Es gehört zu den liebgewonnenen Selbstbeschreibungen Frankreichs, dass es ein Land der universellen Werte sei. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – kaum ein republikanisches Mantra wird so stolz vor sich hergetragen wie dieses. Und doch wirkt es, wenn man genauer hinsieht, bisweilen wie ein sorgfältig gepflegtes Bühnenbild: eindrucksvoll aus der Distanz, brüchig im Detail.
Denn wie erklärt sich ein Phänomen, das es laut republikanischer Ideologie eigentlich gar nicht geben dürfte? Rassismus – in einem Land, dessen Geschichte, Gegenwart und gesellschaftliche Realität ohne Vielfalt schlicht nicht denkbar wären.
Frankreich ist nicht nur die Grande Nation des europäischen Festlands. Es ist auch Karibik, Indischer Ozean, Pazifik. Es ist Guadeloupe, Réunion, Martinique. Es ist ein historisch gewachsenes Netzwerk von Beziehungen, Verflechtungen – und ja, auch Abhängigkeiten – mit Nordafrika, insbesondere mit Algerien, Marokko und Tunesien. Millionen Menschen in Frankreich haben familiäre, kulturelle oder biografische Wurzeln in diesen Regionen.
Und dennoch: Rassismus existiert. Hartnäckig, alltäglich, manchmal laut, oft leise. Wie passt das zusammen?
Vielleicht liegt die Antwort in der französischen Art, Unterschiede zu behandeln – oder genauer: sie nicht zu behandeln. Der republikanische Universalismus kennt keine Hautfarben, keine Ethnien, keine Minderheiten. Er kennt nur Bürger. Das klingt nobel, beinahe erhaben. Es hat etwas Tröstliches: Wenn alle gleich sind, kann es keine Ungleichheit geben.
Nur ist die Wirklichkeit selten so höflich, sich an ideologische Vorgaben zu halten.
Wer in den Banlieues lebt, wer einen Namen trägt, der nicht nach französischer Provinz klingt, wer eine Hautfarbe hat, die nicht dem impliziten Standard entspricht – der weiß, dass Gleichheit in Frankreich oft eine abstrakte Kategorie bleibt. Eine Idee, kein Zustand.
Es ist eine eigentümliche Form der Blindheit: Man erklärt Unterschiede für irrelevant und wundert sich dann, dass sie dennoch wirken. Man verbietet statistische Erhebungen zu ethnischer Zugehörigkeit – aus guten historischen Gründen – und beraubt sich zugleich eines Instruments, um Diskriminierung sichtbar zu machen. Unsichtbarkeit als politische Strategie. Was man nicht misst, existiert nicht. Oder?
Der französische Staat sagt: „Wir sehen keine Farben.“ Die Gesellschaft antwortet: „Aber wir behandeln sie unterschiedlich.“
Das Ergebnis ist eine kognitive Dissonanz, die sich durch den gesamten öffentlichen Diskurs zieht. Wenn über Rassismus gesprochen wird, dann oft verklausuliert, indirekt, mit begrifflichen Verrenkungen. Es ist, als dürfe man ein Problem nur dann anerkennen, wenn man es nicht beim Namen nennt.
Und doch bricht es sich Bahn. In Polizeikontrollen, die auffällig oft die gleichen treffen. In Bewerbungen, die auffällig oft unbeantwortet bleiben. In politischen Debatten, in denen Begriffe wie „Identität“ und „Integration“ zu Chiffren geworden sind – höflich formulierte Platzhalter für eine unbequeme Realität.
Der Sarkasmus liegt in der Situation selbst: Ein Land, das sich seiner Vielfalt rühmt, tut sich schwer, sie zu akzeptieren. Ein Staat, der Gleichheit predigt, produziert Ungleichheit – nicht aus bösem Willen allein, sondern aus struktureller Trägheit und historischer Verdrängung.
Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass es Rassismus in Frankreich gibt. Sondern dass er so schlecht in das eigene Selbstbild passt.
Denn wer sich als universell versteht, hat wenig Übung im Umgang mit dem Partikularen. Wer glaubt, das Problem theoretisch gelöst zu haben, erkennt es praktisch oft zu spät.
Und so steht Frankreich vor einer unbequemen Frage: Ist es möglich, Gleichheit zu leben, ohne Unterschiede zu sehen? Oder anders gefragt – und weniger höflich: Wie lange kann man sich noch einreden, dass ein blinder Fleck kein Fleck ist?
Die Antwort darauf wird nicht auf den Straßen allein entschieden, nicht in Sonntagsreden und nicht in wohlformulierten Verfassungsartikeln. Sie wird sich im Alltag zeigen – dort, wo die Republik nicht behauptet wird, sondern sich bewähren muss.
Bis dahin bleibt Frankreich ein Land der großen Worte. Und der ebenso großen Widersprüche.
Ein Kommentar von Christine Macha
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