Tag & Nacht


Es gibt Orte, die selbst im Stillstand Geschichten erzählen. Tief unter den Straßen von Paris, dort wo sich Dunkelheit und Geschichte umarmen, liegen die Katakomben – ein endloses Gewirr aus Knochen, Schädeln und Gängen, die mehr Seele haben als manch ein Palais an der Oberfläche. Doch ab dem 3. November 2025 herrscht dort Stille: Die Katakomben schließen ihre Tore. Nicht für immer, aber für ganze fünf Monate, um sich zu erneuern – technisch, baulich, atmosphärisch.

Eine Pause, die mehr ist als bloß ein Baustopp. Sie ist ein Atemholen des Untergrunds.


Ein Ort, der atmet – und manchmal hustet

Warum dieser Schritt gerade jetzt? Ganz einfach: Die Katakomben sind alt. Ihr Gemäuer ächzt, ihre Luft ist stickig, und Feuchtigkeit schleicht sich durch jede Fuge. Wasser sickert in die Wände, der Kalk bröckelt, und die konservierten Gebeine verlieren langsam ihren Halt. Das Pariser Unterweltklima – sagen wir’s so – eignet sich eher für Fledermäuse als für konservierte Geschichte.

Die Stadt hat lange gezögert, doch nun wurde klar: Ohne Sanierung drohen Schäden, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Und mal ehrlich – wer möchte schon, dass dieses morbide Juwel Stück für Stück zerfällt?



Dazu kommt: Der Erfolg nagt am Fundament. Rund 2.000 Besucher pro Tag steigen derzeit hinab in die Tiefe. Das klingt nach einem stolzen Erfolg, doch das Gedränge bringt die technischen Anlagen an ihre Grenzen – vom Lüftungssystem bis zur Notbeleuchtung.


Eine Frischzellenkur für die Ewigkeit

Der Plan ist ambitioniert:
Neue Lüftungsanlagen sollen die stickige Luft austauschen. Die Elektrik wird modernisiert, Fluchtwege überarbeitet, Brandmelder erneuert. Und auch das Besucherzentrum oben an der Oberfläche erhält ein neues Gesicht – moderner, barrierefreier, freundlicher.

Das Besondere: Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um Emotion. Die Verantwortlichen wollen die Szenografie neu denken. Das bedeutet, die Art, wie Geschichte erzählt wird, bekommt ein neues Gewand. Vielleicht mit Licht, Klang, Projektionen – aber ohne den morbiden Charme zu zerstören, der die Katakomben so einzigartig macht.

Ein Kurator von Paris Musées sagte kürzlich sinngemäß: „Wir wollen das Unsichtbare sichtbar machen – ohne das Geheimnis zu verraten.“ Klingt poetisch, oder?


Und was heißt das für Besucher?

Kurz gesagt: Wer noch einmal hinabsteigen will, muss sich beeilen. Bis zum 3. November 2025 bleibt das Tor in der Avenue du Colonel Henri Rol-Tanguy geöffnet. Danach heißt es: Warten bis Frühjahr 2026.

Vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Denn wer schon einmal in der Schlange vor dem Eingang stand – manchmal über eine Stunde lang –, weiß: Etwas Entzerrung würde guttun. Die neue Besuchsführung soll effizienter werden, mit klareren Wegen und besserer Beleuchtung.

Und Hand aufs Herz: Was sind fünf Monate gegen Jahrhunderte Geschichte?


Die Stadt unter der Stadt

Die Katakomben sind kein gewöhnliches Museum. Sie sind ein Gedächtnisort – ein Monument des Übergangs zwischen Leben und Tod. Jeder Schritt dort unten erzählt von der Fragilität der Zeit. Schon beim ersten Tritt auf den feuchten Steinboden spürt man, dass man Teil einer größeren Geschichte wird.

Manche nennen diesen Ort gespenstisch. Andere sagen, er sei friedlich. Vielleicht ist er beides.

Und vielleicht steckt gerade darin seine Magie: Zwischen den Schädeln und Oberschenkelknochen liegt nicht nur Geschichte, sondern auch eine Art Demut. Ein Flüstern, das sagt: „So endet alles, aber schau, wie schön die Erinnerung sein kann.“


Der menschliche Faktor

Die Schließung trifft natürlich viele:
Fremdenführer, die dort unten ihre Geschichten erzählen, Souvenirhändler in der Nähe, kleine Cafés, die vom Besucherandrang leben. Ein paar Monate Pause bedeuten auch für sie Einbußen.

Aber – es gibt auch Vorfreude. Viele Pariser sehen das Projekt als Chance. Eine Anwohnerin aus dem 14. Arrondissement erzählte mir lachend: „Wenn sie das schaffen, ohne dass die Baustelle zwei Jahre dauert, gebe ich Champagner aus!“

Na, wer wettet mit?


Ein Stück Paris im Wandel

Dass Paris sich immer wieder neu erfindet, ist keine Neuigkeit. Doch selten geschieht das so tief unter der Erde. Während oben die Touristen durch Montmartre schlendern, wird unten geschraubt, gebohrt, saniert. Und irgendwie passt das wunderbar zusammen: Die Stadt der Lichter überarbeitet ihren Schatten.

Diese Baustelle ist also kein Bruch – sie ist ein Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zwischen Stein und Atem. Zwischen Dunkel und Licht.


Was uns erwartet

Wenn die Katakomben im Frühjahr 2026 wieder öffnen, soll alles „wie vorher, nur besser“ sein. Ein Widerspruch? Vielleicht. Aber ein reizvoller. Die Verantwortlichen versprechen eine flüssigere Besucherführung, modernere Technik und ein sichereres Gesamterlebnis.

Ob das klappt? Nun, das bleibt abzuwarten. Man kennt ja Pariser Baustellen – aus „fünf Monaten“ werden leicht zehn oder mehr. Aber seien wir ehrlich: Wenn das Ergebnis überzeugt, wird niemand mehr nachzählen.


Und danach?

Die große Frage bleibt: Wie lässt sich ein solches Monument langfristig erhalten, ohne seinen Zauber zu zerstören? Mehr Technik bedeutet meist weniger Mystik – und genau darin liegt die Herausforderung.

Vielleicht müssen wir lernen, dass Geschichte manchmal Wartungsarbeiten braucht. Auch Knochen brauchen Frischluft. Auch Erinnerung darf renoviert werden.

Oder, um es mit einem kleinen Augenzwinkern zu sagen: Selbst der Tod braucht hin und wieder ein bisschen Pflege.


Ein stilles Versprechen

Die Katakomben werden also verstummen – aber nur vorübergehend. Und während die Arbeiter dort unten hämmern und schweißen, wird die Stadt oben weiter pulsieren, lachen, leben.

Wenn im Frühjahr 2026 die Tore zu den Katakomben wieder aufgehen, wird Paris nicht nur ein restauriertes Denkmal haben, sondern auch ein Symbol für seine unerschütterliche Liebe zur Geschichte.

Ein kurzer Abschied also, bevor die Stille wieder zu flüstern beginnt.

Ein Artikel von M. Legrand

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