Tag & Nacht


Der Winter klopft an die Tür.
Manchmal tritt er gleich ein.

In diesen Tagen zeigt sich der Frost nicht nur auf vereisten Autoscheiben oder klammen Fingern an der Bushaltestelle. Er sitzt in Wohnzimmern, kriecht unter Decken, bleibt über Nacht. Und er geht nicht mehr weg. Für viele Menschen in Frankreich fühlt sich dieser Winter nicht wie eine Jahreszeit an, sondern wie ein Zustand.

Eine Kälte, die müde macht.
Und wütend.
Und irgendwann einfach nur noch traurig.

In Floirac, nahe Bordeaux, zeigt das Thermometer draußen minus ein Grad. Drinnen allerdings kaum mehr. Zwölf Grad im Wohnzimmer, nachts noch weniger. Die Zahl klingt nüchtern, fast harmlos. Doch wer schon einmal versucht hat, bei zwölf Grad zu frühstücken, weiß: Das Brot schmeckt anders, der Kaffee wird schneller kalt, Gespräche drehen sich im Kreis. Immer wieder dieselbe Frage — wie lange noch?



Jérôme, Bewohner der Cité du Midi, schläft seit Wochen nicht mehr regelmäßig zu Hause. Er fährt zu seiner Mutter, packt Taschen wie für einen Kurzurlaub, obwohl er nur der Kälte entkommen will. Ein erwachsener Mann, der sein eigenes Bett meidet. Wer hätte gedacht, dass so etwas im Jahr 2026 Realität bleibt?

Andere improvisieren.
Heizlüfter aus dem Baumarkt, Verlängerungskabel quer durch die Wohnung, Sicherungen, die regelmäßig herausfliegen. Zwei Geräte gleichzeitig? Vergiss es. Dann wird es dunkel. Also schaltet man abwechselnd ein — Bad oder Wohnzimmer, Wärme oder Licht. Komfort sieht anders aus, klar. Aber es geht ums Überleben im Kleinen.

Manche flüchten tagsüber. Einkaufszentren, Supermärkte, Cafés. Orte, an denen die Heizung zuverlässig brummt und niemand fragt, warum man drei Stunden lang nur einen Tee bestellt. Wärme auf Zeit. Wärme ohne Zuhause. Ist das noch Alltag oder schon ein stiller Notfall?

Die Stadt reagiert.
Ein Gymnasium öffnet seine Türen. Matratzen, Duschen, ein Dach über dem Kopf. Eine Geste, wichtig, notwendig. Und doch schmerzlich. Denn niemand möchte im Januar seine Abende in einer Turnhalle verbringen. Zuhause bleibt Zuhause — selbst dann, wenn es kalt ist.

Eine Bewohnerin bringt es leise auf den Punkt: Sie vermisst nicht nur die Wärme, sie vermisst sich selbst in ihrer Wohnung. Den Alltag. Die Ruhe. Das Gefühl, anzukommen. Wer ständig friert, denkt nicht an Zukunft, sondern an die nächste Stunde.

Was dabei oft untergeht: Für viele ist diese Situation kein einmaliger Ausrutscher.
Sie dauert an.
Monate.
Jahre.

In Rennes, Hunderte Kilometer weiter nördlich, erzählen Bewohner eines Sozialwohnblocks von zwei Wintern ohne funktionierende Heizung. Zwei. Nicht ein paar Tage. Nicht ein besonders kaltes Wochenende. Zwei ganze Heizperioden, in denen Radiatoren lauwarm bleiben wie schlechte Ausreden.

Baran, einer der Mieter, legt die Hand auf den Heizkörper. Ein bisschen Wärme kommt an, sagt er. Ein bisschen. Aber ein Zuhause lässt sich damit nicht aufheizen. Es reicht gerade so, um Hoffnung zu machen — und sie im nächsten Moment wieder zu nehmen.

In einer anderen Wohnung lebt ein junger Vater mit seinem Neugeborenen. Die elterliche Schlafzimmertür bleibt geschlossen, dort läuft ein Heizlüfter fast ununterbrochen. Das Kinderzimmer dagegen? Unbenutzbar. Zu kalt. Zu riskant. Niemand setzt die Gesundheit seines Babys aufs Spiel, nur weil die Technik versagt. Also steigen die Stromkosten. Und mit ihnen die Sorgen.

Was macht das mit einem Menschen, wenn er jeden Monat mehr zahlt, um weniger zu bekommen?
Wie erklärt man einem Kind, warum es im eigenen Zimmer Handschuhe tragen soll?

Hajar, Mutter mehrerer Kinder, misst in ihrer Wohnung sechs Grad. Sechs. Das ist Kühlschrankniveau. Sie spricht von einem Gefühl des Ausgeliefertseins. Niemand fühlt sich zuständig. Der Vermieter verweist auf den Energieversorger, dieser auf technische Schwierigkeiten. Ein Pingpong-Spiel der Verantwortung. Und mittendrin Familien, die längst keine Kraft mehr haben, Briefe zu schreiben oder Hotlines anzurufen.

„Wir drehen uns im Kreis“, sagt sie. Seit zwei Jahren. Zwei Jahre, in denen der Winter nicht endet, sondern jedes Mal neu beginnt.

Natürlich gibt es Stellungnahmen.
Der soziale Wohnungsbau verweist auf externe Dienstleister.
Der Energieversorger — in diesem Fall Engie — versichert, man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Worte, die man kennt. Worte, die warm klingen, aber keine Wärme erzeugen.

Dabei geht es um mehr als Technik.
Es geht um Würde.

Heizen ist kein Luxus. Es ist ein Grundbedürfnis. In einem Land, das sich soziale Sicherheit auf die Fahnen schreibt, wirkt eine kalte Wohnung wie ein stiller Widerspruch. Besonders bitter trifft es Menschen, die ohnehin wenig Spielraum haben. Sozialwohnungen, feste Budgets, steigende Preise. Wer dort friert, hat kaum Alternativen.

Manche lachen bitter und sagen: Man gewöhnt sich an alles. Stimmt das? Oder stumpft man einfach ab? Die Kälte schleicht sich nicht nur in die Knochen, sondern auch in Gedanken. Sie macht klein. Sie raubt Energie — im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Zwischendurch entstehen skurrile Momente. Nachbarn treffen sich im Treppenhaus, weil es dort manchmal wärmer ist als in den Wohnungen. Man tauscht Tipps aus: Welcher Heizlüfter taugt etwas? Welche Sicherung hält länger? Galgenhumor als letzte Verteidigung.

Und doch bleibt die Frage im Raum hängen wie kalter Atem: Wie konnte es so weit kommen?

Die Energiewende, marode Infrastruktur, komplizierte Zuständigkeiten. All das spielt eine Rolle. Aber für die Betroffenen klingt das abstrakt. Sie wollen keine Debatte. Sie wollen warme Füße.

Der Winter macht keine Pause, nur weil ein Schreiben unbeantwortet bleibt. Er kommt nachts, wenn Kinder schlafen, wenn alte Menschen still im Sessel sitzen, wenn niemand hinschaut. Und genau dann zeigt sich, wie verletzlich ein Zuhause sein kann.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik.
Nicht im Defekt der Heizung.
Sondern darin, dass man sich an den Gedanken gewöhnt, dass so etwas eben passiert.

Doch sollte es das?
Sollte man akzeptieren, dass Menschen im 21. Jahrhundert in Europa frieren, während Zuständigkeiten geklärt werden?

Ein älterer Bewohner in Floirac erzählt, dass er früher den Winter mochte. Spaziergänge, klare Luft, Ruhe. Heute zählt er die Tage bis zum Frühling wie ein Gefangener die Striche an der Wand. Nicht aus Ungeduld, sondern aus Erschöpfung. Sein Körper spielt nicht mehr mit.

Die Kinder in Rennes kleben ihre Fenster zu, um den Luftzug zu stoppen. Provisorische Kunstwerke aus Papier und Klebeband. Kreativ, ja. Aber auch ein stilles Zeichen von Mangel. Improvisation ersetzt keine Lösung.

Manchmal hilft Solidarität. Nachbarn teilen Steckdosen, bringen Suppe vorbei, passen aufeinander auf. Das wärmt — ein bisschen. Menschlich. Aber es entbindet niemanden von Verantwortung.

Der Winter wird vorübergehen.
Das tut er immer.

Doch was bleibt, sind Erinnerungen an Nächte mit Mütze im Bett, an Tage ohne Zuhausegefühl, an das leise Gefühl, vergessen worden zu sein. Für viele Betroffene endet die Kälte nicht mit steigenden Temperaturen. Sie bleibt als Erfahrung. Als Misstrauen. Als Fragezeichen.

Vielleicht ist genau jetzt der Moment, genauer hinzusehen. Nicht erst, wenn der nächste Frost kommt. Sondern solange Menschen noch frieren.

Denn eine Wohnung ohne Heizung ist mehr als ein technisches Problem. Sie ist ein Bruch im sozialen Versprechen. Und der lässt sich nicht mit warmen Worten kitten.

Ein Artikel von M. Legrand

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