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Alle Artikel · 14.10.2024 09:17

Skandal um Pflegekinder im Norden: 19 Angeklagte, doch die Verantwortlichen bleiben unbehelligt

Ein Gerichtsprozess, der sich über eine ganze Woche zieht, beginnt heute in Châteauroux und betrifft eine Affäre, die viele schockiert hat. Zwischen 2010 und 2017 wurden dutzende Kinder, die der Obhut der Aide sociale...

Ein Gerichtsprozess, der sich über eine ganze Woche zieht, beginnt heute in Châteauroux und betrifft eine Affäre, die viele schockiert hat. Zwischen 2010 und 2017 wurden dutzende Kinder, die der Obhut der Aide sociale à l'enfance (ASE) des Departements Nord anvertraut waren, unrechtmäßig in Familien in den Regionen Indre, Haute-Vienne und Creuse untergebracht.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Kinder berichten von Misshandlungen, die nicht nur körperlich, sondern auch psychisch große Schäden verursacht haben. Von Schlägen, Tritten und sogar Würgegriffen bis hin zu überhöhten Dosen von Beruhigungsmitteln wie Valium – die Liste der Misshandlungen scheint endlos. Und doch bleibt ein entscheidendes Element dieser Ermittlung am Rand: Die Aide sociale à l'enfance selbst, also der zuständige soziale Dienst des Departements Nord, wird nicht zur Verantwortung gezogen.

Die Dimension des Skandals

Ein Skandal in solchem Ausmaß wirft natürlich Fragen auf: Wie konnten so viele Kinder über Jahre hinweg in unsicheren, wenn nicht gar gefährlichen Verhältnissen leben, ohne dass jemand eingriff? Mehr als 20 Kinder haben inzwischen ausgesagt, und ihre Geschichten sind erschütternd. Besonders zwei Männer stehen im Zentrum der Anschuldigungen, doch insgesamt sind 19 Personen vor Gericht geladen.

Darunter ist auch eine 55-jährige Landwirtin, die wiederholt Kinder aufgenommen hat, ohne jemals das Geld, das sie dafür erhielt, zu deklarieren. Laut ihrem Anwalt sei sie überzeugt gewesen, dass das Vorgehen legal sei. Eine Woche, so dachte sie, sollte ein Kind bei ihr bleiben – tatsächlich wurden daraus oft Monate. Doch sie sei nicht die treibende Kraft gewesen, sagt ihr Anwalt. Vielmehr hätte man die Gastfamilien manipuliert, um die Kinder unterzubringen.

Ein undurchsichtiges System ohne Kontrolle

Das Besondere an diesem Fall ist jedoch, dass die betroffenen Familien im Glauben waren, mit einem legalen System zusammenzuarbeiten. Hier kommt die Rolle der Aide sociale à l'enfance du Nord ins Spiel. Mehrmals soll der Dienst Kinder an eine Organisation vermittelt haben, die jedoch nie eine offizielle Genehmigung besaß, um als Pflegeeinrichtung zu fungieren. Es waren vor allem Kinder, die als „schwierig“ galten, und offenbar wollte man sie möglichst schnell unterbringen – um jeden Preis.

Anwalt Schuletzki bringt die Verwirrung auf den Punkt: „Es ist nicht nachvollziehbar, dass die ASE des Nordens nicht zur Verantwortung gezogen wird, obwohl sie Kinder an eine Organisation schickte, die keinerlei Befugnis hatte, diese aufzunehmen.“ Viele der betroffenen Kinder hatten sich sogar bei der ASE gemeldet und Missstände angezeigt. Dennoch ging das System weiter.

Ein erschütternder Brief – und die fehlende Reaktion

Ein besonders brisanter Punkt ist ein Brief, der im Laufe des Verfahrens auftauchte. Ein hochrangiger Mitarbeiter der ASE im Norden soll sich darin über die Situation geäußert haben. Er gesteht ein, dass es schwer sei, sich von Einrichtungen zu trennen, die auch die „schwierigsten“ Kinder aufnehmen – jene, für die andere keine Verantwortung übernehmen wollten. Doch anstatt den Staatsanwalt einzuschalten, wie es seine Pflicht gewesen wäre, blieb er untätig.

Man könnte meinen, dass diese Enthüllungen ausreichen würden, um auch die ASE selbst auf die Anklagebank zu bringen. Doch das ist nicht der Fall. Während die 19 Angeklagten sich nun für ihre Handlungen verantworten müssen, bleibt die Rolle der Behörde weiterhin ein blinder Fleck in der Anklage.

Systematische Fehler oder individuelles Versagen?

Wie kann es sein, dass eine Institution wie die ASE solche offensichtlichen Warnsignale ignoriert? Mangelnde Kontrolle, Missmanagement oder schlichtweg Gleichgültigkeit? Was auch immer der Grund, der Schaden ist angerichtet. Die Kinder, die durch diese Fahrlässigkeit gelitten haben, werden ein Leben lang mit den Konsequenzen leben müssen. Der Prozess mag einige Antworten liefern, doch viele Fragen bleiben offen.

Ein Prozess in dieser Größenordnung könnte – und sollte – auch auf höherer Ebene für Konsequenzen sorgen. Doch im Moment stehen nur Einzelpersonen vor Gericht, während die Institution, die eigentlich für den Schutz dieser Kinder verantwortlich war, unangetastet bleibt.

Ein Prozess, der nur an der Oberfläche kratzt

Es bleibt abzuwarten, ob dieser Prozess tatsächlich alle Beteiligten zur Rechenschaft ziehen wird oder ob nur die Symptome eines viel tieferliegenden Problems behandelt werden. Anwalt Schuletzki sagt dazu: „Es ist klar, dass die Aide sociale à l'enfance wusste, dass sie diese Kinder in eine unsichere Situation schickte – und dennoch geschah nichts.“

Der Prozess in Châteauroux könnte der Auftakt zu weiteren Ermittlungen sein. Doch eines ist sicher: Für die Kinder, die unter den Folgen dieser systematischen Fehler leiden, kommt jede Reaktion zu spät. Sie haben das Vertrauen in ein System verloren, das sie eigentlich hätte schützen sollen.

Am Ende bleibt nur die Frage: Wie viele weitere Skandale müssen noch ans Licht kommen, bevor wirklich Verantwortung übernommen wird?

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