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Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 gilt als einer der symbolträchtigsten Momente des 20. Jahrhunderts. Doch kaum ein Detail dieser historischen Zäsur ist so wenig bekannt wie die Tatsache, dass das Deutsche Reich seine Niederlage gleich zweimal formell besiegeln musste. Hinter dieser doppelten Unterzeichnung verbarg sich weit mehr als ein bürokratischer Vorgang. Sie markierte bereits die politischen Spannungen, die nur wenig später in den Kalten Krieg münden sollten.

Die erste Kapitulation in Reims

Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Schauplatz war das Hauptquartier der westalliierten Streitkräfte unter General Dwight D. Eisenhower. Das Dokument sah vor, dass sämtliche Kampfhandlungen am 8. Mai um 23:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit eingestellt werden sollten.

Für die westlichen Alliierten war damit der Krieg in Europa faktisch beendet. Die militärische Lage ließ dem Deutschen Reich längst keinen Handlungsspielraum mehr. Berlin war gefallen, Adolf Hitler hatte am 30. April Selbstmord begangen, und die verbliebenen Machtstrukturen des NS-Staates befanden sich im völligen Zerfall.

Die Kapitulation in Reims war daher in erster Linie ein militärischer Akt. Sie sollte das sofortige Ende der Kampfhandlungen sicherstellen und weiteres Blutvergießen verhindern. Millionen Soldaten befanden sich noch an den Fronten oder in Bewegung Richtung Westen, um sich lieber amerikanischen oder britischen Truppen zu ergeben als der Roten Armee.



Stalins Unzufriedenheit

Für Josef Stalin war die Unterzeichnung in Reims jedoch politisch unzureichend. Die Sowjetunion hatte den mit Abstand höchsten Blutzoll des Krieges getragen. Schätzungen zufolge verlor sie rund 27 Millionen Menschen. Die entscheidenden Schlachten gegen die Wehrmacht — von Stalingrad über Kursk bis zur Einnahme Berlins — waren überwiegend von der Roten Armee geführt worden.

Aus sowjetischer Sicht war es deshalb nicht akzeptabel, dass die endgültige Kapitulation außerhalb Berlins und unter dominanter Kontrolle der Westalliierten stattfand. Stalin verlangte eine zweite, feierlichere Zeremonie in der Hauptstadt des besiegten Reiches. Damit sollte nicht nur die militärische Realität anerkannt werden, sondern auch die politische Bedeutung des sowjetischen Sieges.

Hinzu kam ein wachsendes Misstrauen zwischen den Alliierten. Obwohl die Anti-Hitler-Koalition den Krieg gemeinsam gewonnen hatte, waren die Interessengegensätze zwischen Moskau, Washington und London bereits deutlich sichtbar. Stalin befürchtete, die westlichen Mächte könnten versuchen, die Rolle der Sowjetunion im historischen Narrativ zu relativieren.

Die zweite Unterzeichnung in Berlin

Unter sowjetischem Druck wurde deshalb eine zweite Kapitulationszeremonie organisiert. Sie fand in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst statt.

Diesmal unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Kapitulationsurkunde für die Wehrmacht. Anwesend waren Vertreter aller Alliierten, darunter der sowjetische Marschall Georgi Schukow sowie Vertreter der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs.

Formal bestätigte das Berliner Dokument lediglich die bereits in Reims vereinbarte Kapitulation. Politisch jedoch besaß die zweite Unterzeichnung enorme Bedeutung. Sie stellte sicher, dass die Sowjetunion im Zentrum der historischen Inszenierung stand. Berlin, die zerstörte Hauptstadt des „Dritten Reiches“, wurde damit zum symbolischen Ort des endgültigen Zusammenbruchs der nationalsozialistischen Herrschaft.

Die Atmosphäre der Zeremonie spiegelte bereits die veränderten Machtverhältnisse wider. Während die westlichen Alliierten die Unterzeichnung eher als technische Bestätigung betrachteten, verstand Moskau sie als geopolitische Demonstration des eigenen Sieges und Einflusses in Europa.

Warum der 8. und der 9. Mai bis heute parallel existieren

Die doppelte Kapitulation erklärt auch, weshalb das Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute an unterschiedlichen Tagen begangen wird.

In Westeuropa gilt der 8. Mai als offizieller Tag des Kriegsendes. Grundlage ist der Zeitpunkt des Inkrafttretens der ersten Kapitulation von Reims. Frankreich begeht den Tag bis heute als nationalen Gedenktag.

In Russland sowie in mehreren Staaten der ehemaligen Sowjetunion wird hingegen am 9. Mai der „Tag des Sieges“ gefeiert. Der Grund liegt in der Zeitverschiebung: Als die Berliner Kapitulation endgültig bestätigt wurde, war in Moskau bereits nach Mitternacht.

Aus dieser zeitlichen Differenz entwickelte sich über Jahrzehnte eine eigenständige Erinnerungskultur. Während in Westeuropa häufig das Ende von Krieg und Diktatur im Mittelpunkt steht, betont Russland traditionell den heroischen Sieg der Sowjetunion über den Nationalsozialismus.

Insbesondere unter Wladimir Putin gewann der 9. Mai zusätzlich an politischer Bedeutung. Die jährlichen Militärparaden auf dem Roten Platz dienen nicht nur dem historischen Gedenken, sondern auch der nationalen Selbstvergewisserung und der Demonstration geopolitischer Stärke.

Der Übergang in die Nachkriegsordnung

Die doppelte Kapitulation war damit weit mehr als ein historisches Kuriosum. Sie markierte den Übergang von der gemeinsamen Kriegsallianz zur Konkurrenz der Siegermächte.

Schon wenige Wochen nach Kriegsende zeigten sich die Bruchlinien der Nachkriegsordnung deutlich. Europa wurde in Besatzungszonen aufgeteilt, Deutschland verlor seine staatliche Souveränität, und zwischen Ost und West entstand rasch ein ideologischer Machtkampf.

Die unterschiedlichen Erinnerungen an den 8. und 9. Mai spiegeln diese Entwicklung bis heute wider. Während in Westeuropa die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft im Vordergrund steht, versteht Russland den Sieg vor allem als Ausdruck eigener historischer Opferbereitschaft und militärischer Stärke.

So erzählt die doppelte Unterzeichnung der deutschen Kapitulation nicht nur vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie verweist zugleich auf den Beginn einer neuen geopolitischen Epoche, in der sich ehemalige Verbündete zunehmend als Rivalen gegenüberstanden.

Autor: Andreas M. Brucker

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