Der Morgen in Steenwerck beginnt mit einem Bild wie aus einem Wintermärchen. Dächer, Felder, Hecken – alles liegt unter einer dichten weißen Decke. Bis zu sieben Zentimeter Schnee, sagen die Messungen. Ein Wert, der in den Alpen bestenfalls ein Achselzucken auslöst, hier aber den Takt des Alltags bestimmt. Denn was schön aussieht, wird auf schmalen Landstraßen schnell zur gefährlichen Rutschbahn. Und zur Geduldsprobe.
Schon früh stehen Menschen vor ihren Häusern, Schaufel in der Hand, der Atem dampft. Schnee knirscht unter den Stiefeln. Ein Geräusch, das Ruhe verspricht, aber Vorsicht einfordert. Auf den kleinen Straßen rund um Steenwerck sind Autos liegen geblieben, eines davon im Straßengraben. Der Fahrer steht daneben, sichtbar mitgenommen. Die Kontrolle verloren, ein kurzer Moment Unachtsamkeit, dann ging nichts mehr. Kein spektakulärer Unfall, eher ein leiser, umso ernsterer Hinweis darauf, wie schnell der Winter hier zuschlägt.
Benoît Bourgois kennt diese Szenen nur zu gut. Der Fahrer eines Abschleppdienstes spricht ruhig, fast beiläufig, als er berichtet, dass es bereits der zweite Einsatz am Vormittag sei. Einer in der Nacht, einer am Morgen. Kein Aufsehen, keine Empörung, nur nüchterne Routine. Im Norden Frankreichs gehört das dazu. Wenn Schnee und Eis zusammenkommen, bleibt niemand überrascht, höchstens kurz erschrocken.
In den Dörfern ringsum reagieren viele mit einer Mischung aus Gelassenheit und Vorsicht. Ein älterer Mann räumt den Gehweg vor seinem Haus frei. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Selbsterhaltungstrieb. Ein falscher Schritt, und man rutscht in den Straßengraben, sagt er. Dann liegt man da. Dann wird aus einem Weg zum Bäcker ein medizinischer Notfall. Also bleibt man besser zu Hause, außer es geht wirklich nicht anders. Diese Art von Pragmatismus hat hier Tradition.
Das Eis ist der eigentliche Gegner. Der Schnee allein wäre beherrschbar, doch der Boden war bereits gefroren, bevor die Flocken fielen. Minusgrade am Vortag, erneuter Frost in der Nacht – eine Kombination, die jede Hoffnung auf schnelles Tauen zunichtemacht. Die weiße Schicht tarnt, was darunter lauert: blankes Eis. Besonders auf Nebenstrecken, auf jenen Achsen, die im Winterdienst gern einmal hinten anstehen.
Romuald Creton kennt diese Straßen wie seine Westentasche. Der Schweinezüchter aus Steenwerck sitzt an diesem Morgen auf seinem Traktor und schiebt Schnee beiseite. Kein offizieller Auftrag, eher eine Selbstverständlichkeit. Die kleinen Wege seien besonders glatt, erklärt er, weil sich dort das Eis halte. Vergessen, nennt er sie, diese Straßen. Ein hartes Wort, aber nicht ohne Wahrheit. Wer hier unterwegs ist, weiß, dass Eigeninitiative manchmal schneller wirkt als jede Verwaltung.
Und doch bleibt der Staat nicht untätig. Die Präfekturen von Nord und Pas-de-Calais schlagen Alarm, allerdings leise, ohne Pathos. Die Ansage lautet: Vorsicht. Schulbusse bleiben in den Depots, der Transport von Kindern gilt als zu riskant. Schwerlastverkehr wird eingeschränkt, um Unfälle und blockierte Straßen zu vermeiden. Maßnahmen, die den Alltag bremsen, aber Schlimmeres verhindern sollen.
Für viele Familien bedeutet das Improvisation. Kinder bleiben zu Hause, Eltern organisieren sich neu. Homeoffice, wo es geht. Telefonate, kurze Absprachen, ein bisschen Chaos. Aber auch das gehört dazu. Man rückt näher zusammen, zumindest organisatorisch. Der Winter zwingt zur Entschleunigung. Und ehrlich gesagt – manchmal tut das sogar gut.
Die Bilder aus dem Norden zeigen keinen Ausnahmezustand, sondern eine Region, die gelernt hat, mit solchen Momenten umzugehen. Keine Panik, kein dramatisches Vokabular. Stattdessen Schaufeln, Traktoren, vorsichtige Schritte. Und die stille Erkenntnis, dass Natur sich nicht verhandeln lässt. Man passt sich an oder bleibt stehen.
Der Norden Frankreichs ist kein klassisches Schneeland. Gerade deshalb reagieren Infrastruktur und Verkehr empfindlicher. Was in Gebirgsregionen eingeübt ist, muss hier jedes Mal neu organisiert werden. Streudienste, Prioritäten, Personal. Und immer wieder die gleiche Frage: Wie viel Risiko ist vertretbar? Die Antwort fällt an solchen Tagen oft sehr konservativ aus.
Man spürt in diesen Stunden eine besondere Form von Solidarität. Nachbarn helfen einander, Maschinen werden geteilt, Wege freigeräumt. Kein großes Gerede, einfach machen. So läuft das hier. Der Winter als kollektive Aufgabe, nicht als Spektakel.
Natürlich gibt es auch jene, die das alles unterschätzen. Ein bisschen Schnee, denken sie, wird schon gehen. Meist sind es genau diese Fahrten, die im Straßengraben enden. Der Norden vergisst nicht, aber er verzeiht auch nicht sofort. Er fordert Respekt. Wer ihn aufbringt, kommt durch. Wer nicht, bleibt stehen.
Und so liegt Steenwerck an diesem Mittwochmorgen still unter seinem weißen Mantel. Schön, gefährlich, eindrucksvoll. Ein Winterbild mit doppeltem Boden. Man schaut es sich an, atmet die kalte Luft ein – und setzt den nächsten Schritt ganz bewusst.
Autor: Daniel Ivers
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