagen. Kalte Luftmassen ziehen ab, von Westen drängt atlantische Warmluft nach, der Luftdruck fällt rapide, die Druckunterschiede treiben den Wind an. Gleichzeitig steigen die Temperaturen spürbar. Zunächst erreichen sie wieder das jahreszeitliche Mittel, im Verlauf des Freitags könnten sie sogar darüber hinausgehen. Winterjacke an, Winterjacke aus – das Wetter fordert derzeit eine gewisse Flexibilität.
Doch die milderen Temperaturen haben ihren Preis. Der Sturm bringt nicht nur Wind, sondern auch kräftige Niederschläge. Besonders heikel bleibt die Lage dort, wo der Boden noch ausgekühlt ist. In der Seine-Maritime etwa drohen weiterhin gefrierende Regenfälle. Regen, der auf kalten Asphalt trifft und binnen Sekunden zu Glatteis erstarrt. Die Folge: blockierte Straßen, Unfälle, stillstehender Verkehr. Wer hier unterwegs ist, braucht Geduld, Vorsicht und idealerweise Winterreifen in Bestform.
Die vergangenen Stunden haben gezeigt, wie schnell sich die Lage zuspitzen kann. Lastwagen quer auf der Fahrbahn, Autos im Straßengraben, Züge mit Verspätung. Der Alltag gerät ins Rutschen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Und auch wenn der Schnee nun verschwindet, bleibt die Wetterlage angespannt. Der Sturm könnte zusätzlich Bäume entwurzeln, Dächer beschädigen, Fährverbindungen beeinträchtigen. Entlang der Küste rechnen die Behörden mit starkem Wellengang und örtlichen Überschwemmungen.
Ein kurzer Blick nach vorn offenbart, dass der Winter sich noch nicht vollständig geschlagen gibt. In den aktuellen Wettermodellen taucht für das kommende Wochenende erneut ein kleines Fragezeichen auf. Für den äußersten Norden Frankreichs besteht die Möglichkeit, dass am Samstagmorgen oder am Sonntagnachmittag noch einmal Schneeflocken fallen. Kein großes Comeback, eher ein kurzes Gastspiel. Aber wie immer bei Schnee gilt: sicher ist erst, was tatsächlich vom Himmel fällt.
Diese Abfolge von Schnee, Eis, Tauwetter und Sturm wirkt wie ein komprimierter Querschnitt durch den Winter. Sie zeigt, wie schnell und drastisch sich Wetterlagen verändern können. Für Meteorologen ist das ein spannendes, für Einsatzkräfte ein anstrengendes, für viele Bürger ein nervenaufreibendes Szenario. Man arrangiert sich, flucht leise, zieht den Schal enger und hofft, dass der Sturm schnell weiterzieht.
Frankreich steht in diesen Tagen wettertechnisch unter Hochspannung. Die gute Nachricht: Extreme Kälte ist vorerst nicht mehr in Sicht. Die weniger gute: Ruhe ebenso wenig. Wer an der Küste lebt oder unterwegs ist, sollte Fenster sichern, Autos nicht unter alten Bäumen parken und die Wetterwarnungen ernst nehmen. Goretti kommt, bläst kräftig durch – und erinnert daran, dass der Winter auch ohne Schnee ganz schön ungemütlich sein kann.
Von Daniel Ivers
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