Man reibt sich die Augen, schaut auf den Kalender, prüft die Schlagzeilen noch einmal. Nein, kein Aprilscherz. Es ist Dezember. Hochsaison. Paris im Lichterglanz. Und der Louvre? Geschlossen. Oder halb offen. Oder vielleicht gleich ganz zu. Je nach Tagesform, Streikbeschluss und Laune der Betriebsversammlung. Das größte Museum der Welt, der Stolz der Nation, ein kultureller Leuchtturm – und plötzlich ein Museum ohne Publikum. Fast schon eine Performance. Konzeptkunst auf Staatsniveau.
Was ist denn los im Louvre? Die kurze Antwort: alles. Die lange Antwort: jahrelang ignorierte Probleme, jetzt serviert auf dem Silbertablett der Weihnachtsferien. Die Mona Lisa lächelt. Natürlich. Sie hat schon Schlimmeres gesehen. Revolutionen, Kriege, Selfiesticks. Aber das hier? Ein Museum, das unter seinem eigenen Gewicht ächzt, verwaltet von einer Bürokratie, die lieber über Ticketpreise philosophiert als über Menschen, die morgens die Türen aufschließen sollen – sofern sie es noch tun.
Denn genau da beginnt das Drama. Oder die Farce. Oder beides. Während draußen die Reisegruppen frieren, die Kreditkarten gezückt und die Erwartungen hoch, sitzen drinnen Angestellte in Assemblées générales und diskutieren, ob man heute überhaupt öffnet. Sicherheitspersonal fehlt. Aufsicht fehlt. Empfang fehlt. Dafür gibt es reichlich Symbolik. Ein Museum, das täglich zehntausende Besucher anzieht, aber offenbar nicht genug Menschen findet, um sie zu begrüßen. Man könnte lachen, wenn es nicht so unerquicklich wäre.
Natürlich geht es um Arbeitsbedingungen. Um Unterbesetzung. Um bröckelnde Wände und endlose Gänge, in denen zu wenige Augen wachen. Um Löhne, die mit der internationalen Strahlkraft des Hauses ungefähr so viel zu tun haben wie ein Museumsshop-Magnet mit der Venus von Milo. Und ja, all das ist real. All das ist berechtigt. Wer je an einem Samstag durch die Grande Galerie geschoben wurde wie ein Koffer auf dem Gepäckband, weiß: Das ist kein Spaziergang, das ist Dienst am Weltkulturerbe.
Aber dann ist da diese typisch französische Choreografie. Der Streik als ultima ratio, aber bitte pünktlich zur Hochsaison. Der Kulturbetrieb als Bühne des sozialen Protests. Der Louvre als politisches Statement. Man sperrt nicht irgendein Museum. Man sperrt den Louvre. Wenn schon, denn schon. Aufmerksamkeit garantiert. Internationale Schlagzeilen inklusive. Paris, die Stadt der Liebe – heute leider geschlossen, versuchen Sie es morgen noch einmal.
Die Ironie ist kaum zu überbieten. Da wird seit Monaten über höhere Eintrittspreise für Nicht-Europäer diskutiert, als ließe sich ein strukturelles Problem mit ein paar Euro mehr pro Ticket zudecken. Man denkt in Tarifen, nicht in Tragfähigkeit. In Einnahmen, nicht in Alltag. Währenddessen arbeiten Menschen in einem Gebäude, das mehr Geschichte trägt als so manches Ministerium, unter Bedingungen, die man höflich als angespannt bezeichnen könnte. Unhöflich gesprochen: Das Haus brennt, aber man diskutiert über die Farbe der Feuerlöscher.
Und dann diese fast schon poetische Gleichzeitigkeit. Auf der einen Seite der Anspruch, ein globales Museum zu sein, offen für die Welt, modern, inklusiv, sicher. Auf der anderen Seite Flure, die dringend saniert gehören, Sicherheitskonzepte, die nach dem letzten großen Skandal eher Vertrauen als Realität vermitteln, und Personal, das seit Jahren darauf hinweist, dass man nicht unbegrenzt mit immer weniger Menschen immer mehr Besucher durchschleusen kann. Surprise: Irgendwann streikt jemand.
Für die Besucher ist das alles schwer vermittelbar. Der Louvre ist kein beliebiges Museum. Er ist eine Verheißung. Ein Pflichttermin. Ein Lebensereignis. Man kommt aus Seoul, São Paulo oder Stuttgart, steht früh auf, plant monatelang – und dann: Türen zu. Oder nur ein Spalt. Die Enttäuschung lässt sich in Gesichtern ablesen. Auch das gehört inzwischen zur Ausstellung. Menschliche Reaktionen auf institutionelles Versagen.
Die Direktion verweist auf Dialogbereitschaft. Die Gewerkschaften auf jahrelange Ignoranz. Beide Seiten sprechen, aber offenbar nicht dieselbe Sprache. Und irgendwo dazwischen steht der Staat, der Eigentümer, der Aufseher, der Kulturhüter. Man fragt sich, wie lange dieses Spiel noch gut geht. Wie oft man das internationale Publikum noch als Kollateralschaden eines internen Konflikts hinnehmen will. Wie oft man den Mythos Louvre strapazieren kann, bevor er Risse bekommt.
Denn das ist der eigentliche Skandal. Nicht der Streik an sich. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der er hingenommen wird. Ach, der Louvre streikt? Schon wieder? Schulterzucken. Man hat sich fast daran gewöhnt, dass selbst die größten Symbole dieser Republik knirschen, knacken, ausfallen. Infrastruktur, Bildung, Kultur – alles ein bisschen müde, alles ein bisschen überlastet. Aber der Louvre? Der sollte doch funktionieren. Immer. Gerade dann, wenn alle hinschauen.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht ist dieser Streik kein Betriebsunfall, sondern ein Spiegel. Ein Spiegel einer Kulturpolitik, die gern mit großen Worten glänzt, aber im Alltag spart. Einer Verwaltung, die Weltgeltung erwartet, aber Provinzmittel bereitstellt. Einer Gesellschaft, die ihre kulturellen Aushängeschilder liebt – solange sie reibungslos funktionieren und nichts kosten, außer Eintritt.
Mona Lisa lächelt weiter. Sie hat Zeit. Die Besucher nicht. Und die Angestellten auch nicht. Der Louvre steht still, und mit ihm eine Illusion: dass Größe allein genügt. Dass Geschichte automatisch Zukunft garantiert. Dass man ein Weltmuseum wie eine Kulisse behandeln kann. Spoiler: Kann man nicht. Irgendwann streikt nicht nur das Personal. Irgendwann streikt das System.
Ein Kommentar von Andreas M. Brucker
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