Tag & Nacht

Am Donnerstagabend, nur drei Tage vor dem ersten Wahlgang der Parlamentswahlen, strömten mehrere tausend Menschen auf den Place de la République in Paris. Das Ziel? Die extreme Rechte stoppen. Ein Aufruf, der von einer Vielzahl an Persönlichkeiten aus Kultur und Journalismus getragen wurde. Die Veranstaltung, geprägt von einer festlichen Stimmung, fand nach einer als „zermürbend“ empfundenen Wahlkampfkampagne statt.

Eine belastende Kampagne

Sacha, eine 21-jährige Studentin, und ihre Freunde folgten dem Aufruf von über hundert Medienvertretern, Verbänden und Gewerkschaften. Darunter Namen wie Politis, Mediapart, die CGT, die CFDT, Nous Toutes und die LDH. Dieser letzte Aufruf zur Mobilisierung richtete sich gegen das Rassemblement National, bevor die Wähler am Sonntag zur Urne schreiten.

Für Sacha war dieser kurze aber heftige Wahlkampf eine schwere Zeit. Sie engagierte sich leidenschaftlich, klebte Plakate, ging von Tür zu Tür und verteilte Flyer für den Nouveau Front Populaire (NFP). Doch ihr Einsatz blieb nicht ohne Gegenwind. „Wir wurden mehrfach beleidigt. Man hat uns ‚Kindermörder‘ genannt und schreckliche Dinge wie ‚Ihr wollt Juden töten‘ und ‚Ihr seid dreckige Antisemiten‘ gesagt“, berichtet sie betroffen. Trotz der Anfeindungen fühlt sie sich durch die gemeinsame Aktion gestärkt und freut sich, dass sie sowohl Kandidaten der PS als auch der Ökologen unterstützt hat.

Gemeinsam stark

Während sich die Menge vor der Bühne versammelte, wo Reden von Persönlichkeiten wie der Schauspielerin Judith Godrèche und dem Komiker Guillaume Meurice angekündigt waren, verteilten andere Aktivisten weiterhin Flyer.

Ein vorbeikommendes Paar, angelockt von der Musik, blieb stehen, um das Konzert zu genießen. Die 56-jährige Mutter erzählte: „Wir wohnen auf dem Land, dort ist es ruhiger als in Paris, aber der Rassemblement National lag bei uns vorne. Unsere Stimme kann etwas verändern, deshalb gehen wir wählen.“

Ringen um die Wähler

Den neuesten Umfragen zufolge, durchgeführt von Ifop-Fiducial für LCI, Le Figaro und Sud Radio, liegt der Rassemblement National mit 36 % der Stimmen in Führung, gefolgt vom Nouveau Front Populaire (29 %) und Ensemble pour la République (21 %).

Die Veranstaltung „Libertés!“ setzte ein starkes Zeichen für die Freiheit – in allen ihren Formen. Agnès Rousseau, Chefredakteurin von Politis, und eine Vertreterin von Attac skandierten von der Bühne „Liberté!“ und wurden von den Anwesenden lautstark unterstützt. „Wir wissen, was es bedeutet, wenn der RN an die Macht kommt. Wir stehen hier, um der Bedrohung durch die extreme Rechte entgegenzutreten und sind stolz auf unsere Vielfalt und unseren Pluralismus“, rief Rousseau in die Menge.

Der Kampf geht weiter

Auch die Regisseurin Alice Diop meldete sich zu Wort und äußerte ihre Wut über den Aufstieg der extremen Rechten und des Rassismus. Sie gründete das Kollektiv „Nous, on vote“ – eine Initiative, um die Stimmen der benachteiligten Stadtteile zu mobilisieren und Wahlenthaltungen zu verhindern. Mit den Worten „Unsere Stunde ist gekommen, um den RN zu zerschlagen. Kommt, wir wählen!“ motivierte sie die Zuhörer.

Für Maria Da Costa Pereira, eine 62-jährige Gewerkschafterin, war die Veranstaltung von großer Bedeutung. Sie hofft auf eine höhere Wahlbeteiligung und weniger Enthaltungen. „Diese Demonstrationen sollen die Arbeiter informieren“, sagt sie. Nach den Europawahlen war sie „entsetzt“, doch nun ist sie entschlossen, weiterzukämpfen.

Ein starkes Zeichen

Das französische Innenministerium berichtete, dass bis Mittwochabend über zwei Millionen Vollmachten für die vorgezogenen Parlamentswahlen am 30. Juni und 7. Juli ausgestellt wurden – mehr als fünfmal so viele wie bei den Wahlen 2022. In Frankreich ist die Briefwahl unbekannt, weswegen man bei Verhinderung eine Person benennen muss, die stellvertretend die Stimme abgibt. Die Prognosen der Wahlforschungsinstitute deuten auf eine hohe Wahlbeteiligung hin, die über 65 % liegen könnte, im Vergleich zu 47,8 % vor zwei Jahren.

Gegen Ende der Veranstaltung kam es zu gewalttätigen Zwischenfällen. Mitglieder des rechtsextremen Kollektivs Némésis tauchten mit anti-NFP-Plakaten auf und es kam zu Auseinandersetzungen mit Demonstranten.

Der Donnerstagabend in Paris war ein kraftvolles Statement gegen den Aufstieg der extremen Rechten – ein Aufruf zur Solidarität und zum gemeinsamen Handeln.


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