Tag & Nacht


Warum die Bretagne im Regen steht – und warum das Wasser nicht so schnell wieder geht

Es beginnt unspektakulär.
Kein Donnern. Kein reißender Strom. Kein dramatischer Moment für die Abendnachrichten.

Nur Regen.
Immer wieder Regen.

In diesen Januartagen steigt das Wasser in der Bretagne nicht plötzlich, sondern beharrlich. Es sickert, sammelt sich, schiebt sich voran. Zentimeter für Zentimeter. Und genau darin liegt die Gefahr. Hochwasser, das leise kommt, bleibt oft am längsten.




Ein Landstrich im Wartemodus

Seit Tagen stehen alle vier bretonischen Départements unter Hochwasserwarnung. Besonders angespannt ist die Lage in Ille-et-Vilaine und im Morbihan. Straßen sind gesperrt, Keller geflutet, mobile Schutzwände errichtet. In Redon spannt sich eine 500 Meter lange Metallbarriere durch die Stadt – montiert mit Hilfe von Armee und Zivilschutz.

Am Mittwoch gab es eine kurze Atempause.
Doch sie täuscht.

Denn für das kommende Wochenende kündigt Météo-France erneut kräftige Niederschläge an. Regen auf Regen. Auf Böden, die längst nichts mehr aufnehmen können.


Der Winter, in dem es nicht aufhört zu regnen

Ausgelöst wurde die jüngste Regenserie durch Sturm Chandra, der sich über der Keltischen See formte und Richtung Britische Inseln zog. Zwischen Montag und Dienstag fielen regional 20 bis 40 Liter Niederschlag.

Das allein wäre in der Bretagne kaum der Rede wert.
Doch dieser Regen fiel auf einen Winter, der bereits außergewöhnlich nass ist.

„Im diesem Januar liegen wir regional bei etwa dem Doppelten der üblichen Niederschlagsmenge“, sagt Patrick Galois, Meteorologe bei Météo-France.

Manche Orte haben historische Marken überschritten. In Sizun im Finistère wurden bis zum 28. Januar 366 Liter pro m2 gemessen, in Ploudaniel fast 300. Werte, die sonst über ein ganzes Jahr verteilt fallen.

Und der Monat war noch nicht vorbei.


Wenn der Boden aufgibt

Regen ist nicht gleich Regen. Entscheidend ist, was darunter liegt.

Nach Wochen fast ununterbrochener Niederschläge sind die Böden der Bretagne vollständig gesättigt. Die Poren sind gefüllt, der Speicher ist belegt. Jeder neue Schauer läuft oberflächlich ab – direkt in Gräben, Bäche, Flüsse.

Hydrologen sprechen von stark verminderter Infiltration.
Anschaulicher gesagt: Der Boden hat aufgegeben.

Das erklärt, warum Flüsse wie die Laïta bei Quimperlé oder der Oust bei Malestroit über die Ufer getreten sind. Am Oust wurde ein Pegelstand von 3,41 Metern gemessen. Kein Rekord – aber genug, um Straßen, Felder und Keller unter Wasser zu setzen.


Die trügerische Logik des Hochwassers

Wer Hochwasser nur aus alpinen oder mediterranen Regionen kennt, erwartet Dramatik. Innerhalb weniger Stunden schwillt ein Bach zum reißenden Strom an. In der Bretagne funktioniert das anders.

Hier ist das Relief flach, die Flüsse lang, die Einzugsgebiete weit verzweigt. Wasser braucht Zeit. Manchmal einen Tag. Manchmal zwei.

„Zwischen Niederschlag und Hochwasser gibt es einen deutlichen zeitlichen Versatz“, erklärt Patrick Galois. „Selbst wenn es aufhört zu regnen, kann der Pegel weiter steigen.“

Das macht diese Lage so schwer einschätzbar. Die Gefahr verschwindet nicht mit den Wolken.


Wenn der Wind das Wasser festhält

Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Faktor: der Wind.

Starker Westwind kann den Abfluss der Flüsse ins Meer bremsen – besonders bei hohen Gezeiten. Das Wasser staut sich zurück, als würde jemand den Abfluss zudrücken. Fluss und Ozean geraten in ein unruhiges Wechselspiel.

Meteorologie trifft Hydrologie.
Und zeigt, wie komplex Hochwasser wirklich ist.


Eine sanfte Flut – und genau deshalb gefährlich

Der Bürgermeister von Rieux beschreibt die Lage treffend: Diese Flut sei „sanft“ – und gerade deshalb heimtückisch. Kein plötzlicher Schock, sondern ein langsames Vordringen. Das Wasser kommt von unten, aus dem Boden, aus den Kanälen, aus den Flüssen.

Ich habe solche Situationen oft erlebt, bei Forschungsaufenthalten in Nordwesteuropa. Sie sind psychologisch belastend. Weil es kein klares Ende gibt. Weil man wartet. Und wartet. Und das Wasser bleibt.


Der größere Zusammenhang

Dass solche Winter häufiger werden, ist kein Zufall.

Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen – etwa sieben Prozent pro Grad Erwärmung. Das ist einfache Physik. Und sie hat Folgen: intensivere Niederschläge, vor allem im Winterhalbjahr.

Langfristige Analysen des IPCC und der WMO zeigen übereinstimmend: In Nordeuropa nehmen die Winterniederschläge zu. Auch an der Atlantikküste. Auch in der Bretagne.

Nicht jedes Hochwasser ist „Klimawandel“.
Aber der Hintergrund wird nasser.


Wer besonders betroffen ist

Hochwasser ist selten gerecht.

Es trifft oft jene, die in tiefer gelegenen Gebieten wohnen, in schlecht isolierten Häusern, ohne umfassenden Versicherungsschutz. Schäden ziehen sich hin. Schimmel, Wertverlust, psychische Belastung. Vieles davon taucht in keiner Statistik auf.

Klimaanpassung ist deshalb mehr als Technik. Sie ist eine soziale Aufgabe.


Was bleibt

Die Bretagne ist gut vorbereitet. Frühwarnsysteme funktionieren, Einsatzkräfte sind erfahren, Kommunen handeln entschlossen. Und doch zeigt dieser Winter die Grenzen des Machbaren.

Das Wasser kommt leise.
Und es bleibt.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob solche Winter wiederkehren.
Sondern wie wir lernen, mit ihnen zu leben – klüger, gerechter, vorausschauender.

Denn Regen wird es immer geben.
Aber wie viel Schaden er anrichtet, liegt auch in unserer Hand.

Autor: Andreas M. Brucker

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