Tag & Nacht

Am Mittwoch, dem 3. Juli, hat Russland mit einer ungewöhnlichen und provokanten Geste für Aufsehen gesorgt. Über den offiziellen Account des russischen Außenministeriums auf X (ehemals Twitter) wurde ein Bild von Marine Le Pen, der Vorsitzenden des Rassemblement National (RN), veröffentlicht. Aufgenommen wurde das Foto in Hénin-Beaumont (Pas-de-Calais) am Abend des ersten Wahltages. Im Vordergrund steht ein Rednerpult mit der Aufschrift „L’alternance commence“ – die Wende beginnt. Dieses Bild wurde begleitet von einer Nachricht von Andreï Nastasine, dem stellvertretenden Direktor der russischen Informations- und Presseabteilung.

Ein herausfordernder Post

Nastasines Nachricht, die direkt an Präsident Emmanuel Macron und die pro-europäischen Kräfte gerichtet war, ließ keinen Zweifel an der russischen Position: „Das französische Volk sucht nach einer souveränen Außenpolitik, die seinen nationalen Interessen dient und einen Bruch mit dem Diktat aus Washington und Brüssel bedeutet.“ Mit dieser Aussage stellt der Kreml klar, dass er die politische Landschaft in Frankreich zugunsten des Rassemblement National verändern möchte.

Was bedeutet das für Frankreich und Europa?

Die Reaktionen der Geheimdienste

Die Nachricht aus Moskau hat nicht nur in politischen Kreisen für Unruhe gesorgt. Auch die französischen Geheimdienste sind in Alarmbereitschaft. Marine Le Pen behauptet nämlich, dass die Rolle des Präsidenten als Oberbefehlshaber der Streitkräfte lediglich „honorifik“ sei. Eine mögliche Koalition oder sogar eine Regierungsübernahme durch den RN könnte die Stabilität und die sicherheitspolitische Ausrichtung Frankreichs erheblich beeinflussen.

Die Strategie des Kremls

Die russische Unterstützung für den RN ist Teil einer größeren Strategie. Seit Monaten propagiert der Kreml die Botschaft, dass europäische Regierungen lediglich Marionetten der USA und der Europäischen Union seien – ein Narrativ, das besonders in Zeiten des westlichen Engagements in der Ukraine an Fahrt aufgenommen hat. Diese Art von Propaganda zielt darauf ab, Misstrauen und Unzufriedenheit in den europäischen Bevölkerungen zu schüren und nationalistische Kräfte zu stärken.

Aber warum unterstützt Russland den Rassemblement National so offen?

Eine Analyse der Motive

Russland hat ein klares Interesse daran, die EU und die NATO zu schwächen. Ein Frankreich, das sich von den USA und der EU distanziert und eine souveräne Außenpolitik verfolgt, wie sie von Le Pen propagiert wird, könnte die europäischen Einheitsbestrebungen untergraben. Dies würde Russland mehr Spielraum in der internationalen Politik verschaffen und gleichzeitig den westlichen Einfluss in Osteuropa, insbesondere in der Ukraine, reduzieren.

Doch diese Strategie birgt auch Risiken. Eine zu offene Unterstützung könnte den RN in den Augen vieler Franzosen diskreditieren, die eine Einmischung von außen ablehnen. Gleichzeitig könnte dies die pro-europäischen Kräfte mobilisieren und die Wähler zur Unterstützung von Kandidaten bewegen, die sich gegen den russischen Einfluss aussprechen.

Was denkt das französische Volk?

Die Meinungen in Frankreich sind geteilt. Während einige die Idee einer souveränen Außenpolitik und einer stärkeren Unabhängigkeit von den USA und der EU unterstützen, sehen andere die Gefahr einer zu großen Nähe zu Russland. Die Frage, die sich viele stellen, lautet: Kann ein Land wie Frankreich, mit seiner langen Tradition als europäische Führungsmacht, es sich leisten, sich von seinen engsten Verbündeten abzuwenden?

Ein Spiel mit dem Feuer

Es steht außer Frage, dass die Unterstützung Russlands für das Rassemblement National die politischen Spannungen in Frankreich und Europa weiter anheizen wird. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, wie stark der Einfluss des Kremls tatsächlich ist und wie die französische Bevölkerung darauf reagiert. Eines ist jedoch sicher: Die politische Landschaft in Europa steht vor entscheidenden Veränderungen – und es bleibt abzuwarten, wer am Ende das Spiel gewinnt.


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