Tag & Nacht


Es gibt diese seltenen Momente, in denen ein Ort über sich hinauswächst. Sète, sonst ein ruhiger Hafen im Süden Frankreichs, gehört alle zwei Jahre genau dazu. Dann legt sich ein leiser Zauber über die Kais, und plötzlich scheint die ganze Welt auf dem Wasser versammelt.

Die poetische Formulierung von den „leuchtenden Segelschiffen“ trifft dabei einen Nerv – auch wenn sie die Wirklichkeit romantisch überhöht. Denn hinter diesem Bild steht ein präzise geplantes Großereignis: das Festival „Escale à Sète“.

Schon beim ersten Blick wird klar, dass hier nichts dem Zufall überlassen ist. Rund 120 Schiffe laufen ein, viele davon mit jahrzehntelanger, manche sogar jahrhundertealter Geschichte. Ihre Masten ragen wie ein Wald aus Holz und Stahl in den Himmel, Flaggen flattern im Wind, und das Licht des Mittelmeers bricht sich in Segeln und Lackierungen. Ja, es wirkt tatsächlich, als würde der Hafen leuchten.

Aber das Spektakel erschöpft sich nicht im bloßen Anschauen. Wer durch die Gassen entlang der Kais schlendert, merkt schnell: Hier pulsiert mehr als nur maritime Nostalgie. Musik dringt aus allen Richtungen, Stimmen mischen sich in unterschiedlichsten Sprachen, und zwischen den Schiffen entstehen Begegnungen, die man so schnell nicht vergisst.



Man kann an Bord gehen, sich durch enge Kajüten bewegen, mit Seeleuten sprechen, die Geschichten von fernen Küsten erzählen. Und plötzlich wird Geschichte greifbar – nicht als trockene Jahreszahl, sondern als gelebte Erfahrung.

Das Ganze hat etwas wunderbar Unaufgeregtes. Trotz der Menschenmassen – und davon gibt es reichlich – bleibt die Atmosphäre erstaunlich entspannt. Vielleicht liegt es daran, dass das Meer immer eine gewisse Gelassenheit mitbringt. Oder daran, dass hier ein gemeinsames Interesse verbindet: die Faszination für Schiffe, für Reisen, für das Unbekannte.

Gleichzeitig schwingt ein leiser Widerspruch mit. Während draußen auf den Weltmeeren hochmoderne Containerschiffe lautlos ihre Routen abfahren, zelebriert Sète die Vergangenheit. Segel statt Motoren, Handwerk statt Automatisierung. Ein bisschen wirkt das wie ein liebevoll inszenierter Gegenentwurf zur Gegenwart.

Und doch liegt genau darin die Stärke des Festivals. Es erinnert daran, dass Fortschritt nicht alles ist – dass auch Geschichten, Traditionen und Bilder ihren Platz behalten dürfen.

Am Ende bleibt dieses eine Gefühl: Man steht am Kai, schaut auf die dicht gedrängten Schiffe, hört das Knarren der Masten und das leise Plätschern des Wassers – und denkt sich: Schon irgendwie magisch das Ganze.

Nicht, weil der Hafen wirklich leuchtet. Sondern weil er für einen Moment etwas sichtbar macht, das sonst oft verborgen bleibt.

Von C. Hatty

Neues E-Book bei Nachrichten.fr







Du möchtest immer die neuesten Nachrichten aus Frankreich?
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!