In Petit-Landau, einem verschlafenen Dorf im Haut-Rhin, ist derzeit gar nichts mehr verschlafen. Denn was hier seit Wochen passiert, klingt wie das Drehbuch zu einem schrägen Science-Fiction-Film: Millionen von winzigen Eindringlingen übernehmen Gärten, Häuser und Stromkästen. Die Hauptdarsteller? Tapinoma-Fourmis – winzige Insekten mit großer Wirkung.
Sie kommen, sie krabbeln, sie bleiben
Die mediterrane Ameisenart Tapinoma hat sich den Ort ausgesucht wie ein Tourist das Strandhotel – nur ohne Rückflugticket. Ursprünglich in südlicheren Gefilden beheimatet, hat sie sich dank milderer Temperaturen und globaler Warenströme bis in den Norden Europas vorgearbeitet. Und jetzt hat sie Petit-Landau fest im Griff.
Die Ameisen sind winzig, unscheinbar und scheinbar unaufhaltsam. Ganze Schwärme durchziehen die Gärten, bilden Teppiche aus Krabbeltieren, nisten sich unter Pflastersteinen, in Mauerritzen und elektrischen Anlagen ein. Die Folge: kaputte Geräte, stromlose Haushalte – und panische Eltern, die ihre Kinder nicht mehr im Freien spielen lassen. „Man kann keine zwei Minuten draußen stehen, ohne gebissen zu werden“, berichten Anwohner. Und wenn man sie zertritt, verströmen sie einen Geruch nach ranziger Butter. Charmant ist anders.
Königinnen ohne Zahl
Das Besondere – und gleichzeitig Beängstigende – an diesen Ameisen: Sie gehören zu den sogenannten polygynen Arten. Heißt übersetzt: viele Königinnen pro Kolonie. Das sorgt für eine blitzschnelle Vermehrung und eine ebenso rasche Ausbreitung. Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Tapinoma-Fourmis schließen sich zu riesigen Superkolonien zusammen, die mehrere Grundstücke, Häuserblöcke oder sogar ganze Ortsteile umspannen können – ohne sich gegenseitig zu bekämpfen. Ein Albtraum für jede Schädlingsbekämpfung.
Denn klassische Insektizide wirken kaum. Hausmittel? Eine nette Idee, aber eher Placebo. Selbst biologische Gegenstrategien wie Fressfeinde oder Lockstoffe bringen bislang keine nennenswerte Linderung. Die Tiere haben sich perfekt an unsere Umwelt angepasst. Sie überleben Hitze, Trockenheit, Chemie – und offensichtlich auch unseren Widerstand.
Ein Angriff auf die Artenvielfalt
Dabei geht es längst nicht mehr nur um menschlichen Unmut. Die Tapinoma-Fourmis bedrohen auch das ökologische Gleichgewicht. Sie vertreiben heimische Ameisenarten, räubern Nahrungsquellen leer und verändern durch ihre Dominanz das Verhalten anderer Insekten – vom Marienkäfer bis zur Wildbiene. Und wer denkt, das Problem betreffe nur kleine Dörfer, täuscht sich. Schon jetzt melden auch Nachbargemeinden ähnliche Sichtungen.
Hinzu kommt: Die Tierchen lieben Technik. Ihre winzigen Körper zwängen sich in Schaltkästen, Verteiler und Sicherungen – dort richten sie regelmäßig große Schäden an. Kurzschlüsse, Stromausfälle, überhitzte Geräte. Petit-Landau wird zum unfreiwilligen Versuchslabor für die Folgen biologischer Invasion.
Die Behörden reagieren – aber wie?
Die Gemeinde hat inzwischen alle Alarmglocken geläutet. Die Präfektur ist eingeschaltet, ebenso das französische Amt für Biodiversität. Es wird untersucht, kartiert und beraten. Aber: Noch fehlt ein wirksamer Aktionsplan. Alles muss koordiniert, nachhaltig und umweltfreundlich geschehen – doch gegen eine Spezies, die sich unterirdisch, versteckt und massiv ausbreitet, sind die Optionen begrenzt.
Dabei ist Petit-Landau kein Einzelfall. In Spanien, Italien, selbst in der Schweiz gab es in den letzten Jahren ähnliche Fälle. Ursache? Die Erderwärmung und der globale Warenhandel, vor allem Pflanzenimporte. Mit jeder Topfpflanze, jeder Palette Blumenerde kann ein Stück fremdes Ökosystem mitreisen. Und sich am Zielort festsetzen. Was einmal als Randnotiz begann, entwickelt sich zur systemischen Herausforderung für den Kontinent.
Was also tun?
Vielleicht ist es an der Zeit, umzudenken. In puncto Einfuhrkontrollen, in Sachen städtischer Bepflanzung, bei der Bekämpfung invasiver Arten. Denn dass wir künftig häufiger mit solchen tierischen Invasionen zu tun haben werden, ist mehr als wahrscheinlich. Das zeigt nicht nur das Beispiel Petit-Landau – das flüstern uns auch die globalen Temperaturkurven, Lieferketten und Umweltberichte ins Ohr.
Und während im Elsass weiterhin Millionen kleiner Beine durch die Vorgärten marschieren, stellt sich eine ganz grundsätzliche Frage: Wer hat hier eigentlich noch die Kontrolle – Mensch oder Natur?
Autor: Andreas M. Brucker
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