Tag & Nacht


Mit scharfen Worten und wirtschaftlichen Drohungen sorgt Donald Trump wieder für internationale Unruhe. Diesmal richtet sich seine Rhetorik nicht nur allgemein gegen Europa, sondern explizit gegen Frankreich – und entfacht dort eine Reaktion, die in ihrer Form bemerkenswert ist. Denn ausgerechnet der häufig umstrittene Präsident Emmanuel Macron erhält Unterstützung von politischen Kräften, die ihn sonst scharf kritisieren. Ein Moment seltener nationaler Geschlossenheit – ausgelöst durch eine als demütigend empfundene Provokation aus Washington.

In Frankreich kursiert zurzeit eine Formel, die sich viral in sozialen Netzwerken und politischen Debatten verbreitet: «Nul ne peut traiter ainsi notre nation» – «Niemand darf unsere Nation so behandeln». Der Satz ist keine offizielle Äußerung der Regierung, sondern spiegelt das kollektive Empfinden vieler Franzosen wider: Trump habe mit seinen Äußerungen eine Grenze überschritten – nicht nur in diplomatischer, sondern auch in symbolischer Hinsicht.


Zwischen Wein, Zöllen und verletztem Stolz

Ausgangspunkt der jüngsten Spannungen war das Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort hatte Trump in gewohnt konfrontativem Ton angekündigt, Strafzölle von bis zu 200 Prozent auf französische Weine und Champagner zu erwägen – es sei denn, Paris würde sich einem von ihm vorgeschlagenen «Friedensrat» anschließen, einer Art multilateraler Gesprächsplattform unter amerikanischer Führung. Zugleich machte er Andeutungen über strategische Interessen der USA am arktischen Raum, insbesondere am autonomen dänischen Territorium Grönland.

Macron reagierte ungewöhnlich scharf. Er sprach von «diplomatischem Mobbing» und betonte, dass Europa sich nicht erpressen lasse. Auch aus dem Élysée hieß es, Frankreich lasse sich nicht in bilaterale Deals pressen, die gegen seine Souveränität oder multilaterale Prinzipien verstoßen. In diplomatischen Kreisen wurde zudem irritiert zur Kenntnis genommen, dass Trump offenbar private Kommunikationsinhalte mit Macron publik gemacht hatte – ein Bruch internationaler Gepflogenheiten.




Politische Gegner rücken kurzzeitig zusammen

Das Auffällige an diesem diplomatischen Zwischenfall ist jedoch weniger die Eskalation selbst als die innenpolitische Dynamik, die sie in Frankreich ausgelöst hat. Denn in seltener Einmütigkeit äußerten sich Vertreter fast aller politischen Lager kritisch gegenüber Trump – und stellten sich, wenn auch nicht uneingeschränkt, hinter den Präsidenten.

Selbst Stimmen aus dem rechten Rassemblement National und der radikalen Linken betonten, dass Differenzen mit Macron nicht bedeuten dürften, dass man eine außenpolitische Demütigung Frankreichs hinnehme. Es gehe nicht um eine Unterstützung der Regierungspolitik, sondern um ein grundlegendes Prinzip: nationale Würde und Respekt im internationalen Umgang. Der französische Nationalstolz – oft als politisches Pathos abgetan – wurde in diesem Moment zum verbindenden Element.

Diese «Union nationale» unterscheidet sich von früheren Momenten nationaler Geschlossenheit, etwa nach Terroranschlägen oder bei historischen Gedenkveranstaltungen. Sie ist nicht institutionell organisiert, sondern entsteht aus einer spontanen Empörung heraus. Ihr zentrales Motiv ist die kollektive Zurückweisung einer als herablassend empfundenen Haltung eines ausländischen Staatschefs gegenüber Frankreich.


Der Hashtag als politische Waffe

In den sozialen Medien hat sich die Reaktion rasch verselbständigt. Die eingangs erwähnte Formel «Nul ne peut traiter ainsi notre nation» avancierte zum viralen Symbol. Politiker, Journalisten und prominente Persönlichkeiten griffen sie auf, oftmals in Verbindung mit Zitaten über nationale Souveränität oder historische Referenzen an Charles de Gaulle.

Der diskursive Mechanismus dahinter ist typisch für das digitale Zeitalter: Aus der Empörung über eine außenpolitische Geste entsteht ein emotional aufgeladener Slogan, der sich verselbständigt und eine symbolische Einigkeit erzeugt – losgelöst von konkreten politischen Programmen oder institutionellen Reaktionen. In gewisser Weise handelt es sich um eine Form von digitalem Patriotismus, die auf kurzfristige Mobilisierung abzielt.

Zugleich zeigt dieser Vorgang, wie empfindlich Frankreich – trotz seiner globalen Verflechtungen und multilateralen Verpflichtungen – auf Kränkungen reagiert, die seine internationale Stellung infrage zu stellen scheinen. In einem Land, dessen außenpolitische Identität stark vom Selbstverständnis als autonome, souveräne Macht geprägt ist, wirken Trumps Provokationen wie ein Katalysator für nationale Reflexe.


Alte Allianzen, neue Zweifel

Dass sich diese Dynamik im transatlantischen Verhältnis entfaltet, ist kein Zufall. Die Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten sind seit Jahren durch wachsendes Misstrauen geprägt – erst recht, seit Donald Trump wieder eine zentrale Rolle in der amerikanischen Außenpolitik spielt. Schon in seiner ersten Amtszeit hatte er multilaterale Institutionen in Frage gestellt, die NATO als «obsolet» bezeichnet und Strafzölle als Druckmittel eingesetzt.

Die aktuelle Episode reiht sich ein in eine Serie von Spannungen, bei denen wirtschaftliche Drohungen, persönliche Herabsetzungen und strategische Alleingänge die ehemals verlässliche Partnerschaft belasten. Frankreich ist hierbei besonders exponiert, nicht nur als Atommacht und ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat, sondern auch als selbstbewusster Vertreter eines europäischen Weges jenseits amerikanischer Vormundschaft.

Wie nachhaltig die aktuelle «Einigkeit» in Frankreich ist, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlicher ist, dass sie mit dem nächsten innenpolitischen Konflikt wieder zerfällt. Dennoch markiert sie einen Moment, in dem parteipolitische Differenzen für kurze Zeit hinter ein gemeinsames Gefühl zurücktraten: das Bedürfnis nach Respekt auf der internationalen Bühne. In einer Zeit geopolitischer Umbrüche ist das keine Selbstverständlichkeit.

Autor: P. Tiko

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