Tag & Nacht


Keine fünf Monate vor dem Eröffnungsspiel des FIFA World Cup 2026 schiebt sich ein Thema nach vorn, das eigentlich am Rand des Sports stehen sollte und nun mitten im Strafraum liegt. In europäischen Medien, in Parlamenten, an den Stammtischen der Fußballkneipen wird plötzlich gefragt, ob man dieses Turnier boykottieren müsse. Nicht wegen fehlender Stadien, nicht wegen Korruption bei der Vergabe, sondern wegen der politischen Kulisse. Genauer gesagt wegen der Rolle von Donald Trump, der die Weltmeisterschaft als Teil seiner politischen Erzählung entdeckt hat.

Der Fußball, sonst ein Ort der Ersatzreligion, der kollektiven Ekstase und der kurzen Fluchten aus dem Alltag, steht wieder einmal unter politischer Hochspannung. Die WM 2026, gemeinsam ausgerichtet von den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko, sprengt schon rein sportlich alle bisherigen Dimensionen. 48 Mannschaften, über hundert Spiele, eine logistische Mammutaufgabe. Doch je näher der Anpfiff rückt, desto stärker überlagern außenpolitische Konflikte und innenpolitische Inszenierungen den sportlichen Kern.

Trump versteht Großereignisse. Er weiß, wie Bilder wirken, wie Symbole sich aufladen lassen. In seinen öffentlichen Auftritten taucht das Turnier als Beweis amerikanischer Stärke auf, als Schaufenster einer Nation, die sich selbst gern als Mittelpunkt der Welt betrachtet. Für viele Beobachter in Europa wirkt diese Vereinnahmung wie ein rotes Tuch. Der Fußball, so die Sorge, werde hier zum Spielzeug der Macht, zum „Joujou“, das politische Botschaften transportiert, ob er will oder nicht.

Die Kritik entzündet sich an mehreren Punkten, die sich im öffentlichen Diskurs überlagern. Da ist die aggressive Außenpolitik, die wiederholten Drohgebärden gegenüber Verbündeten, wirtschaftliche Druckmittel, die eher an Pokerrunden als an Diplomatie erinnern. Da sind die restriktiven Einreisebestimmungen, die bei Funktionären, Journalisten und Fans Zweifel säen, ob ein globales Turnier unter solchen Bedingungen wirklich offen für alle bleibt. Und da ist die Frage der inneren Sicherheit, die Bilder von hartem Vorgehen föderaler Behörden wachruft und das Narrativ vom „neutralen Gastgeber“ beschädigt.



In diesem Klima melden sich Stimmen zu Wort, die einen Boykott als legitimes politisches Mittel betrachten. Der Gedanke dahinter wirkt zunächst simpel: Wenn der Fußball eine Bühne mit Milliardenpublikum darstellt, dann lasse sich über Abwesenheit ein Zeichen setzen. Kein Anpfiff, keine Bilder, keine mediale Aufwertung. Der Sport als Hebel gegen politische Exzesse. Diese Idee hat Geschichte, von Olympia in Moskau bis zu anderen Großereignissen, die unter dem Gewicht weltpolitischer Konflikte ächzten.

Besonders pikant erscheint, dass sich auch alte Bekannte aus dem Inneren des Fußballsystems einmischen. Sepp Blatter, lange selbst Symbol für die Verquickung von Macht und Sport, forderte öffentlich Fans auf, den Vereinigten Staaten fernzubleiben. Ausgerechnet er, der einst jede Politisierung des Fußballs rhetorisch bekämpfte, sieht nun im Boykott ein Signal. Ironie gehört im Fußball eben immer dazu.

Doch so laut die Debatte geführt wird, so ernüchternd fällt der Blick auf die Realität aus. Nationale Verbände, Spieler, Trainer – sie alle reagieren auffallend nüchtern. In Frankreich etwa wird unmissverständlich klargemacht, dass die Teilnahme der Nationalmannschaft nicht zur Disposition steht. Auch andere große Fußballnationen halten Abstand von Boykottfantasien. Der sportliche Wettbewerb, so das Argument, dürfe nicht zur Geisel politischer Auseinandersetzungen werden. Die Leidtragenden wären am Ende jene, die keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen im Weißen Haus besitzen.

Hinter dieser Haltung steckt auch Erfahrung. Boykotte treffen selten die politisch Verantwortlichen. Sie treffen Athleten, deren Karrierefenster kurz ist, sie treffen Fans, für die ein WM-Spiel ein einmaliges Erlebnis darstellt. Und sie treffen den Sport selbst, der in einer ohnehin fragmentierten Welt weiter an integrativer Kraft verliert. Wer den Fußball aus Protest verlässt, überlässt die Bühne anderen.

Auch die Rolle der FIFA trägt zur Skepsis bei. Der Weltverband bemüht sich, die Debatte zu neutralisieren, spricht von Einheit, Frieden und globaler Verständigung. Kritiker sehen darin eher eine Flucht nach vorn, gar eine Form des Sportswashings. Wenn politische Akteure mit symbolischen Preisen und freundlichen Gesten umarmt werden, wirkt das schnell wie ein Geschäft auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Vertrauen entsteht so nicht, eher das Gefühl, dass wirtschaftliche Interessen schwerer wiegen als moralische Klarheit.

Unter den Fans zeigt sich ein gemischtes Bild. In sozialen Netzwerken kursieren Berichte über stornierte Tickets, über bewussten Verzicht aus Protest. Gleichzeitig planen Millionen ihre Reisen, vergleichen Flugpreise, träumen vom ersten WM-Spiel auf amerikanischem Boden. Zwischen digitalem Aufschrei und tatsächlichem Handeln klafft eine Lücke, die größer kaum sein könnte. Empörung klickt sich leichter, als sie sich durchhält.

Vielleicht liegt genau hier der Kern der Debatte. Der Ruf nach Boykott sagt weniger über die reale Wahrscheinlichkeit eines Fernbleibens aus als über eine tieferliegende Verunsicherung. Der internationale Sport verliert seine Selbstverständlichkeit als unpolitischer Raum. Jede Weltmeisterschaft trägt heute einen politischen Beipackzettel, jede Gastgebernation steht unter Beobachtung. Russland, Katar, nun die USA. Der Maßstab verschiebt sich, die Geduld schrumpft.

Ob die WM 2026 tatsächlich zum politischen Spielball wird, entscheidet sich nicht allein in Regierungspalästen oder FIFA-Zentralen. Es entscheidet sich in der Haltung der Zuschauer, im Umgang der Medien mit der Inszenierung, im Mut, Widersprüche offen zu benennen, ohne gleich den Stecker zu ziehen. Der Fußball, dieses erstaunlich robuste Gebilde, lebt von seiner Fähigkeit, Spannungen auszuhalten. Er war nie unpolitisch, er tat nur lange so.

Der Anpfiff wird kommen. Die Stadien füllen sich, die Hymnen erklingen, die ersten Tore fallen. Ob im Hintergrund Protest mitschwingt oder nicht, bleibt offen. Sicher scheint nur eines: Diese Weltmeisterschaft erzählt bereits jetzt mehr über den Zustand der Welt als über Taktiktafeln und Abseitslinien.

Autor: Andreas M. Brucker

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