Tag & Nacht


Fast zwei Jahre lang war Wasser im äußersten Süden Frankreichs ein politisches, ökologisches und zutiefst persönliches Thema. In den Pyrénées-Orientales, einem Département zwischen Pyrenäen und Mittelmeer, bestimmte die Trockenheit den Alltag. Brunnen versiegten, Flüsse schrumpften zu Rinnsalen, Gärten verdorrten hinter Zäunen, die Schläuche und Rasensprenger längst verbannt hatten. Seit 2022 galt hier fast durchgehend der Alarmzustand, häufig sogar die höchste Stufe der sogenannten Wasserkrise. Und dann, kurz vor dem Jahreswechsel 2025, kam der Regen. Nicht zaghaft, nicht schüchtern, sondern mit einer Wucht, die man in dieser Region beinahe vergessen hatte.

Der Dezember brachte ein mediterranes Unwetter, das seinem Namen gerecht wurde. Innerhalb weniger Wochen fiel mehr Wasser als sonst in einem halben Jahr. In Perpignan summierten sich die Niederschläge auf rund 255 Millimeter, ein Wert, der die saisonale Norm um ein Mehrfaches übertraf. Straßen standen unter Wasser, Felder saugten sich voll, trockene Bachbetten führten plötzlich wieder Strömung. Ein paradoxes Bild: Während anderswo über Hochwasserschäden geklagt wurde, sprach man hier von Erlösung.

Diese Regenfälle veränderten die hydrologische Lage spürbar. Oberflächennahe Grundwasserschichten begannen sich zu erholen, Quellen, die seit Jahren als verloren galten, zeigten wieder Leben. Für eine Region, die sich an das Geräusch von trockenen Rohren und das Zählen von Litern gewöhnt hatte, war das mehr als eine meteorologische Randnotiz. Es war ein psychologischer Wendepunkt.

Die Präfektur reagierte Anfang Januar 2026 mit einem Schritt, der noch wenige Monate zuvor undenkbar schien. In 169 Gemeinden wurden sämtliche Nutzungsbeschränkungen für Wasser aufgehoben. Private Pools dürfen wieder befüllt, Gärten bewässert, Autos gewaschen werden. Für viele Einwohner fühlte sich das an wie das Ende eines langen Ausnahmezustands. Endlich wieder Normalität, zumindest ein Stück davon. Man hörte Sätze wie: Jetzt kann man wieder durchatmen. Oder, etwas salopper: Zeit, dass der Schlauch aus dem Keller kommt.



Doch nicht überall fiel der Befreiungsschlag so umfassend aus. In einigen Gemeinden bleibt die Lage angespannt. Dort gelten weiterhin Einschränkungen, wenn auch deutlich gelockerte. Der Grund liegt unter der Oberfläche. Tiefe Grundwasserleiter, insbesondere in kalkreichen, geologisch komplexen Zonen, reagieren träge. Das Wasser muss erst versickern, Schicht für Schicht, ein Prozess, der Wochen oder Monate dauert. Regen allein löst das Problem nicht über Nacht.

Diese Ungleichzeitigkeit prägt die aktuelle Situation. Sichtbare Fülle an der Oberfläche, fragile Reserven im Untergrund. Wer genau hinschaut, erkennt die Ambivalenz. Ja, die Quellen sprudeln wieder. Ja, manche Flüsse führen ordentlich Wasser. Und doch bleibt das System verletzlich. Ein trockener Frühling oder ein heißer Sommer könnten die Fortschritte rasch wieder zunichtemachen.

Gerade deshalb mahnen Behörden und Wasserverbände zur Vorsicht. Der Appell lautet nicht Verzicht um jeden Preis, sondern Maß und Augenmaß. Sparsamer Umgang, angepasste Nutzung, regionale Unterschiede ernst nehmen. Es ist eine leise, aber deutliche Botschaft: Der Regen hat geholfen, doch er hat die strukturellen Probleme nicht weggewischt.

Denn die Trockenheit der vergangenen Jahre war kein Zufall, sondern Symptom. Der Klimawandel verändert den Rhythmus der Niederschläge. Längere Dürreperioden wechseln sich mit kurzen, intensiven Regenereignissen ab. Für die Wasserwirtschaft ist das eine enorme Herausforderung. Speicher, Leitungen, Bewässerungssysteme, all das wurde für ein anderes Klima konzipiert. Jetzt gerät dieses Modell ins Wanken.

In den Pyrénées-Orientales zeigt sich das besonders deutlich. Landwirtschaft, Tourismus, wachsende Städte, all diese Faktoren konkurrieren um eine Ressource, die nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist. Der jüngste Regen verschafft Zeit. Mehr nicht. Zeit, um Konzepte zu überdenken, um Infrastruktur anzupassen, um über Wiederverwendung, effizientere Bewässerung und neue Speicherformen nachzudenken.

Die Menschen vor Ort wissen das. Viele haben gelernt, mit wenig Wasser auszukommen. Sie haben Zisternen gebaut, Pflanzen ausgetauscht, Gewohnheiten geändert. Diese Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit den ersten gefüllten Becken. Und vielleicht ist das die stille Hoffnung dieser Episode: dass die Erinnerung an die Dürre länger anhält als der Applaus für den Regen.

Der Winter 2025/26 markiert damit eine Zäsur. Nicht das Ende der Wasserkrise, aber eine Atempause. Eine Gelegenheit, innezuhalten, ohne sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Die Natur hat geliefert, was sie lange schuldig geblieben war. Nun liegt es an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, daraus mehr zu machen als nur einen kurzen Moment der Erleichterung.

Denn eines ist sicher: Der nächste trockene Sommer kommt bestimmt. Die Frage ist nur, wie gut man darauf vorbereitet sein wird.

Von Daniel Ivers

Neues E-Book bei Nachrichten.fr







Du möchtest immer die neuesten Nachrichten aus Frankreich?
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!