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Wenn das Rassemblement National (RN) bei den vorgezogenen Parlamentswahlen eine Mehrheit gewinnen sollte, hat Marine Le Pen angekündigt, nicht Premierministerin werden zu wollen. Stattdessen würde sie ihren Stellvertreter Jordan Bardella für diesen Posten vorschlagen. Doch warum trifft sie diese Entscheidung?

Ein langer geplanter Schachzug

Seit dem Herbst 2023 verfolgt das RN das Konzept eines Duos, das sowohl bei den Europawahlen als auch bei den Präsidentschaftswahlen 2027 antreten soll. Marine Le Pen erklärte im Oktober 2023 auf France 3: „Ich möchte den Franzosen bei der nächsten Präsidentschaftswahl ein Duo mit Jordan Bardella anbieten.“ Dieses Duo wurde im Januar 2024 offiziell vorgestellt und wird seitdem konsequent verfolgt.

Die Ankündigung von Emmanuel Macron, die Nationalversammlung aufzulösen, hat den Zeitplan zwar beschleunigt, aber der Plan bleibt unverändert. Gaëtan Dussausaye, ein EU-Abgeordneter des RN, bekräftigt: „Das ist das Gewinnerticket, das wir den Franzosen vorgestellt haben. Wenn sie uns die Mehrheit geben, ist es normal, dass Jordan Bardella Premierminister wird, um unser Programm für die kommenden drei Jahre umzusetzen und die Ankunft von Marine Le Pen im Elysée 2027 vorzubereiten.“

Vorbereitung auf die Präsidentschaftswahl 2027

Marine Le Pen hat den Blick fest auf die Präsidentschaftswahl 2027 gerichtet. Als dreifache Kandidatin (2012, 2017, 2022) sieht sie sich weiterhin als die beste Wahl für das Amt der Staatschefin. Sie betonte im Oktober 2023 auf France 3: „Wenn ich mich nicht entscheide, nicht für die Präsidentschaftswahl zu kandidieren, bin ich, so scheint es mir, die am besten geeignete Kandidatin.“

Durch die Aufteilung der Rollen im Exekutivteam bleibt Marine Le Pen im Hintergrund und betont gleichzeitig ihre hierarchische Überlegenheit gegenüber ihrem 28-jährigen Stellvertreter Jordan Bardella, der derzeit den Parteivorsitz innehat. Diese Strategie hat auch den Vorteil, dass Marine Le Pen im Falle eines Scheiterns einer Koalition nicht direkt betroffen wäre. Bardella hingegen wäre als Premierminister sehr exponiert und könnte bei Misserfolg für die aktuelle Politik verantwortlich gemacht werden – ein Risiko, das viele Premierminister schmerzlich erlebt haben.

Ergänzende Stile und Generationen

Die formelle Aufteilung der Funktionen spiegelt auch die unterschiedlichen Stile von Bardella und Le Pen wider. „Er bringt einen anderen Charakter mit, es ist nicht dieselbe Generation und nicht derselbe Werdegang“, sagt Gaëtan Dussausaye. Eine Ministerin kritisierte Ende Mai, dass Le Pen oft „wütend wirkt“ und „nicht in der Lage sei, normal zu sprechen“, im Gegensatz zu Bardella, der „verführt“. Diese Unterschiede finden sich auch in Umfragen wieder. Während Bardella bei den unter 35-Jährigen beliebter ist, bevorzugen ältere Wähler und Arbeitnehmer Marine Le Pen.

Ein bevorstehender Prozess

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Rollenaufteilung ist der bevorstehende Prozess gegen Marine Le Pen. Sie wird im Herbst 2024 im Rahmen der sogenannten „Parlamentarischen Assistenten“-Affäre vor Gericht stehen. Ihr und 26 weiteren Personen wird vorgeworfen, EU-Gelder für Parteizwecke missbraucht zu haben. Während dieser Zeit wäre es für Le Pen schwierig, sowohl den Prozess zu bewältigen als auch die Regierungsgeschäfte zu führen.

Mögliche Risiken und Ambitionen

Wenn Le Pen tatsächlich Bardella den Vortritt als Premierminister lässt, könnte dies seine eigenen politischen Ambitionen stärken. Ein Vertrauter von Emmanuel Macron sieht die Gefahr, dass Bardella dadurch bis 2027 noch ambitionierter werden könnte: „Ich denke, es wird Jordan Bardella und nicht Marine Le Pen im Präsidentschaftswahlkampf 2027 sein. Wenn sie das Amt der Premierministerin ablehnt, schadet sie sich selbst für 2027. Bardella könnte dadurch beflügelt werden.“

Diese Strategie des RN zeigt eine durchdachte Planung und die Bereitschaft, sich den politischen Gegebenheiten anzupassen, um langfristige Ziele zu erreichen. Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten – spannend wird es auf jeden Fall.


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