Ali Khamenei, der mächtigste Mann im Iran, ist für viele ein religiöses Oberhaupt – für seinen Neffen hingegen ein unnachgiebiger Diktator. In einem aufsehenerregenden Interview mit dem französischen Radiosender franceinfo hat Mahmoud Moradkhani, Exil-Iraner und Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Nordfrankreich, scharfe Kritik am Regime in Teheran geübt. Es ist ein selten offener Einblick in die innerfamiliären Bruchlinien eines autoritären Systems – und zugleich ein Weckruf an die zersplitterte iranische Opposition.
Seit Jahrzehnten gilt Ali Khamenei als Dreh- und Angelpunkt der islamischen Republik. Der 86-Jährige, seit 1989 „Oberster Führer“, steht im Zentrum eines repressiven Machtapparats, der sich mit aller Härte gegen jede Form des Widerstands richtet. Besonders deutlich wurde dies zuletzt im Zuge der neuen Protestwelle, die seit Ende 2025 das Land erschüttert. Laut Angaben der NGO Iran Human Rights wurden seither über 3.400 Demonstrierende getötet – eine Zahl, die nach Einschätzung Moradkhanis in Wirklichkeit noch deutlich höher liegt.
Ein Insider bricht das Schweigen
Mahmoud Moradkhani ist nicht irgendwer: Als Neffe Khameneis kennt er die Familie des Revolutionsführers aus nächster Nähe. 1985 verließ er den Iran, floh nach Frankreich und ließ sich in der Stadt Croix nieder. Dort arbeitet er heute als Arzt – und als scharfer Kritiker des Regimes. In dem Gespräch mit franceinfo beschreibt er seinen Onkel als einen Mann, der „niemals zweifelt“ und sich „ideologisch und religiös überlegen fühlt“. Das Resultat: eine „gnadenlose“ Machtausübung, gespeist von religiösem Absolutismus und politischem Kalkül.
Diese Einschätzung deckt sich mit zahlreichen Analysen internationaler Beobachter, die Khamenei als das Zentrum einer klerikalen Autokratie beschreiben, in der politische Rivalen ausgeschaltet, Wahlen manipuliert und Medien kontrolliert werden. Die Revolutionsgarden – offiziell militärischer Arm der Republik – agieren längst wie ein innerstaatlicher Sicherheitsapparat, der jede abweichende Meinung mit Repression beantwortet.
Repression und Führerkult
Dass sich die Zahl der Toten nach dem Ausbruch der Proteste so dramatisch erhöht hat, ist Ausdruck einer Eskalationslogik, die das iranische Regime schon in früheren Krisen verfolgte – sei es nach den Studentenunruhen 1999, der „Grünen Bewegung“ 2009 oder den wirtschaftsbedingten Aufständen 2019. Neu ist allerdings das Ausmaß und die soziale Breite des aktuellen Protests. Es sind nicht nur junge Studierende oder intellektuelle Großstädter, sondern auch Arbeiter, Frauen und Angehörige religiöser Minderheiten, die sich gegen die Islamische Republik stellen.
Khamenei reagiert mit der ihm eigenen Unnachgiebigkeit. Für ihn – so sein Neffe – sei ein Rückzug keine Option. Vielmehr zähle er zu den „großen Diktatoren“ der Geschichte, die bereit seien, „bis zur letzten Blutstropfen“ zu kämpfen. Ein Vergleich, der nicht zufällig an Figuren wie Muammar al-Gaddafi oder Saddam Hussein erinnert – autoritäre Führer, die ebenfalls bis zuletzt an ihrer Macht festhielten und gewaltsam zu Fall kamen.
Die Schwäche der Opposition
Besonders bitter für Moradkhani ist jedoch nicht nur die Brutalität des Regimes, sondern auch die Schwäche seiner Gegner. Die iranische Opposition, im In- wie im Ausland, sei zersplittert, unkoordiniert und strategisch unvorbereitet. „Ich bedaure, dass die Opposition nicht einheitlich genug ist“, erklärt er. Es habe an einem „konkreten Aktionsplan“ gefehlt, der dem Protest eine klare Richtung hätte geben können. Ein geeinter politischer Gegenentwurf, so Moradkhanis Überzeugung, hätte nicht nur Opfer vermeiden, sondern auch internationale Unterstützung mobilisieren können.
Diese Diagnose teilen viele Exil-Iraner und Iran-Expertinnen. Der Mangel an konsolidierten Strukturen, glaubwürdigen Führungspersönlichkeiten und einem einheitlichen politischen Ziel ist ein wiederkehrendes Problem oppositioneller Bewegungen – nicht nur im Iran, sondern auch in anderen autoritären Kontexten wie Belarus oder Russland. Solange sich keine tragfähige Alternative zur bestehenden Ordnung formiert, bleibt der Machtapparat – so brüchig er auch sein mag – erstaunlich stabil.
Der Ruf nach Gerechtigkeit
Moradkhani plädiert daher für eine juristische Aufarbeitung der Verbrechen des Regimes. Ein Prozess gegen Ali Khamenei wäre „ideal“, nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern auch zur politischen Befriedung. „Wenn ein Diktator plötzlich getötet wird, bleiben immer Überreste – Sympathisanten, die weiterkämpfen“, warnt er. Der Blick in die Geschichte gibt ihm recht: Auch nach dem Sturz autoritärer Regime – etwa im Irak oder Libyen – konnten einstige Machteliten lange Schatten werfen.
Ob es je zu einem solchen Prozess kommt, ist allerdings fraglich. Der Iran ist nicht nur geopolitisch isoliert, sondern auch rechtlich schwer zugänglich. Als Nichtmitglied des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) genießt Teheran einen gewissen Schutz vor internationalen Ermittlungen. Ein nationales Tribunal – etwa im Falle eines Regimewechsels – erscheint derzeit ebenfalls fern. Und dennoch: Moradkhanis Forderung steht exemplarisch für den Wunsch vieler Iranerinnen und Iraner, das Kapitel der islamischen Theokratie nicht nur politisch, sondern auch juristisch abzuschließen.
Der politische Einfluss Mahmoud Moradkhanis bleibt begrenzt. Doch seine Stimme reiht sich ein in einen immer lauter werdenden Chor von Exil-Iranern, Dissidentinnen und Menschenrechtsorganisationen, die das Ende der islamischen Republik fordern. Die Zukunft des Iran ist ungewiss – aber sie wird sich nicht allein in den Machtzirkeln Teherans entscheiden, sondern auch auf den Straßen von Isfahan, in den Gerichtssälen Europas und in den Köpfen einer jungen Generation, die genug hat vom Gottesstaat.
Autor: Andreas M. Brucker
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